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Sebastian Kehl wechselte 2002 vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund © imago

Sebastian Kehl spricht im Interview über die schwere Reha-Zeit sowie über den Wettbewerb um die Europa-League-Plätze.

Von Martin van de Flierdt

München - Als Sebastian Kehl beim 3:0-Heimsieg gegen Mönchengladbach erstmals nach zehn Monaten wieder die Mannschaft des BVB aufs Feld führte, spürte er ein gewisses Kribbeln:

"Zu Hause als Kapitän von Anfang an zu spielen war natürlich ein ganz besonderer Moment nach der langen und sehr harten Verletzungszeit", schildert er seine Gefühle bei seinem Comeback in der Startelf.

Zuvor hatte Kehl im Derby gegen Schalke seinen ersten Kurzeinsatz in dieser Saison. Langwierige Adduktoren- und Leistenprobleme hatten den 30-Jährigen immer wieder zurückgeworfen. Zwei Operationen musste er in den letzten Monaten über sich ergehen lassen.

Nun ist er wieder voll da - rechtzeitig für ein weiteres Derby.

Vor dem Spiel am Samstag in Bochum (ab 15 Uhr LIVE) spricht der Mittelfeldspieler im Sport1.de-Interview über die schwere Reha-Zeit, sein Comeback sowie über den Kampf um die Europa-League-Plätze. (DATENCENTER: Die Bundesliga)

Sport1.de: Herr Kehl, wie haben Sie im Spiel gegen Mönchengladbach Ihre Rückkehr in die Startelf des BVB nach neun Monaten erlebt?

Sebastian Kehl: Das war ein tolles und sehr emotionales Erlebnis. Ich war zwar schon im Derby auf Schalke für fünf Minuten im Einsatz. Aber zu Hause als Kapitän von Anfang an zu spielen war natürlich ein ganz besonderer Moment nach der langen und sehr harten Verletzungszeit.

Sport1.de: Was war für Sie der wichtigere Meilenstein auf dem Weg zur Rückkehr: Die ersten Ligaminuten im Derby oder der Startelfplatz gegen Mönchengladbach?

Kehl: Das ist sehr unterschiedlich zu betrachten. Gegen die "Blauen" bin ich erst kurz vor Schluss reingekommen, da lagen wir bereits 1:2 zurück. Das ist etwas anderes als wenn man von Beginn an ein Spiel mitbestimmen kann.

Sport1.de: Wie oft haben Sie nach den vielen Rückschlägen daran gezweifelt, Ihre Karriere fortsetzen zu können?

Kehl: Während der harten Reha-Phase war es schwierig, sich jeden Tag neu zu motivieren. Da bin ich hin und wieder schon ins Grübeln gekommen und habe mich gefragt, wie es weitergeht. Das war auch ein Kampf gegen mich selbst.

Sport1.de: Wie haben Sie diesen Kampf gewonnen?

Kehl: Vor nicht so langer Zeit hatte ich ja schon eine Knie-Operation. Daher war mir der ganze Prozess, der auf mich zukam, nicht fremd. Aber die Zeit in den USA und die kleinen ersten Fortschritte haben mir gezeigt, dass man den einen oder anderen schwarzen Tag vergessen sollte. Mein Ehrgeiz, wieder zurück zu kommen, war über die ganze Zeit nahezu ungebrochen. Ich wollte auch den Leuten beweisen, dass man mich nicht abschreiben sollte und ich noch lebe.

Sport1.de: Sie haben Ihre Reha-Phase in den USA angesprochen. Wie ist die Idee mit dem "Tapetenwechsel" entstanden?

Kehl: Sie war in mir schon längere Zeit gereift. Ich habe die Sache dann mit dem Reha-Betreuer und dem medizinischen Stab des BVB besprochen und mich dann entschieden das zu machen - auch um einen neuen Blick auf meine Verletzung und meinen Körper zu gewinnen. Das war für mich ein sehr wichtiger Schritt, den ich definitiv wieder machen würde.

Sport1.de: Was fehlt Ihnen noch zu 100 Prozent?

Kehl: Es wäre vermessen zu erwarten, dass ich nach einem Spiel an meiner Leistungsgrenze bin. Dazu fehlt noch einiges. Das Spiel am Samstag war sehr positiv. Sowohl für mich als auch für die Mannschaft. Aber es gibt noch eine Menge Steigerungspotential.

Sport1.de: Sie haben Lob von allen Seiten bekommen.

Kehl: Das war für mich die Bestätigung der harten Arbeit. So richtig konnte ja keiner nachvollziehen, wie schwer der Weg war, den ich gegangen bin. Und deswegen saugt man so etwas natürlich auf und freut sich, wenn man für harte Arbeit belohnt wird. Aber eine gute Leistung ist im Fußballgeschäft nichts wert, ich muss am nächsten Spieltag wieder alles geben. Ich bin lange genug dabei, um das richtig einordnen zu können.

Sport1.de: Sie haben sich nach dem Kurzauftritt gegen Schalke schon deutlich hörbar zu Wort gemeldet. Fanden Sie das nicht riskant nach so langer Verletzungspause?

Kehl: Ja, aber ich wusste, dass unsere Mannschaft in einer schwierigen Phase war. Wir hatten das Derby gegen die "Blauen" verloren und zuvor auch einige Spiele abgeben müssen. Es ist viel auf die Mannschaft eingeprasselt. Ich habe daher bewusst eine etwas drastischere Wortwahl benutzt. Ich stehe als Führungsspieler in der Verantwortung und kann mit dem Druck sehr gut umgehen.

Sport1.de: Sie haben einen Endspurt des BVB angekündigt. Heißt das Ziel nun also konkret Europa League ?

Kehl: Wir haben es in letzter Zeit so gehandhabt, dass wir unsere Ziele nicht öffentlich formulieren. Man hat gesehen, dass wir mit allen Teams mithalten können und an einem guten Tag auch in der Lage sind, alle zu besiegen. Wir stehen nicht umsonst, wo wir jetzt sind. Es war ein sehr langer Weg und wir haben dafür auch jahrelang gearbeitet. Aber es ist noch nichts erreicht. Uns sind eine Menge Teams auf den Fersen, es dürfte bis zum Schluss spannend werden.

Sport1.de: Ist der BVB Ihrer Ansicht nach mittelfristig wieder in der Lage, ernsthaft um die Meisterschaft mitzuspielen oder sind andere Klubs vor allem finanziell zu weit enteilt?

Kehl: Der Verein hat sehr viel Potenzial und schon mehrere Krisen überstanden. Mit den Fans, dem Sponsoring und dem ganzen Umfeld ist der BVB bereit, in den nächsten Jahren nach vorn zu kommen. Am Ende ist es aber auch abhängig von wirtschaftlichen Faktoren. Natürlich gibt es da Vereine, die mehr Möglichkeiten haben als wir im Moment. Dem muss man sich einfach beugen. Jetzt von der Meisterschaft zu sprechen wäre daher unangebracht. Wir haben viele junge Spieler und mit dem Trainer auch eine neue Philosophie. Wir sollten nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen.

Sport1.de: Am Wochenende steht das kleine Derby in Bochum an. Besteht die Chance, dort Wiedergutmachung für die Schalke-Pleiten zu betreiben?

Kehl: Schon. Deshalb werden wir hoch konzentriert auftreten, um wenigstens dieses kleine Derby zu gewinnen. Wenn wir 100 Prozent abrufen, wird uns das auch gelingen.

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