Auf den Spuren von Gollum und dem Wendler
Tim Wiese hat in dieser Woche festgehalten, dass er sich im Kampf ums deutsche Tor in Südafrika nicht geschlagen gibt.
An sich ist das keine übermäßig bemerkenswerte Neuigkeit. Wohl aber ist es die Art und Weise, wie der Bremer Keeper es gesagt hat.
Er hat gesagt: "Ein Tim Wiese gibt niemals auf."
Ob sich Bremens Keeper vor dieser Ansage mit den zwei anderen in Deutschland wohnenden Tim Wieses aus Lütjenburg und Obertshausen abgestimmt hat, ist nicht überliefert.
Klar aber ist: Wiese hat sich nun in dem Klub der illeists eingereiht, wie man auf Englisch Leute nennt, die von sich selbst in der dritten Person sprechen - abgeleitet vom lateinischen "ille" für "jener".
Julius Cäsar war hier ein früher Trendsetter. Ihm folgten unter anderem Charles de Gaulle, Flavor Flav, Radovan Karadzic, Tarzan, Gollum aus Herr der Ringe, Elmo aus der Sesamstraße, Dwayne "The Rock" Johnson, Jeff "der Dude" Lebowski, Michael "der Wendler" Wendler und Disco Stu aus den Simpsons.
Ein mögliches Motiv der Illeisten - der Begriff sei hiermit offiziell in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt: Von sich in der dritten Person zu sprechen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, wahrgenommen zu werden.
In der Bloggerszene raten deshalb auch Kenner, lieber von sich in der dritten Person als aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Es macht den eigenen Namen bei Suchmaschinen präsenter.
Bei Fußballern ist der Griff zu dem Stilmittel besonders beliebt, wenn sie sich wie soeben Wiese kämpferisch ihrer selbst versichern.
Wenn jemand selbstbewusst eine wichtige Botschaft vermitteln will, die man selbst genauso deutlich mit seiner Person verbunden sehen soll wie der Rest der Menschheit.
Dann schreit ein Illeist lautstark in die Welt hinaus: "Ein Stefan Effenberg wird nicht zerbrechen!"
Oder: "Ein Ailton spielt nicht in Liga sechs!"
Oder: "Ein Lothar Matthäus spricht kein Französisch!"
Illeisten sind extrovertierte Menschen. Charaktere, die so viel Raum beanspruchen, dass sie es als nötig empfinden, sie an eine dritte Person auszulagern.
Die meisten Vertreter der aktuellen Kicker-Generation sind nicht so gestrickt. Ein Simon Rolfes, der sich selbst kaum auffällt, käme nie auf die Idee, sich auf die Weise emporzuheben.
Vielleicht wäre es aber keine so schlechte Idee, wenn er mal will, dass ein Martin Hoffmann ihm auch mal einen Blog widmet.
Es gibt auch negative Interpretationen des Illeismus. Die Interpretation, dass er ein Anzeichen für eine Persönlichkeitsstörung ist.
Und sicher, man konnte zum Beispiel bei Oliver Kahn auf die Idee kommen, wenn er beim Schwadronieren über einen Oliver Kahn auch noch häufig am Gesprächspartner vorbei in die Ferne starrte - als würde er dort nach seinem verlorenen Selbst Ausschau halten.
Die Frage, was hinter dem Illeismus-Phänomen steckt, beschäftigt viele - auch die Nutzer des Frage-Antwort-Dienstes "Yahoo Clever".
Der dort als am besten eingestuft Erklärungsansatz:
"Eigentlich kenne ich das nur von Kindern, die ihr eigenes Ich noch nicht gefunden haben. Wenn das nun ein Erwachsener tut, muss wohl ein starker psychischer Defekt vorliegen. Er hat den Reifeprozess noch nicht durchgemacht. Nur ein Experte kann ihm helfen, ein normaler Mensch zu werden."
Ein Tim Wiese sollte sich dabei am besten nichts denken.
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