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Der 5:1-Sieg in Wolfsburg war Herthas höchster seit Dezember 2004 © getty

Die Berliner hoffen, das sensationelle 5:1 beim VfL Wolfsburg bestätigen zu können. Herthas Fans verspotten ihren Ex-Manager.

Von Martin Hoffmann

München - Wie schnell sich die Fan-Emotionen drehen können.

Vor dem Anpfiff des Spiels in Wolfsburg beschimpften Anhänger von Hertha BSC ihre eigenen Spieler beim Warmmachen.

Eine halbe Stunde und drei Hertha-Tore später sangen sie voller Euphorie ein Lied, das keine dreißig Minuten vorher allenfalls als satirischer Masochismus durchgegangen wäre. Sie sangen: "Hey, was geht ab? Die Hertha steigt niemals ab!" 215159(DIASHOW: Bilder des Spieltags)

5:1 beim Deutschen Meister gewonnen, nur noch fünf Punkte Abstand zum Relegationsplatz: Die Berliner Klassenerhalts-Hoffnungen sind spektakulär wiederbelebt - auch wenn Herthas Verantwortliche das weit nüchterner registrierten als ihre Zuschauer (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Funkels Wunden noch frisch

Speziell Friedhelm Funkel nahm den Überraschungs-Coup beim desolaten Titelverteidiger mit auffällig gebremsten Emotionen auf.

Der Trainer schien nach dem 1:2 gegen Nürnberg unmittelbar vor der Ablösung zu stehen, Manager Michael Preetz war öffentlich von ihm abgerückt, es war offensichtlich, dass nur eine Trendwende in Wolfsburg ihm den Job retten konnte.

Die gelang - doch trotzdem: Die Wunden Funkels waren noch frisch. Er gab sich der freudigen Momentaufnahme nicht hin, sondern lenkte schnell den Blick nach vorne.

Hoffnung auf Bestätigung

"Wir wollen so viele Spiele wie möglich gewinnen und bis zum letzten Spiel kämpfen", hielt er fest.

Auch der ebenfalls viel kritisierte Manager Michael Preetz machte klar, dass der Sieg nichts wert ist, so lange der Aufwärtstrend nicht vorn Dauer ist.

"In den nächsten Wochen müssen wir diese Leistung bestätigen", so Preetz, der hoffte, dass seine Spieler "durch diese Leistung ein wenig an Leichtigkeit zurückgewonnen haben".

Stürmer tanken Selbstvertrauen

Funkel bewunderte sein Team für den Umgang mit den vorangegangenen sieben Tagen: "Wie die Jungs diese Woche verarbeitet haben, das war äußerst professionell und erstklassig."

Selbstvertrauen dürften vor allem die Stürmer Theofanis Gekas und Adrian Ramos mit ihren Dreier- beziehungsweise Doppelpacks.

Aber das ganze Team konnte sich an den trostlosen Gastgebern aufrichten und sich in Erinnerung rufen, "dass wir Fußballspielen können", wie Kapitän Arne Friedrich bemerkte.

"Müssen uns alles vorwerfen lassen"

Das können die Wolfsburger bekanntlich auch - gegen die Hertha ließen sie es sich aber nicht anmerken.

Immerhin verschwendeten sie keine Zeit mit der zwecklosen Suche nach Ausreden.

Ein Reporter zählte Marcel Schäfer nach Abpfiff alle denkbaren Gründe für die Blamage auf ? von den schweren Knochen nach dem 120-Minuten-Spiel gegen Kasan am Donnerstag bis zu einer verfehlten Einstellung.

Der Linksverteidiger hörte es sich Punkt für Punkt an und befand: "Wir müssen uns alles vorwerfen lassen."

Nach Meinung von Interims-Coach Lorenz-Günther Köstner ist womöglich auch die andauernde Suche nach einem Coach für die neue Saison eine Belastung.

"Für den Verein und die Spieler wäre es gut, wenn einige Dinge jetzt geklärt würden", merkte er an - und bestätigte auf Nachfrage, dass dies auch auf die Trainersuche bezogen war.

Körperlos wie 3D-Projektionen

Fraglich aber, ob das wirklich der Grund für eine vor allem in einer Hinsicht desaströse Vorstellung war: Die "Wölfe" agierten über weite Strecken derart körperlos, als wären sie nur in Form von 3D-Projektionen auf dem Platz.

Sieben Wolfsburger ohne einen gewonnenen Zweikampf zählten die Statistiker in der ersten Halbzeit.

Die logische Folge für Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß: "Wenn man keine Zweikämpfe gewinnt, kann man nicht erfolgreich sein."

Hoeneß sucht das Positive

Zwei positive Dinge konnte er aber aus der Demontage herausfiltern. Zum einen die Hoffnung, dass sie nach vier Ligasiegen in Folge nicht mehr war als ein "Dämpfer zur rechten Zeit."

Zum anderen wurde er in einer vor dem Spiel getätigten Einschätzung bestätigt, die ihm manch einer als Witz ausgelegt hatte.

"Die Berliner können gegen jede Mannschaft gewinnen", wiederholte er bei "LIGA total!" noch einmal: "Und heute haben sie es gezeigt!"

"Hoeneß-raus!"-Rufe

Ganz so deutlich hätte er es wohl aber doch lieber nicht demonstriert bekommen.

Es war für den ehemaligen Hertha-Manager ein bitteres erstes Wiedersehen mit dem alten Arbeitgeber.

Der Gipfel des missratenen Abends für den 57-Jährigen: Er musste sich am Ende "Hoeneß-raus!"-Rufe anhören.

Sie kamen aus dem Hertha-Fanblock, der seinen Humor offensichtlich wiedergefunden hatte.

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