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Ralf Rangnick übernahm Hoffenheim 2006 in der Regionalliga © imago

Vom Glanz des "Herbstmärchens" 2008 ist nichts mehr übrig. Der Trainer deutet nach der Pleite gegen Köln Rücktrittsgedanken an.

Von Martin Hoffmann

München - Aus dem Niemandsland der Amateurligen an die Spitze der Bundesliga: Der Werdegang von 1899 Hoffenheim war eine Erfolgsgeschichte wie aus den Zeiten des Wirtschaftswunders.

Es ist kaum mehr als ein Jahr her, dass der Emporkömmling aus dem Kraichgau Deutschlands höchste Spielklasse dominierte. Doch diese Zeiten scheinen schon ähnlich weit weg zu sein wie die des Wirtschaftswunders.

Nach der 0:2-Heimpleite gegen Köln sieht nicht nur Mäzen Dietmar Hopp sein Team am Tiefpunkt angelangt.

Die Krise des Klubs ist inzwischen so umfassend, dass alles in Frage steht: auch die Zukunft des einstigen Erfolgsduos Ralf Rangnick und Jan Schindelmeiser.

Rangnick deutet Rücktrittsgedanken an

Der Trainer - dessen Rauswurf Teile der Fans während des Köln-Spiels forderten - hatte schon zugegeben, aufgrund der schweren Erkrankung seines Vaters im Januar an Rücktritt gedacht zu haben.

Nach der Katastrophen-Rückserie - 1899 ist mit neun Punkten aus 13 Spielen Vorletzter der Rückrunden-Tabelle - scheinen die Gedanken zurückgekommen zu sein (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Die Frage, ob er die Mannschaft noch erreiche, "stelle ich mir auch", bekennt er im "kicker" offen, "vor allem nach so einer Trainingswoche und der Gesamtatmosphäre der letzten Tage".

Und die Antwort auf die Frage "fällt nach diesem Spiel geteilt aus".

Einkaufspolitik in der Kritik

Rangnick denkt darüber nach hinzuwerden - auch wenn Hopp ihn ausdrücklich von seiner Kritik am Zustand des Teams ausgenommen hat und den Trainer "außen vor" sieht, was die Frage nach den Konsequenzen angeht.

Manager Schindelmeiser ist es womöglich nicht. Der "kicker" spekuliert sogar vorsichtig über eine mögliche Ablösung.

Unangenehme Fragen muss er sich wegen mancher Verpflichtung vor der Saison gefallen lassen. Gerade die Auslandstransfers Maicosuel, Zuculini, Raitala und Tagoe sind allesamt nicht eingeschlagen.

Hopps Äußerung, dass er nicht an neue Spielereinkäufe denke ("eher im Gegenteil") spricht dafür, dass er 1899 von der aktuellen Einkaufspolitik abbringen will.

Herbstmärchenhelden fallen negativ auf

Zuculini und Maicosuel sorgten erst vor dem Köln-Spiel für Negativ-Schlagzeilen, als sie ebenso wie der junge Boris Vukcevic zu spät zum Training kamen und aus dem Kader flogen.

Aber es sind nicht nur die Neuen, die negativ auffallen, es sind auch die Herbstmärchenhelden von 2008.

"Der Erfolg hat Hoffenheim verdorben", befindet SPORT1-Experte Udo Lattek und Belege für die These finden sich zuhauf.

Fatale Eindrücke

Der brasilianische Spielmacher Carlos Eduardo etwa taugt mit den schwachen Leistungen auf dem Platz und dem teuren Lebensstil außerhalb als Vorführexemplar eines korrumpierten Jungmillionärs.

Der damalige Top-Torjäger Vedad Ibisevic spielte zuletzt wie ein talentfreier Doppelgänger aus einer Parallelwelt, Demba Ba hat schon mit seinem Wechseltheater im Sommer seinen Kredit verspielt.

Der Discobesuch von sechs Spielern nach dem 0:4 in Wolfsburg rundet den fatalen Eindruck ab, der es dem Boulevard leicht macht, Worte wie "Sauhaufen" für 1899 zu finden.

Hildebrand prangert Disziplinlosigkeiten an

Hopp kündigte im "kicker" an, den Mannschaftsrat zur Rede zu stellen: "Dort möchte ich Antworten hören", macht er klar.

Die Antworten, die Keeper Timo Hildebrand im selben Magazin zu den Fragen über den Zustand des Teams gibt, sind unangenehm.

"Wenn man all die Vorgänge sieht, die bei uns geschehen, muss man infrage stellen, ob unsere Mannschaft Disziplin hat", wundert sich der verletzte Keeper, über den sich trotz eines Dementis die Wechselgerüchte halten.

"Sympathie und Reputation" geht verloren

Es ist auch dieser Eindruck, der die Fans vor Ort gegen ihre Mannschaft aufgebracht hat. Die Entfremdung ist abzulesen an Plakaten wie "Lamborghini - Porsche - Gucci - Fußball?", an Rufen wie "Ihr könnt jetzt feiern gehen" oder dem obligatorischen "Scheiß-Millionäre".

"Wenn die Fans das Gefühl haben, dass die Mannschaft nicht das Äußerste herausholt, dann sind sie zu recht sauer", äußerte Hopp bei LIGA Total! Verständnis für den aufgebrachten Anhang: "Und das Gefühl kann man haben."

Immerhin entkräftet die geballte Wut der Anhänger den Kritiker-Vorwurf, Hoffenheim sei ein Verein ohne Fankultur, tröstlich ist das für die Klubverantwortlichen aber nicht.

Für Schindelmeiser rüttelt die aktuelle Situation an den Grundfesten des Klubs: "Ich sehe die Gefahr, dass etwas wegbricht von dem, was wir hier aufgebaut haben. Es geht ein Stück weit Sympathie und Reputation verloren."

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