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Bruno Labbadia schoss 1987 und 1988 in 41 Spielen elf Bundesliga-Tore für den HSV © imago

Nach der "Kino-Affäre" um Frank Rost geht der HSV-Keeper Labbadia von der Fahne. Der Rückhalt des Trainers schwindet immer mehr.

Von Martin Hoffmann

Hamburg - Aus den internationalen Plätzen hat sich der HSV verabschiedet. Die Spieler gehen von der Fahne. Und selbst die Europa League ist womöglich kein Rettungsanker mehr:

Es wird einsam um HSV-Coach Bruno Labbadia nach dem 0:1 Mainz 05 und dem Abrutschen auf den siebten Platz (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Auf die Parallelen zu Labbadias Engagement in Leverkusen ist schier endlos oft hingewiesen worden - aber es sammeln sich auch von Woche zu Woche mehr Episoden an, die den Vergleich stützen.

Mehr und mehr manifestiert sich der erneute Rückrunden-Absturz. Und mehr und mehr wird offenbar, wie Labbadia den Rückhalt in seinem Team verliert.

Rost tritt aus Mannschaftsrat zurück

Was als verdecktes Grummeln anonymer Stichwortgeber anfing, erwächst sich mehr und mehr zu einer halb-öffentlichen Abkehr vom eigenen Coach.

Aktuellstes Fallbeispiel: die Kino-Affäre um Torwart Frank Rost und dessen Rücktritt aus dem Mannschaftsrat.

Rost hatte am Freitagabend vor dem Mainz-Spiel einen Kinoabend mit mehreren Teamkollegen organisiert - Piotr Trochowski, Dennis Aogo, Robert Tesche, Bastian Reinhardt und Wolfgang Hesl.

Ärger über öffentliche Kopfwäsche

Der gemeinsame Besuch von "Kampf der Titanen" endete vor dem Zapfenstreich, trotzdem zeigte sich Labbadia erbost: "Das muss man vorher absprechen."

Auch teamintern wurde Rost kritisiert, weil er nur einen Teil der Mannschaft auf seinen Filmausflug mitnahm - aber der Trainer machte die Angelegenheit zu seinem Problem.

Labbadia wusch dem Keeper dafür vor versammelter Mannschaft den Kopf. Der zog sich darauf angesäuert aus dem Team-Gremium zurück.

Nicht der erste Zwist

Und Rost machte seine Sicht der Dinge offensiv auf seiner Homepage öffentlich.

"Das war meine eigene Entscheidung und Konsequenz aus einer durch den Trainerstab so bewerteten Disziplinlosigkeit meinerseits", schrieb er. Einsicht liest sich anders.

Es ist nicht die erste Unstimmigkeit zwischen Rost und Labbadia: Der Trainer hatte Rost schon vergrätzt, indem er ohne Rücksprache mit ihm erklärte, dass der Keeper 2011 nicht mehr in Hamburg sein würde.

Jarolim murrt über Auswechslung

Und es ist auch nicht der einzige Stress, den Labbadia am Wochenende mit einem Spieler vom Zaun brach.

Auch Kapitän David Jarolim war nicht erfreut, als er im Mainz-Spiel trotz beherzter Leistung vorzeitig gegen Ligadebütant Sören Bertram ausgewechselt wurde.

Er sage nichts dazu, "weil ich nichts Falsches sagen will", murrte der Tscheche.

Das Ironische an der Angelegenheit: Jarolim ist der Spieler, der am treuesten zu seinem Coach steht, und der auf den Tisch haute, als zuletzt mehrere Spieler Ärger machten, weil sie sich von Labbadia falsch eingesetzt fühlten.

Instinktlose Personalführung

Es ist typisch für Labbadia, dass er seine Linie durchzieht, ohne Rücksicht darauf, wen es trifft.

Hätte er mehr Erfolg, würde das als bewundernswerte Konsequenz rüberkommen. Im Lichte des Absturzes in der Liga und des drohenden Jobverlustes wirkt es instinktlos.

Mittlerweile hat sich ein ganzes Sammelsurium an Geschichten über Probleme zwischen Labbadia und seinen Spielern angehäuft - teils gepaart mit Wechselgerüchten.

Auch Ze Roberto angeblich angefressen

Ze Roberto soll vor einigen Wochen laut "Welt" im Beisein seiner Teamkollegen geklagt haben, dass er sich von einem Trainer, der nur wenige Jahre älter sei als er, nicht über seine Laufwege belehren lasse.

Der Brasilianer hat ein Angebot von Red Bull New York auf den Tisch ? und soll trotz eines Dementis weiter damit liebäugeln.

Fest steht schon der Abschied von Jerome Boateng, der zuletzt moserte, nicht mehr in der Innenverteidigung eingesetzt zu werden ? und Labbadia auch seinen Umgang mit der Auswechsel-Affäre gegen Gladbach in der Hinrunde nachtragen soll.

Auch dem seit vier Spieltagen torlosen Ruud van Nistelrooy wird nachgesagt, nicht glücklich darüber zu sein, dass er unter Labbadia zu mehr Laufarbeit als je zuvor in seiner Karriere angehalten wird.

Vielzahl an Bruchstellen

Die Vielzahl an Bruchstellen zwischen Trainer und Team bringen mehr und mehr Außenstehende auf den Gedanken, dass die Mannschaft gegen ihren Coach spielt - und auf die Frage ob "Problem-Trainer Bruno" noch zu retten ist.

Argumente für eine Weiterbeschäftigung sind die Sehnsucht von Vorstandschef Bernd Hoffmann nach mehr Kontinuität auf dem Posten und der Erfolg in der Europa League.

"Konsequenzen gibt es nur bis Donnerstag, da bin ich mir sicher, dass die Mannschaft die richtige Reaktion zeigt", beschwichtigt Hoffmann mit Blick auf das Halbfinal-Hinspiel gegen Fulham auch.

Spekulationen über Nachfolger

Trotzdem häufen sich die Mutmaßungen, dass selbst ein Europa-League-Triumph Labbadias Job nicht mehr sichern könnte.

Hamburgs Medien sind schon dazu übergegangen, über Nachfolger zu spekulieren.

Der ehemalige englische Nationalcoach Steve McClaren, der in den Niederlanden mit Twente Enschede vor dem Titelgewinn steht, wird genannt, ebenso der jetzt wohl aber in Wolfsburg unterkommende Gerard Houllier.

Und wie ein Geist, der nicht verjagt werden kann, fällt auch wieder der Name, der den HSV seit Monaten verfolgt: Joachim Löw.

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