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Der neue Interimscoach Ricardo Moniz (M.) war zuvor Techniktrainer des HSV © getty

Die Hamburger entlassen Trainer Bruno Labbadia. Der bisherige Technik-Coach Ricardo Moniz übernimmt für den Rest der Saison.

Hamburg - Letzte Ausfahrt Fulham, aber ohne Bruno Labbadia:

Drei Tage vor dem so wichtigen Halbfinal-Rückspiel der Europa League hat sich der Hamburger SV vom seinem Chefcoach getrennt und damit zum letzten Mittel gegriffen, um die Saison noch zu einem guten Ende zu bringen.

Nach einer Krisensitzung am Montag verkündete Klubchef Bernd Hoffmann am Mittag den "einstimmigen Beschluss" des Vorstands, Labbadia zu beurlauben.(Kommentar: Auch Hoffmann ist gescheitert).

Gleichzeitig verbunden mit der Hoffnung, das Europapokal-Endspiel am 12. Mai im eigenen Stadion zu erreichen.

"Wir haben die Situation noch in der Nacht wie angekündigt analysiert. Sie hat sich so dargestellt, dass wir in der jetzigen Konstellation nicht erwarten konnten, das Spiel beim FC Fulham erfolgreich zu bestehen", sagte Hoffmann.

Moniz wird Interirmstrainer

Einen Tag nach dem beschämenden 1:5 (0:3) bei 1899 Hoffenheim sah sich der Vorstand der Hanseaten mit Blick auf das Spiel am Donnerstag in London zum Handeln gezwungen.

"Es war der letzte Zeitpunkt, zu reagieren und das Ziel Europa League nicht zu gefährden", sagte Hoffmann.(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Zugleich bestätigte der HSV-Vorstandsvorsitzende, dass der bisherige Techniktrainer Ricardo Moniz das Amt als Interimscoach übernimmt.

"Es ist ein dramatischer Tag", sagte Moniz.

"Ich habe mit Bruno gesprochen", so der 45-Jährige weiter: "Er hatte kein Problem damit. Das war mir sehr wichtig. Bruno Labbadia ist ein fantastischer Trainer und Mensch."

Ab Sommer bei Red Bull

Der Niederländer soll der Mannschaft wieder Leben einhauchen, um nach dem 0:0 im Hinspiel den Finaleinzug doch noch zu schaffen.

"Moniz kennt die Mannschaft, den Gegner und den englischen Fußball. Wir glauben, dass er der die paar Prozent herausholen kann, die der Mannschaft in den letzten Wochen verloren gegangen sind", so Hoffmann.

Moniz, der im Sommer Chef-Ausbilder der Red-Bull-Klubs Salzburg, Leipzig und New York werden soll, leitete am Montag bereits das Vormittagstraining.

Langfristige Nachfolge offen

Er war 2008 vom damaligen Hamburger Trainer Martin Jol von dessen Ex-Arbeitgeber Tottenham Hotspur geholt worden und genießt im HSV-Team - anders als Labbadia - hohes Ansehen.

"Wir haben uns über Alternativen Gedanken gemacht. Aber es gibt wohl niemanden, der mehr HSVer ist als Moniz", sagte Hoffmann.

Wer zur kommenden Saison neuer Trainer der Hamburger wird, steht indes noch nicht fest.

Labbadia, dem offenbar nicht mehr zugetraut wurde, das Ruder im Saisonfinale noch herumzureißen, erhält für die Auflösung seines bis 2012 datierten Vertrags angeblich eine Abfindung von einer Million Euro.

Hoffmann: "Wollten mit Labbadia etwas aufbauen"

Zuletzt hatten sich die Zweifel gemehrt, dass Labbadia die Mannschaft noch erreicht.

Höhepunkt war der öffentliche Disput zwischen Labbadia und Torwart Frank Rost, der vergangene Woche nach der ihm vorgeworfenen Disziplinlosigkeit aus dem Mannschaftsrat zurückgetreten war.

"Die Entscheidung gegen ihn ist uns sehr schwer gefallen. Wir wollten mit Bruno Labbadia etwas aufbauen und den Kreislauf durchbrechen, jede Saison einen neuen Trainer zu holen", erklärte Hoffmann.

Sechster Trainer in knapp sechs Jahren

Labbadia hatte das Traineramt Anfang Juni vergangenen Jahres als Nachfolger des Niederländers Martin Jol übernommen.

Der frühere Bundesligaprofi war für eine geschätzte Ablöse von 1,3 Millionen Euro vom Ligarivalen Bayer Leverkusen an die Elbe gewechselt.

Er war bei seiner Verpflichtung der sechste Trainer der Hanseaten in knapp sechs Jahren.

In Leverkusen war Labbadia nach einem Absturz in der Rückrunde gescheitert, das Verhältnis zu den Bayer-Spielern war seinerzeit zerrüttet.

Kaltz kritisiert den Vorstand

Der frühere HSV-Star Manfred Kaltz kritisierte die Entlassung in der "Welt".

"Vor einem Vierteljahr hieß es noch, Labbadia sei der fleißigste Trainer, und jetzt ist er entlassen. Das finde ich nicht gut, schließlich wollten sie mit ihm mindestens drei Jahre zusammenarbeiten, und nun schmeißen sie ihn drei Tage vor dem wichtigsten Spiel des Jahres raus. Das spricht nicht für die Führung des Vereines", sagte der Europapokalsieger von 1983.

Rückendeckung für Hoffmann

Dagegen erhielt Hoffmann erwartungsgemäß Rückendeckung von Aufsichtsratschef Horst Becker.

"Es gibt Situationen im Verhältnis von Trainer und Mannschaft, da geht gar nichts mehr. Diese Situation war bei uns eingetreten und ist durch den Vorstand gelöst worden", sagte der Banker und nahm gleichzeitig den Vorstand aus der Schusslinie.

"Eine Diskussion über den Vorstand oder Herrn Hoffmann werde ich nicht führen. Der Vorstand hat über Jahre hinweg erstklassige Arbeit geleistet", sagte Becker.

Den letzten Ausschlag hatte die Hamburger Pleite in Hoffenheim am Sonntag gegeben, mit der man wohl die letzte Chance auf einen Europacup-Platz in der Liga verspielte.

"Konzentrieren uns nur noch auf Fulham"

Insgesamt war den Norddeutschen in den vergangenen sieben Bundesligapartien nur ein Sieg gelungen.

So sieht Mittelfeldspieler Piotr Trochowski denn auch die Mannschaft in der Pflicht, obwohl er bestritt, dass man zuletzt gegen den Trainer gespielt habe:

"Darum geht es doch nicht. Wir haben einfach zuviele Spiele verloren. Jetzt konzentrieren wir uns nur noch auf Fulham."

Hoffmann nahm die Mannschaft vor der richtungweisenden Partie in die Pflicht: "Jetzt gibt es keine Nebenkriegsschauplätze mehr. Kein Spieler kann sich mit etwas anderem beschäftigen als mit seiner eigenen Leistung auf dem Platz."

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