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Der VfL Bochum feierte seinen letzten Sieg am 13. Februar gegen Hoffenheim © getty

Bochums Spieler reagieren auf Herrlichs Entlassung beinahe euphorisch. Interimscoach Wosz überrascht mit ungewöhnlicher Taktik.

Bochum - Jubelschreie hallten bei jedem Tor über den Trainingsplatz, nach gelungenenen Aktionen wurde gelacht und geherzt:

Die Profis des VfL Bochum schienen nach der Entlassung von Trainer Heiko Herrlich in der ersten Übungseinheit unter Interimscoach Dariusz Wosz wie von einer Zentnerlast befreit.

Dass sie das Ende von Herrlichs nur 184-tägiger Amtszeit beim VfL mit zu verantworten hatten, war ihnen quasi anzusehen.

Auch Herrlich glaubt an eine Verschwörung.

"Offenbar haben sich wirklich Spieler beschwert. Genaues weiß ich nicht. Ich hatte den Vorstand von Anfang an gesagt, dass ich nur so stark bin, wie der Vorstand mich macht", sagte Herrlich der "Süddeutschen Zeitung":

"Aber wenn Spieler in Bochum offenbar die Gelegenheit haben, sich bei Leuten aus der Führungsebene zu beklagen, dann hast du als Trainer keine Chance."

Differenzen bestätigt

Kapitän Marcel Maltritz hatte am Donnerstag Differenzen zwischen Trainer und Team bestätigt.

"Ich habe schon vor Wochen beim Vorstand vorgesprochen, aber nichts ist passiert. In den letzten Tagen gab es zunehmend Unstimmigkeiten zwischen Mannschaft und Trainerteam", sagte der Abwehrspieler SPORT1.

Für Herrlich war es der Anfang vom Ende, das ist ihm auch selbst klar. 168003(DIASHOW: Heiko Herrlichs Karriere)

"Wenn Spieler eine Chance wittern, zwischen Trainer und Vorstand zu grätschen, dann wird es für den Klub schwer. Wenn Spieler wissen, zwischen Trainer und Vorstand passt kein Blatt Papier, dann ist die Situation eindeutig. Der Klub wurde nervös, als es nicht so gut lief", sagte Herrlich.

Wutrede und Epalle-Ausschluss

Das Fass zum Überlaufen brachten offenbar zwei Zwischenfälle. Am Dienstag schoss Herrlich mit einer überdeutlichen Ansprache an die Profis anscheinend übers Ziel hinaus.

"Es gab am Dienstag eine Wutrede", gab Herrlich zu, "aber ich wollte die Spieler damit wachrütteln." (EINWURF: Abgeblasenes Aufbauprojekt)

Am Mittwoch schloss er Joel Epalle vom Training aus, weil der mal wieder keine Schienbeinschoner trug - es war nicht das erste Mal, dass Herrlich Führungsspieler demontierte.

Wosz soll für positive Stimmung sorgen

Zehn Spiele in Folge ist der VfL mittlerweile sieglos, und Sportvorstand Thomas Ernst gab sich große Mühe, Herrlichs Entlassung mit der sportlichen Misere zu begründen.

So ganz gelang ihm das nicht. "Wir sind nach vielen Analysen und Gesprächen zu dem Entschluss gekommen, dass wir mit Dariusz Wosz größere Chancen haben, unser Ziel Klassenerhalt zu erreichen." (DATENCENTER: Bundesliga)

Ausschlaggebend für die Trennung sei laut Ernst gewesen, "mit einem anderen Stimmungsbild in die letzten Spiele zu gehen". Am Ende der Saison werde man wissen, "ob wir zwei Wochen zu spät reagiert haben".

Ernst hält dicht

Die Gerüchte über eine Eskalation der Situation nach dem 0:2 gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Freitag wollte Ernst nicht kommentieren.

"Wir halten es weiterhin so, dass wir Dinge intern besprechen", sagte Ernst, der gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Altegoer und Finanzvorstand Ansgar Schwenken Herrlich am Donnerstagmorgen über die Entlassung informiert hatte.

Interimscoach mit Abstiegserfahrung

Nun soll VfL-Idol Wosz, zuletzt Coach der Bochumer A-Junioren, als "Feuerwehrmann" in den letzten beiden Spielen beim Champions-League-Finalisten Bayern München am Samstag (ab 15 Uhr LIVE) und im möglichen "Endspiel" gegen Hannover 96 die Bochumer vor dem sechsten Absturz in die Zweite Liga bewahren.

Als VfL-Profi war Wosz an drei der fünf Bochumer Abstiege beteiligt.

Gemeinsam mit U-23-Coach Nico Michaty wird er auf Interimsbasis die Verantwortung für die letzten zwei bzw. vier Spiele (inklusive Relegation) übernehmen.

Keine Trainer-Lizenz

"Ich war schon überrascht, dass es jetzt so schnell ging, aber natürlich bin ich bereit", sagte Wosz.

Der 17-malige Nationalspieler besitzt keine Fußballlehrer-Lizenz und erhält eine Sondergenehmigung. Im Umgang mit Profis ist er als Trainer ebenso unerfahren wie Herrlich

Für das Spiel bei den Bayern kündigte er mutigen Angriffsfußball an: "Wir dürfen keinen Köttel in der Hose haben."

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