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Funkel (l.) und Friedrich werden Hertha BSC Berlin wohl verlassen © getty

Ehemalige Spieler und Funktionäre zeigen sich entäuscht vom Absturz der Hertha. Beckenbauer fordert einen personellen Schnitt.

Berlin - Die Hauptstadt als Provinz:

Durch den Abstieg von Hertha BSC Berlin ist Deutschland in Europa die einzige große Fußball-Nation ohne Erstliga-Klub aus der Hauptstadt.

Nach dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen kannte die Enttäuschung bei Spielern und Verantwortlichen keine Grenzen.

Bei Konkurrenten, ehemaligen Spielern und Funktionären löste der tiefe Fall der "alten Dame" dagegen vor allem Verwunderung und Kopfschütteln aus.

"Das ist schon betrüblich, wenn Berlin nicht mehr in der Bundesliga vertreten ist", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

"Kaiser" nicht überrascht

Für "Kaiser" Franz Beckenbauer kam der Absturz der Berliner in Rekordtempo nicht aus heiterem Himmel:

"Wenn ich Ansprüche stelle, und als Hauptstadt-Klub muss ich Ansprüche stellen, kann ich Spieler wie Voronin oder Simunic nicht so einfach abgeben", sagte Beckenbauer bei "Sky".

Doch obwohl es sich schon seit langem abgezeichnet hatte, war der endgültige Abstieg für die Hertha-Spieler ein Schock.

Arne Friedrich war nach dem Spiel in Leverkusen untröstlich: "Das hat der Verein nicht verdient", stammelte der Nationalspieler, der wohl nicht zu halten sein wird.

Auch bei den Vereinsoberen war die Enttäuschung riesengroß. Hertha-Boss Werner Gegenbauer kämpfe mit den Tränen.

Immerhin machte der Präsident Hoffnung, eine konkurrenzfähige Mannschaft für die kommende Spielzeit zusammenstellen zu können.

"So groß wie der Umbruch dargestellt wurde, wird er nicht sein", kündigte Gegenbauer an, wollte zu einem Zukunftskonzept aber keine genaueren Angaben machen: "Es macht jetzt keinen Sinn fundamentale Pläne rauszugeben."

Preetz behält die sportliche Leitung

Der Neuaufbau, der den direkten Wiederaufstieg mit einschließt, soll nun in die Hände von Sport-Chef Michael Preetz gelegt werden.

Allerdings wird der Etat angeblich von 75 auf 30 Millionen und die Personalausgaben von 40 auf 14 Millionen gesenkt.

Viele Leistungsträger werden den Gang in die Zweite Liga wohl nicht mitmachen. Insgesamt laufen die Verträge von zwölf Spielern aus.

Funkel gibt Spielern trainingsfrei

Die Zukunft von Trainer Friedhelm Funkel ist ebenfalls ungewiss. Vieles deutet auf den Abschied hin.

Seinen Spielern gab der Coach am Sonntag erstmal trainingsfrei, um die Enttäuschung zu verarbeiten. Die Vorbereitung auf das Saisonfinale gegen Bayern München startet am Montag.

Dann wird die Hertha wohl das letzte Mal in der derzeitigen Besetzung auflaufen.

"Die Hauptstadt müsste dabei sein"

Klaus Allofs hofft dennoch nur auf ein kurzes Intermezzo der Berliner im Unterhaus - auch wenn die Hertha nach den Abstiegen 1983 sieben Jahre und 1991 sechs Jahre für die Rückkehr benötigte.

"Die Bundesliga ist so ein gutes Produkt, dass die Hauptstadt dabei sein müsste", sagte Bremens Manager, der Trost spendete:

"Ich denke aber auch, das Hertha BSC erster Anwärter auf die direkte Rückkehr in die Bundesliga ist."

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sprach von einem "Verlust", der sportpolitisch schmerze, aber unwiderruflich sei.

"Das ist das freie Spiel des Fußballs. Die Zeiten des Dirigismus sind zum Glück vorbei. Sie müssen sich aus eigenen Kräften nach oben arbeiten", sagt Niersbach und nannte das Beispiel von Zweitligist Fortuna Düsseldorf:

"Auch die haben die Wende geschafft und sind wieder erfolgreich."

Enttäuschung bei Voronin

Unverständnis herrschte bei Andrej Voronin, der mit Berlin vor einem Jahr noch um den Titel spielte:

"Die Bundesliga ohne Hertha BSC, das geht eigentlich nicht. Jede europäische Hauptstadt hat einen oder mehrere Erstliga-Klubs", sagte der Ukrainer jetzt in Diensten bei Dynamo Moskau der "Berliner Zeitung":

"Ich begreife nicht, warum es in einer großen aufstrebenden Stadt wie Berlin nicht genügend Geld gibt, um eine erstklassige Mannschaft aufzubauen."

Tränen bei Hertha-Idolen

Auch die Politik in Berlin reagierte enttäuscht:

"Die deutsche Hauptstadt ohne Bundesliga-Fußball ist wie der Kudamm ohne Currywurst", sagte Sportausschuss-Mitglied Frank Steffel (CDU). Berliner Wirtschaft und die Politik sollten Voraussetzungen für den Wiederaufstieg schaffen.

Tränen flossen bei Herthas Idolen aus den 70er Jahren. "Die Berliner sind sehr radikal, leben und sterben für Hertha. Heute ist wieder ein Stück gestorben", sagte Ex-Profi "Hanne" Weiner, Inhaber der Hertha-Kneipe am Zoo.

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