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Louis van Gaal ist der erste Holländer, der die deutsche Meisterschaft gewinnen konnte © imago

Die Spielzeiten von van Gaal und Vorgänger Klinsmann ähnelten sich lange Zeit. SPORT1 analysiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Vom FC Bayern berichtet Mathias Frohnapfel

München - Geschichte wiederholt sich.

Dabei ist es egal, ob der Trainer Jürgen Klinsmann oder Louis van Gaal heißt.

Diesen Eindruck hatten die Bayern-Fans zur Winterpause.

Nach schwachem Start legte die Münchner Star-Truppe zwar jeweils eine Serie hin.

Was folgen würde, war angesichts des oft holprigen Spielaufbaus aber ungewiss.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Van Gaal zelebriert den Meistertitel und kann in den nächsten Wochen mit dem Gewinn des Triples zur Klubikone aufsteigen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Jeden Spieler jeden Tag besser machen"

Klinsmann war zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison bereits entlassen.

"Ich will jeden Spieler jeden Tag besser machen", mit diesem hehren Vorsatz, war der Schwabe in München in sein Amt gestartet.

Es war eine Aussage, die selbstverständlich sein sollte und doch Klinsmann an jedem Spieltag um die Ohren gehauen wurde, an dem es schlecht lief.

Die Fußballfans in Deutschland genauso wie die Bayern-Bosse wussten um das, was Klinsmann sein wollte: ein Konzepttrainer, einer, der eine Philosophie verfolgt und einen Blick für junge Spieler hat.

Und ein Trainer, der modernen Offensivfußball über schnöde Verteidigung stellt. Sogar die Dreierkette ließ Klinsmann experimentierfreudig in München einüben.

Van Gaal testet

Die Parallele zu van Gaal:

Auch der Niederländer testete, feilte und schraubte, so dass Franz Beckenbauer noch im Herbst grantelte, der Herr Trainer solle sich mal festlegen, bitteschön.

Wackliger November

Van Gaal probierte es zwischenzeitlich mit dem 4-3-3 System und testete auch die Mittelfeldraute.

Außerdem durften Franck Ribery und Alexander Baumjohann auf der Zehnerposition vorspielen.

Und die Beobachter glaubten an eine Halluzination, als Miroslav Klose plötzlich hinter der Spitze eine Art zusätzlichen Kreativgestalter geben sollte.

Im November wackelte van Gaal, der Systemtrainer schien auf Fußball nach einen Plan zu setzen, den sein Team nicht verstand.

Nach seinen taktischen Vorgaben sollte sich das Spiel des Rekordmeisters in vier Phasen gliedern: Balleroberung, Spieleröffnung, Torvorbereitung und Torabschluss.

Doch das Mittelfeld brachte kaum Flanken, den Stürmern versagten die Nerven.

"Da waren sie ängstlich"

"Da waren sie ängstlich, da hat sich keiner bewegt. Nur der, der den Ball hatte. Und der hat ihn irgendwann nach vorne geschossen", sagt Beckenbauer im Rückblick.

Die Konsequenz: Die Bayern trafen in elf Bundesliga-Spielen nur 17-mal, rumpelten auf Platz sechs der Spitzengruppe hinterher.

Ein halbes Jahr später überbieten sich die FCB-Bosse mit Lobeshymnen an van Gaal. "Der Erfolg gibt ihm recht", meint Beckenbauer nur.

Uli Hoeneß geht etwas mehr ins Detail.

"Das Besondere ist, dass es Louis van Gaal gelungen ist, viele junge Spieler einzubauen. Wir haben eine gesunde Mischung aus guten Transfers und Eigengewächsen", sagt der Präsident.

Denn der 58-Jährige schaffte, was Klinsmann nur versprechen konnte.

Talentradar bei van Gaal

Holger Badstuber und Thomas Müller sind Stammkräfte, Diego Contento entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Alle drei kickten vor nicht allzu langer Zeit noch in der Dritten Liga.

Van Gaal verfügt allem Anschein nach über ein gutes Gefühl für den Zeitpunkt, an dem die Jungspunde zum großen Schritt bereit sind.

Auch Klinsmann vertraute auf Youngster wie Andreas Ottl und Breno, ohne allerdings dafür belohnt zu werden.

Selten überschätzt van Gaal einen Profi wie Nesthäkchen David Alaba, der bei der Pleite in Frankfurt bitteres Lehrgeld zahlen musste.

Van Gaals Talentradar kann zudem nicht bloß auf glücklicher Führung beruhen, schon bei Ajax Amsterdam entdeckte er Patrick Kluivert und Clarence Seedort und ließ sie mit 17 bzw. 16 Jahren debütieren.

Das zweite große Kompliment für van Gaal kommt von Christian Nerlinger.

"Wir hatten auch in Lyon einen hohen Ballbesitz, haben den Gegner dominiert und laufen lassen. Das ist die Handschrift des Trainers", analysierte der FCB-Sportdirektor nach dem Finaleinzug in der Champions League.

Wunschvorstellung des Trainers umgesetzt

Tatsächlich praktizieren die Münchner mittlerweile ziemlich genau nach van Gaals Wunschvorstellung.

Der Ball läuft und läuft, Bastian Schweinsteiger ist dabei zur beeindruckenden Schaltstelle im Zentrum geworden. Auch auf dieser Position geht van Gaals Puzzle perfekt auf.

Jeder Profi hat seine Aufgabe, die er penibel erfüllen muss.

Funktioniert das nicht, wird selbst Superstar Arjen Robben wie im Hinspiel gegen Lyon ausgetauscht.

Doch spätestens seit den taktischen Meisterkniffen gegen Manchester und Lyon vertrauen die Münchner ihrem Chefcoach bedingungslos.

"Er hat seine sperrige Art abgelegt"

Der Niederländer, der durchaus stur sein kann, ist auf die die Mannschaft zugegangen, wie SPORT1-Experte Udo Lattek beobachtet hat.

"Er hat den Kontakt gesucht und dabei seine etwas sperrige Art abgelegt."

Bei Klinsmann war es andersherum: Anfangs wurde viel geredet, am Ende herrschte Funkstille.

Van Gaal dagegen ist nach dem ersten Meisterschaftsgewinn für einen niederländischen Trainer in der Bundesliga Everybodys Darling.

"Es wäre sehr schön, wenn er bei Bayern eine Ära begründen würde", sagte Beckenbauer der "tz". "Weil die Spieler an ihn glauben."

Ähnlich sieht es Karl-Heinz Rummenigge: "Wir wollen Kontinuität, weil sich dann gewisse Philosophien mit einem Trainer leichter umsetzen lassen", erklärte der Vorstandsboss.

"Es wäre schön, wenn wir hier mit Louis eine erfolgreiche Ära einleiten könnten."

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