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Müller (r.) und Kuranyi am Montag vor der Schalker Arena © getty

Im 2. Teil des Interviews erklärt Andreas Müller, dass er durch den "Fall Kuranyi" keine Nachteile für andere Schalke-Profis befürchtet.

Von Thorsten Mesch

Sport1.de: Es wurde gesagt, Kuranyi habe die Mannschaft im Stich gelassen. Wie sehen Sie das?

Müller: Ich habe sogar Kommentare gelesen, in denen von "Fahnenflucht" die Rede war. Als ob er im Krieg gewesen wäre. Mir sind das alles zu große Worte. Denn er saß auf der Tribüne, wie soll er denn da der Mannschaft helfen? Man kann seine Entscheidung als unklug, als Kurzschlusshandlung kritisieren. Sicher hätte er dem Bundestrainer den nötigen Respekt entgegenbringen müssen. Doch es war das erste Mal, dass er ihn hat vermissen lassen. Ansonsten ist er mit allen, mit Löw und auch mit Klinsmann trotz seiner Ausbootung sehr anständig umgegangen und hat auch bei der EM nicht gepoltert, sondern im Sinne der Mannschaft Ruhe gegeben.

Sport1.de: Umso überraschender war dann sein Vorgehen am Samstag.

Müller: Es war für mich vorher auch nicht vorstellbar, dass so etwas dem Kevin einmal passieren kann. Es war einfach eine Reaktion voller Emotion. Deswegen habe ich gesagt, man müsse einmal darüber nachdenken, warum ein Spieler in einem Super-Alter mit über 50 Länderspielen, der in seinen Vereinen immer die meisten Tore gemacht hat, plötzlich zu so einem Entschluss kommt - mit 26 Jahren! Da muss doch viel in ihm passiert sein und diese Frage hat im Prinzip keiner gestellt.

Sport1.de: Haben Sie selber schon einmal beim DFB nachgefragt, ob es vielleicht irgendwelche Störungen, auch in der Kommunikation, gegeben hat?

Müller: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube einfach, dass in Kevin das Gefühl gewachsen ist, dass er keine Möglichkeiten mehr bekommt, weil der Trainer sich auf andere Stürmer festgelegt hat. Wenn Jogi Löw sagt, Klose und Podolski passen im Moment am besten in sein System, und dann hat er noch den Gomez, der ein ähnlicher Typ ist wie Kevin, und dazu noch einen Helmes, der in der letzten Zeit viele Tore gemacht hat, dann ist das völlig in Ordnung. Die Entscheidung kann man so treffen.

Sport1.de: Was stört Sie?

Müller: Dass er das Vertrauen, das andere vom Bundestrainer bekommen haben, nicht bekommen hat. In den vergangenen Jahren ist er immer derjenige gewesen, der auf der Kippe stand ? nie andere Stürmer, so lange deren Formkrise auch anhielt und so wenig sie in ihren Vereinen gespielt haben. Und deswegen verstehe ich auch seine Entscheidung. Vielleicht wollte er vermeiden, dass ihm vor der WM 2010 noch einmal so etwas passiert wie vor der WM 2006. Kevin ist für andere in die Bresche gesprungen, wie beim Sieg in Tschechien, dann kommen ein, zwei schlechtere Spiele, und schon ist er wieder draußen.

Sport1.de: Bis auf Heiko Westermann haben auch andere Schalker einen schweren Stand bei Löw: Jermaine Jones stand gegen Russland nicht im Kader, Gerald Asamoah hat keine Chance mehr, Christian Pander ist derzeit nicht dabei. Ein grundsätzliches Problem?

Müller: Bei Jermaine Jones ist es so, dass er aufgrund seiner starken letzten Saison bei uns in den Kreis der Nationalmannschaft gerückt ist. Ich bin mir sicher, dass er in der Zukunft ein fester Bestandteil werden kann. Dasselbe denke ich von Christian Pander, solange er verletzungsfrei bleibt, der mit seinem linken Fuß Qualitäten hat wie kein Zweiter in Deutschland. Heiko Westermann genießt ebenfalls eine hohe Wertschätzung, das weiß ich von Jogi Löw und Hansi Flick. Ich will deshalb gar keinen falschen Ton reinbringen, dass es Schalker Spieler in der Nationalmannschaft schwerer hätten. Das würde ich so nie stehen lassen.

Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews

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