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Die Bochumer Yahia und Mavraj geraten mit einem Fan aneinander © imago

Bochumer Fans randalieren nach dem Abstieg des VfL. Trainer und Sportchef sind frustriert. Hannover hat nur ein kleines Problem.

Aus Bochum berichtet Rainer Nachtwey

Bochum - In der Westkurve hüpften die Spieler von Hannover 96, jubelten und klatschten ihren Fans nach dem 3:0-Sieg im Abstiegsendspiel beim VfL Bochum zu. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Rund 100 Meter Luftlinie entfernt flogen in der Ostkurve Stühle auf den Platz, im Fanblock der Bochumer brannten bengalische Feuer und die Polizei und Ordnungskräfte bemühten sich, die aufgebrachten Anhänger im Zaum zu halten und daran zu hindern, den Platz zu stürmen.

66 Personen verletzt

Einige der Fanatiker, denen es geglückt war, den Rasen zu betreten, wurden von den Sicherheitskräften abgeführt. Andere lieferten sich sogar Rangeleien mit Bochumer Spielern.

Nach Angaben der Polizei wurden 66 Personen verletzt, 20 Rowdys wurden festgenommen.

Verständnis ja, Gewalt nein

Erinnerungen an das Spiel zwischen Berlin und Nürnberg kamen auf, als Hertha-Fans mit Stangen auf den Platz gestürmt waren.

"Ich kann die Fans sogar verstehen", erklärte Marcel Maltritz, "Sie haben die letzten Tage alles für den Klub gegeben. Waren zu Tausenden beim Abschlusstraining und dann bieten wir so eine erste Hälfte, nach der das Spiel schon vorbei war", sagte Bochums Kapitän.

"Die Mannschaft hat sich viel vorgenommen, aber sie hat den Worten leider keine Taten folgen lassen", meinte Sportvorstand Thomas Ernst: "Man kann alle Fans, die enttäuscht sind, auch verstehen, aber Gewalt ist natürlich zu verurteilen."

Wosz persönlich getroffen

Kurzzeit-Trainer Dariusz Wosz, dem es "persönlich leid tat", den Klassenerhalt nicht geschafft zu haben, konnte das Verhalten der Fans zwar nachvollziehen ("Die wollen in der ersten Liga bleiben"), für die Leistung seiner Spieler hatte der Ex-Profi dagegen kein Verständnis.

"Was wir abgeliefert haben, war Angsthasenfußball. So kannst du in der ersten Liga zuhause nicht bestehen", schimpfte Wosz.

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"Jetzt fahren nach Aue und nicht zum FC Bayern oder in all die anderen schönen Stadien, aber das haben wir selbst zu verantworten", ergänzte Ernst.

Trainersuche auf Hochtouren

Während der Sportvorstand zu seiner eigenen Zukunft schwieg, wird Wosz wieder wie verabredet ins zweite Glied rücken.

Gespräche mit Trainerkandidaten hat es bereits gegeben.

Man wolle "schnell eine passende Lösung finden", sagte Finanzvorstand Ansgar Schwenken, der mit Spannung auf die anstehenden Gespräche mit den Spielern blickt:

"Mal sehen, wer bereit ist, diesen Bockmist wieder auszulöffeln."

Keine Gegenwehr

Gegen Hannover hatten die VfL-Profis nichts entgegenzusetzen. Die Gäste machten die Räume eng, gingen früh auf den Gegner und zwangen so die Gastgeber zu Fehlern.

Einen solchen nutzte Kapitän Arnold Bruggink zum frühen Führungstreffer.

"Dadurch was das Spiel schon fast gelaufen", stellte VfL-Keeper Philipp Heerwagen fest. "Spätestens mit dem 0:2 war es durch."

Am liebsten mit der Faust gegen die Wand

Die Fans taten zur Pause nur durch ein Pfeifkonzert ihren Unmut kund. Nach der schwachen zweiten Hälfte folgten die Ausschreitungen.

"So wie es auf der Tribüne aussah, so sieht es jetzt in meinem Magen aus", sagte Heerwagen.

"Nur bin ich ein rationaler Mensch und lasse meinen Gefühlen nicht freien Lauf. Aber auch ich würde am liebsten mit der Faust gegen die Wand schlagen."

Hannover kann wieder lachen

Während Heerwagen geknickt Rede und Antwort stand, feierten schräg gegenüber erneut die 96er - nur diesmal keine 25 Meter entfernt.

"Es ist schön endlich mal wieder lachen zu können", sagte Keeper Florian Fromlowitz, der nach dem Schlusspfiff weinend auf den Boden gesunken war.

Vor allem auf dem jungen Keeper hatte nach Robert Enkes Selbstmord eine enorme Last gelegen.

"Wir haben heute die ganze rabenschwarze Saison mit einem Tag abhaken können", meinte Fromlowitz: "Der ganze Druck fällt jetzt ab."

Nur ein Bierproblem

Die Ausschreitungen der VfL-Fans nahmen die 96-Profis in ihrem Jubel nur am Rande wahr. "Ich fand das nicht so schlimm", sagte Mike Hanke im Gespräch mit SPORT1.

"Ich fühlte mich nie bedroht."

Dennoch hatte Hannover ein Problem: Eine zeitlang saßen die Spieler auf dem Trockenen. "Irgendwo müssen doch in diesem Stadion ein paar Kisten Bier aufzutreiben sei", fluchte ein Betreuer.

Es war aber auch das einzige Problem, das die Hannoveraner an diesem Tag nach der "emotionalsten und schwersten Saison meiner gesamten Zeit im Fußballgeschäft" (Sportchef Jörg Schmadtke) hatten.

"Wir sollten uns jetzt darüber freuen, was wir erreicht haben und die Leistung der Mannschaft würdigen", fand Trainer Mirko Slomka: "Deswegen freue ich mich schon auf die Rückkehr nach Hannover."

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