SPORT1-Experte Udo Lattek spricht Bremens Fehler an und erklärt das System van Gaal. Von einem Münchner erwartet er Ärger.

Hallo Fußball-Freunde,

Werder Bremen ist das Pokalfinale gegen die Bayern taktisch falsch angegegangen. Werder hat gespielt, wie in der Liga auf Schalke. Personell natürlich anders, aber von der Grundausrichtung.

Sie haben die Bayern kommen lassen und wollten die auskontern. Aber man hat vergessen, dass Schalke nicht Bayern München ist. Bayern hat zwei Außenstürmer, die jederzeit in der Lage sind, ein oder zwei Leute auszudribbeln.

Wenn man da unter Druck steht und dauernd angegriffen wird, dann macht man Fehler. Man muss sehen, dass man vom eigenen Tor weg kommt.

Man hat die Bayern viel zu sehr im Mittelfeld spielen lassen, ist nicht hingegangen und war immer viel zu weit weg. Da haben die Bayern natürlich Sicherheit gefunden, den Ball gut gehalten und verlagert. Zwischen den beiden Teams war fast ein Klassenunterschied zu erkennen.

Die Bayern dagegen haben große Spielfreude demonstriert. Es gab im vergangenen Jahr auch eine Zeit, in der es beim FC Bayern nicht so rund lief. Das war zähflüssig und da haben sie so gespielt wie Werder Bremen gestern.

Jetz haben sie Lust, sind leichtfüßig und laufen Wege, bei denen sie früher vielleicht überlegt haben, ob sie das nicht lieber bleiben lassen. Da ist ein Funke übergesprungen, der von beiden kommt - vom Trainer und von der Mannschaft. Dieser Funke bringt die Mannschaft dazu, wieder Spielfreude zu haben. Deswegen hören die nach dem 2:0 auch nicht auf. Es macht ihnen Spaß.

Es sah am Anfang der Saison so aus, als wenn van Gaal nur die Luft aus dem Spiel nehmen will, den Ball halten und hin und her schieben will. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die spielen zwar hinten hin und her, allerdings mit der Prämisse, vorne eine Lücke zu finden und dann da rein zu spielen. Entweder auf die Flügel, wenn der Robben außen steht, oder wenn der nach innen geht, dann kommt der Pass in die Tiefe. Es ist ein System-Fußball, aber aus diesem System kann man auch jederzeit ausbrechen. Wenn Not am Mann ist, hat jeder das Recht und auch die Pflicht, aus diesem System rauszugehen. Diese Freiheit lässt van Gaal auch seiner Mannschaft.

Auf das Champions-League-Finale mit dem Trainerduell van Gaal gegen Mourinho freue ich mich schon. Beide haben eine andere Philosophie, obwohl sie zusammen gearbeitet haben.

Mourinho ist der Defensiv-Künstler, van Gaal ist mehr nach vorne orientiert. Ich denke, dass Mourinho versuchen wird, vorne zu pressen und die Bayern nicht ins Spiel kommen zu lassen. Und wenn Inter mal ein Tor schießen sollte, was ich nicht hoffe, dann wird es echt schwer für Bayern.

Die Mailänder stehen hinten so geschickt und sind mit allen Wassern gewaschen: kleine Fouls, Trikot zupfen, Ellenbogen ausfahren und alles, was dazu gehört. Wenn Bayern aber in Führung gehen sollte, gehe ich davon aus, dass sie es machen können. Sie sind in einer blendenden Verfassung.

Der einzige, der momentan Sorgen bereitet ist Mario Gomez. Der hat ja jetzt gar keine Argumente, um in die Truppe reinzukommen. Aber es muss unheimlich in ihm kochen und er will spielen. Er wird das nicht lange aushalten, so ruhig zu bleiben. Irgendwann wird der Deckel platzen und dann geht es los.

Michael Ballacks Verletzung kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Kommt drauf an, wie schwer die Geschichte ist. Es kann sein, dass es schnell wieder in Ordnung ist, kann sein, dass er länger ausfällt. Ich wage keine Prognose, aber drücke ihm die Daumen, dass alles gut verläuft und so, wie er es sich vorstellt. Mit ihm würde eine Führungspersönlichkeit fehlen und der zweite defensive Mann im Mittelfeld. Ich denke, dass man mit ihm und Schweinsteiger da eine sehr gute Geschichte gehabt hätte. Wenn er ausfällt, muss alles umstrukturiert werden. Dann wird es kritisch, einen entsprechenden Ersatz zu finden."

Euer Udo Lattek

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