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Jürgen Klinsmann coacht seit Juli den FC Bayern. Er verfolgt dabei viele neue Konzepte © imago

Der Bayern-Trainer fordert von seinen Spielern nicht nur fußballerische Qualität. Für heikle Missionen brauche es mehr Rüstzeug.

Von Daniel Rathjen und Martin Volkmar

München - Nur neun Punkte nach sieben Spielen in der Bundesliga - beim FC Bayern läuft es alles andere als rund.

Der schwächste Saisonstart nach 31 Jahren heizt zudem die öffentliche Kritik an. Im Kreuzfeuer: Trainer Jürgen Klinsmann.

Doch der betont gegenüber dem DSF: "Man nimmt die sachliche Kritik natürlich an, die unsachliche lässt man links liegen. Es gehört auch zu dem Job dazu, dass man es nicht allen Leuten recht machen kann."

Klinsmann glaubt, dass die aktuelle Phase sogar hilfreich sein könne. "Es ist ein Prozess, bei dem man nur dazu lernen kann. Mir war sehr wohl bewusst, dass die Punktesituation im Alltag eines Vereinstrainers im Vordergrund steht", sagt er.

Der als Visionär gekennzeichnete Coach, der das Trainingsgelände an der Säbener Straße gehörig umgekrempelt hat, stellt sich den Emotionen.

"Ich kann mit der Kritik umgehen, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als jetzt die Dinge nach oben zu entwickeln und spätestens zur Winterpause da zu stehen, wo wir eigentlich hingehören."

Im ausführlichen Interview mit Sport1.de gibt sich der 44-Jährige vor dem Spiel beim Karlsruher SC am Samstag (ab 15 Uhr LIVE) weiter kämpferisch und selbstbewusst.

"Es wird sich mittelfristig eine Konstanz herausbilden, mit den neuen Dingen umzugehen. Wir und der Vorstand wissen, was wir vorhaben, und wo wir in einem halben Jahr stehen wollen und werden."

Sport1.de: Herr Klinsmann, Sie müssen viel Kritik einstecken. Doch das Verhältnis zum Vorstand ist gut - speziell zu Uli Hoeneß. Wenn man an Ihre Dispute mit ihm als Spieler und Bundestrainer denkt, erscheint das recht überraschend. Woher kommt das?

Jürgen Klinsmann: Die Wertschätzung für Uli war immer da. Als Spieler hab ich darunter gelitten, nur Aufgabenempfänger zu sein, weil der Trainer die alleinige Verantwortung hat. Der Vorteil jetzt ist, dass ich in dieser Rolle bin und ich an diesem Umfeld mitbasteln kann. Der permanente Austausch mit Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge dient der Sache enorm. Wir wissen, wo wir hinwollen und warum wir etwas tun. Das gleiche wollen wir auch den Spielern vermitteln. Auch da ist der Informationsfluss sehr wichtig.

Sport1.de: Warum?

Klinsmann: Ich halte das für elementar. Das habe ich auch in vielen anderen Sportarten beobachtet, beispielsweise in der NBA. Daher wollten wir auch das Leistungszentrum in dieser Form, denn unser Ziel ist die Leistungsoptimierung in allen Bereichen. Die Spieler müssen lernen, sich noch mehr mit ihrem Beruf zu beschäftigen.

Sport1.de:Sehen Sie es als Problem, dass es keine klassische Ausbildung für den Beruf des Fußballers gibt?

Klinsmann: Eindeutig ja. Es gibt auch für den Trainer keine, auch wenn du den Trainerschein machst. Du bist nicht für alle diese Komponenten geschult, die jetzt den Berufsalltag eines Trainers oder eines Fußball-Profis prägen.

Sport1.de: Was meinen Sie konkret?

Klinsmann: Wenn ein 18-Jähriger Profi wird, dann soll er von heute auf morgen verstehen, wie die Medien funktionieren und was Sponsoren wollen. Er soll verstehen, wie die Administration in einem Klub verläuft, soll am besten noch mehrsprachig sein, weil er Arbeitskollegen hat, die aus allen möglichen Ländern kommen. Es gibt also im Prinzip keine Vorbereitung für einen Spieler. Und da muss es ein Umdenken geben.

Sport1.de: Ist das Ihre Vision vom Fußballer der Zukunft?

Klinsmann: Wenn wir einen 19-Jährigen heranführen, müssen wir überlegen, was er für diesen Beruf braucht. Er muss grundsätzliche Dinge verstehen und dieses komplexe Gebilde lernen. So wie in einer Lehre. Aber die gibt es eben nicht. Wir fangen jetzt an, Impulse zu geben und hoffen, dass die Spieler sie aufnehmen. Sehr überraschend ist, wie sie alleine das Sprachthema angehen. Sie merken einfach, dass in ihrem Berufsfeld eine Sprache eine immer größere Rolle spielt. Weil sie vielleicht mal in Italien oder Spanien spielen. Oder anders herum. Da kommt einer aus Argentinien, dann kann ich dem auch ein paar Worte in seiner Sprache um den Kopf hauen.

Sport1.de: Und was bringt das auf dem Platz?

Klinsmann: Letztlich brauchen wir den Typen, der später bei einem 0:1-Rückstand auf dem Platz steht und sagt: So jetzt nehme ich das Ding in die Hand und mache etwas Entscheidendes. Wenn er das nur fußballerisch angeht, hat er nicht die innere Kraft zu sagen: Ich muss jetzt reagieren.

Sport1.de: Also muss der Job des Fußballers mittlerweile neu definiert werden?

Klinsmann: Ja, völlig. Aber überall gibt es bereits die ersten Ansätze. Das gilt ja auch für Trainer. Sprachen werden immer wichtiger, du musst mit dem Computer umgehen können, um zum Beispiel zu wissen, was im Scouting passiert.

Sport1.de: Aber dafür haben Sie doch auch Ihren großen Trainerstab.

Klinsmann: Weil es nicht mehr anders geht. Spielerbeobachtung und Spielbeobachtung sind zum Beispiel zwei verschiedene Welten. Bei uns heißt es traditionell: Das macht halt einer! Aber das geht nicht. Für Arsenal arbeiten vier bis fünf Analysten, die die Gegner völlig auseinander nehmen. Unser Arbeitsumfeld im Profi-Fußball hat sich generell verändert, weil es spätestens seit dem Bosman-Urteil ganz neue Anforderungen gibt.

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