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Kevin Kuranyi hat eine nicht sonderlich erfreuliche Woche hinter sich © imago

Im Topduell beim HSV droht Kevin Kuranyi ein Spießrutenlauf. Doch Schalkes Anhang stärkt dem DFB-Team-Flüchtling den Rücken.

Von Christian Paschwitz

München - Der Boulevard unkt schon vom "schwersten Spiel seines Lebens".

Und zweifelsohne wird's kein Jubelsturm, der Kevin Kuranyi ("Ich hoffe, dass ich mich jetzt schnell wieder auf den Fußball konzentrieren kann") am Sonntag (ab 16.30 Uhr LIVE) im Topspiel beim Hamburger SV entgegenschlagen dürfte.

Im ersten Spiel nach seiner Flucht aus dem Kreis der Nationalmannschaft drohen dem Stürmer des FC Schalke neben dem medialen Hype um seine Person massive Anfeindungen und Schmähungen von den Rängen.

Offenbar allerdings nicht vom eigenen Anhang; entgegen den Befürchtungen von Schalkes Manager Andreas Müller im Interview mit Sport1.de ("Natürlich ist Kevin einer, der polarisiert. Die meisten kennen ihn gar nicht richtig, haben ein falsches Bild von ihm").

Solidarität statt Spießrutenlauf

Während der hanseatische Anhang Kuranyis unrühmlichen Abgang bei Schwarz-Rot-Gold als Steilvorlage für einen Spießrutenlauf verstehen könnte, kann der 26-Jährige von Königsblau angeblich viel Solidarität erwarten.

Von wegen also General-Buhmann. "Die große Mehrheit steht voll hinter ihm. Ich würde sogar wetten, dass es mehr positive Reaktionen gibt als negative", sagt Schalkes Fan-Beauftragter Rolf Rojek Sport1.de gegenüber. "Viele sagen, Kevin hat absolut richtig gehandelt."

Der Chef des Schalker Fan-Club-Verbands, der 1450 mit den Knappen sympathisierende Vereine überdacht, ist sich sicher: "Die meisten denken: Nicht nur Kevin, sondern auch wir Schalker lassen uns nicht verarschen und alles mit uns machen."

Nie gepasst mit der Nationalelf

Gemeint damit ist der DFB und dessen Bundestrainer Jogi Löw. Über den war wegen seiner Nicht-Berücksichtigung für den Kader des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland eben auch Kuranyi verärgert - und verließ das Stadion deshalb zur Halbzeitpause.

Ein unerwarteter Eklat. Zwischen Schalke und der Nationalelf dagegen hat es noch nie wirklich gepasst.

Genau deshalb passt es jetzt kurioserweise wieder zwischen S04 und Kuranyi. Formschwach war er bis vor knapp zwei Wochen noch von den eigenen Supportern ausgepfiffen worden. Jetzt aber wird Kuranyi fast schon gefeiert.

Schon bei Libuda und Fischer

"Ich kann mir gut vorstellen, dass manche im Stadion sogar ,Bravo, Kevin!' rufen", so Rojek, der nicht ausschließt, dass für Kuranyi kurzfristig auch noch Solidaritätsplakate angefertigt werden.

Weil die Nationalelf beim Gros der Schalker wenig gelitten ist. Der Grund: "Wir haben schon immer das Gefühl, dass unsere Spieler bei der Nominierung für Deutschland vernachlässigt werden", sagt Rojek. "Das war schon damals bei Stan Libuda und Klaus Fischer so."

Ähnlich hatte es unmittelbar nach Kuranyis Aus im DFB-Ensemble bereits Klub-Manager Müller formuliert: "Bei uns hat er das Vertrauen, das er beim DFB nicht so hatte." Und: "Vielleicht lag es daran, dass er bei Schalke spielt und nicht bei Bayern."

Rafinhas Flucht viel ernster

Eigentlich scheinen sie in Gelsenkirchen aber froh zu sein, wenn ihre Spieler allein für Königsblau kicken.

Beleg dafür ist der Fall Rafinha: Als der von Schalke geflüchtet ist, um für seine Nationalelf bei Olympia zu spielen, sei der Schalker Anhang laut ihrem Fanklub-Beauftragten sehr verärgert gewesen.

"Bei Kuranyi ist es nun genau umgekehrt", sagt Rojek, der nach dem Besuch mehrerer Fan-Mitglieder-Versammlungen während der vergangenen Tage mit bis zu 600 Personen den Tenor ausgemacht haben will: "Bei uns Schalkern profitiert Kuranyi von seiner Entscheidung und ist in der Gunst sogar gestiegen."

Liebe die Schale als Weltmeister

Bundesweit wohl einmalig. Bei Königsblau anscheinend normal, wenn Rojek behauptet: "Wohl 90 Prozent aller Schalke-Fans wäre die Deutsche Meisterschaft lieber als der WM-Titel."

Und was Kuranyi angeht: "Wenn der jetzt in Hamburg die Bude macht, und wir gewinnen mit 1:0, dann ist er unser Held."

So wie beim letzten Aufeinandertreffen in Hamburg. Mit dem einzigen und entscheidenden Treffer durch Kuranyi.

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