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Figuren des Hoffenheimer Erfolgs: Sejad Salihovic (vorn) und Carlos Eduardo © getty

Hoffenheim verblüfft nicht mehr - die TSG wandelt auf den Spuren des FC Bayern. Rangnicks Blitzfußball wirkt meisterlich.

Von Christian Paschwitz

München - In der Retrospektive bekommt Manches, was Ralf Rangnick sagt, einen pikanten Zungenschlag, der so zunächst gar nicht auszumachen ist.

Es war irgendwann im Spätsommer. Kurz vorm Saisonstart merkte der Trainer der TSG Hoffenheim über sein Team lakonisch an: "Generelle Defizite sehe ich nicht."

Mehr als selbstbewusste Worte eigentlich für einen Aufsteiger - und doch kamen sie derart unscheinbar daher, dass sie der Öffentlichkeit wie der Konkurrenz in der neuen Liga gar nicht auffielen. Ebenso wenig wie Rangnicks süffisanter Zusatz: "Meister wird normalerweise der FC Bayern."

Im Oktober 2008, unmittelbar nach einem 5:2 (1:0) über Hannover 96, erscheinen die Rangnick'schen Äußerungen in einem ganz anderen Licht.

Offensiv-Spektakel

Denn: Nach einem Viertel der Saison und der Rückkehr an die Tabellenspitze lässt das neuerliche Offensiv-Spektakel der Kraichgauer in der Tat wenig Defizite erkennen.

Statt des bei einem Klassenneuling zu vermutenden Abstiegskampfs ist das Team klarer Kandidat für einen Uefa-Cup-Platz. Vielleicht sogar mehr als das. Während bei den Bayern dagegen nichts normal läuft als Tabellen-Elfter.

Hoffenheims Gala-Vorstellung in Hannover, gekrönt mit den Toren von Vedad Ibisevic (36. und 83.), Chinedu Obasi (70.), Sejad Salihovic (72.) und Demba Ba (80.), markiert den besten Start eines Aufsteigers seit zehn Jahren. Für den 1. FC Kaiserslautern stand damals am Saisonende der Titel.

96 enttäuscht komplett

Fast meisterlich wirkte es auch, wie Hoffenheim bei Rangnicks Ex-Klub auftrat. Der hatte allein kurze Glücksmomente bei einer schmeichelhaften zwischenzeitlichen 2:1-Führung dank der Treffer von Christian Schulz (48.) und Jiri Stajner (63.).

Sonst aber enttäuschten die Riege von Dieter Hecking komplett: Nicht zuletzt auch wegen der Roten Karte für Arnold Bruggink (85.) und dem zweimal patzenden Florian Fromlowitz (Hecking: "Es wäre falsch, ihn allein für die Niederlage verantwortlich zu machen"). Fromlowitz hatte erstmals in dieser Saison den verletzten Nationalkeeper Robert Enke vertreten.

Ein Rad ins andere griff hingegen bei der spielerisch glänzenden wie mannschaftlich verschworen auftretenden TSG. Mit der zweitbesten Offensive (hinter Bremen) und dem zweitbesten Torverhältnis (nach Leverkusen) rangiert Hoffenheim wieder nun wieder ganz vorne.

Schindelmeiser dämpft Euphorie

"Wir brechen jetzt nicht in Euphorie aus", beteuert TSG-Manager Jan Schindelmeiser zwar: "Für uns ist das internationale Geschäft überhaupt kein Thema."

Doch dem widersprechen die Hoffenheimer Kombination aus Angriffen der Extraklasse und rasend schnellem Kombinationsfußball, mit dem sich das Team regelrecht in einen Rausch zu spielen versteht.

Wie zuletzt schon beim 4:5 in Bremen machte die TSG aus fast jedem Angriff eine Chance, ließ es binnen 14 Minuten viermal klingeln.

Fingerzeig von "Ohrenschrauber" Ibisevic

Die geballte Offensivkraft ist mittlerweile zum Hoffenheimer Markenzeichen geworden. Und anders als zu Saisonbeginn darf sie daher auch nicht mehr verblüffen. Seit fast drei Monaten nun lässt Rangnick Blitzfußball mit überfallartigen Angriffen spielen.

Dabei treffen alle Stürmer. Ibisevic als bester Vollstrecker der Liga schraubte sein Trefferkonto per Doppelpack gar auf neun Tore. Pikanterweise macht er danach den Ohrenschrauber wie Bayerns kriselnden Luca Toni. Auch so ein Fingerzeig für die Liga, dass Hoffenheim anstelle München gegenwärtig den Takt vorgibt.

Rangnicks Treppenwitz

Umso mehr wirkt es wie ein Treppenwitz, wenn Rangnick den Zauberfußball an die Bundesliga-Spitze nun mit den Worten kommentiert: "Die Tabelle hat erst nach zehn Spieltagen eine Aussagekraft." Um im Nachsatz dann noch knapp zu sagen: "Es ist brutal eng zusammen. Wir haben jetzt elf Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge."

Anders als im Sommer dürfte Rangnicks Rhetorik diesmal sehr wohl verstanden werden: "Wenn wir am Ende der Saison noch vor den Bayern, dann steigen wir mit hundertprozentiger Sicherheit nicht ab."

Nicht unnormal wäre dann auch die Hoffenheimer Meisterschaft. Im Nachhinein.

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