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Nur noch Erlösung: Schalkes Kevin Kuranyi bei seiner Auswechslung durch Fred Rutten © getty

Nationalelf als Kraftspender und Angstauslöser: Während Kevin Kuranyi nach seiner Flucht kriselt, dreht Piotr Trochowski richtig auf.

Von Christian Paschwitz

München - Am Ende tritt genau das ein, was partout nicht hätte eintreten sollen - und was eine ohnehin schon schwierige Angelegenheit noch verkompliziert.

Mit hängendem Kopf schlich Kevin Kuranyi wie ein personifiziertes Häufchen Elend vom Feld. Schalkes Trainer Fred Rutten hatte endlich ein Einsehen mit dem Stürmer, der eine desolate Stunde hinter sich gebracht hatte.

Raus ohne Applaus, und ausgetauscht gegen Gerald Asamoah. Der Ex-Ex-Nationalspieler hatte fertig. Ein Statement vor laufender TV-Kamera verweigerte er. Verständlich und bitter zugleich.

Des einen Leid, des anderen Freud: 30 Minuten später stand Piotr Trochowski umso redseliger vor den Mikros. Nicht nur seinen formidablen Auftritt vor allem in der ersten Hälfte beim 1:1 (1:0) gegen Kuranyis Schalker, gekrönt mit einem Treffer (30.), mag der Mittelfeld-Macher des Hamburger SV kommentieren.

Schnack über den Flickflack

Auch der öffentlich erstmals gesehene Flickflack beim Torjubel war sein Thema. Augenzwinkernd mit gewisser Anspielung auf Bayerns Miroslav Klose, sonst der Mann, der ein Erfolgserlebnis akrobatisch feiert, sagte Trochowski fröhlich: "Ich wollte mal zeigen, dass ich das auch kann."

Im Moment kann der 24-Jährige scheinbar alles, beschwingt und leicht. Nicht zuletzt stürmte Trochowski deshalb mit dem HSV zurück an die Tabellenspitze.

Kuranyi dagegen gelang nichts mehr, er verkrampfte zusehends. Allenfalls positiv erleben durfte er am Sonntag, wie die Schalker dank Benedikt Höwedes (48.) noch den Ausgleich schafften und den Kontakt zum oberen Tabellendrittel nicht abreißen ließen.

Schwarz-rot-golder Erklärungsschlüssel

Aber sonst? Kuranyi befindet sich im freien Fall. Trochowski dagegen hebt zu einem immer beeindruckenderen Höhenflug ab.

Der Erklärungsschlüssel für beide Entwicklungen ist ein schwarz-rot-goldener, mit Ausgangspunkt am vorvergangenen Wochenende beim Länderspiel gegen Wales.

In der HSH Nordbank Arena wurde nun allzu deutlich, dass sein unrühmlicher Nationalmannschafts-Abgang in Kuranyis Seelenleben möglicherweise tiefere Spuren hinterlassen hat als bloß einen schwarzen Fleck in der sportlichen Vita.

Gerade mal acht Ballkontakte

Konkret: Nach der Flucht hat eine unübersehbare Furcht Einzug gehalten, die den 26-Jährigen zutiefst belastet und lähmt. Besser wäre eine Flucht nach vorn gewesen.

Bei gerade mal acht Ballkontakten in Hälfte eins und einer für einen Profi-Fußballer erschreckenden Körpersprache wurde deutlich: Kuranyi spielt im Moment gar nicht mehr wirklich mit.

Dass ihn der HSV-Anhang dabei weniger stark als befürchtet mit Pfiffen bedachte und die Schalker Fans mit Solidaritätsbekundungen anzuspornen suchten, offenbarte umso mehr die besorgniserregende Verfassung des Angreifers. In der scheint er außerstande, einen persönlichen Befreiungsschlag zu landen.

Und jetzt gegen Saint-Germain

Ein solcher müsste ihm aber ausgerechnet und unbedingt schon am Donnerstag im Uefa-Cup (gegen Paris Saint-Germain) gelingen, will sich Kuranyi nicht auf lange Sicht als Reservist wiederfinden, was seiner Form Rechnung trüge.

Dass fast alle Schalker, vor allem Manager Andreas Müller ("Ich verstehe Kevin, wir würden ihm gern helfen"), vor und nach Abpfiff demonstrativ Zuspruch spendeten, hat sich im Nachhinein als untaugliches Mittel erwiesen. Der Druck ist nun noch größer geworden.

Von einem solchen gar nicht mehr belastet zu werden scheint wiederum Trochowski: Nach seinem langersehnten ersten Länderspiel-Treffer (1:0 gegen Wales) tritt der Mittelfeld-Motor noch beflügelter auf als ohnehin schon.

Akzente und Tempo

Gerade Trochowski war es, der beim HSV vor der Pause die meisten Akzente setzte und hohes Tempo vorgab: Das i-Tüpfelchen des erneut forschen Auftritts war die Führung durch einen sehenswerten 14-Meter-Schuss in die lange Ecke.

Da freut man sich dann auch auf das neuerliche Hamburger Topspiel am kommenden Sonntag in Mannheim gegen Verfolger Hoffenheim. Der entscheidende Unterschied zwischen Trochowski und Kuranyi ist ein mentaler:

"Ich fühle mich eben einfach gut", sagt Trochowski und reckt den Kopf dabei empor. "Ich glaube an meine Stärken. Und es passt gerade alles so, wie ich mir das wünsche."

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