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Urs Siegenthaler ist seit 2005 Chefscout der deutschen Nationalmannschaft © imago

Nach Siegenthalers Rückzieher ist die Stimmung in Hamburg explosiv. Veh und Hoffmann poltern - und es drängt sich ein Verdacht auf.

Von Tobias Hlusiak

München - Der HSV steht mit leeren Händen da und wirkt blamiert. Wieder einmal.

Es ist der vorläufige Höhepunkt bei der ewig gefühlten Suche nach einem Nachfolger für Dietmar Beiersdorfer.

Und nach der plötzlichen Absage des designierten Sportlichen Leiters Urs Siegenthaler macht sich in Hamburgs Führungsetage Wut und Enttäuschung breit.

"Seine Entscheidung ist für unseren Nachwuchs eine Katastrophe. Begreifen kann ich die Entwicklung nicht", meint Chefcoach Armin Veh unverhohlen.

Siegenthaler hatte den Hanseaten angesichts wachsender Kritik an seiner angestrebten Doppelfunktion als HSV-Angestellter und Chefscout der deutschen Nationalmannschaft abgesagt - trotz gültigen Dreijahresvertrags.

Philosophie unabhängig vom Trainer

Der Schweizer sollte den Verein als sportliche Führungsfigur nach Außen vertreten, gleichzeitig sein Know-How in eine Umstrukturierung der Jugendabteilung einbringen.

Bernd Hoffmann hatte große Visionen: Siegenthaler sollte eine zum HSV passende Spielphilosophie entwickeln, unabhängig vom jeweiligen Trainer. 209112(Die Bundesliga-Wechselbörse)

Doch mit Siegenthalers Rückzieher endete alles nur in Rauch. Dementsprechend desillusioniert reagiert der Klubboss auf die Absage.

"Nicht nachvollziehbar"

"Dass eine Doppelfunktion nun vier Tage vor Arbeitsbeginn (1. August, Anm. der Redaktion) ein unlösbares Problem darstellen soll, ist nicht nachvollziehbar", wetterte Hoffmann.

Schließlich hatte sich Siegenthaler für den Job in Hamburg bereits am 10. Februar entschieden. "Sowohl bei der Nationalmannschaft als auch bei der DFL gab und gibt es Doppelfunktionen. Mir scheint, hier wird mit zweierlei Maß gemessen", so Hoffmann.

In der "Sport Bild" hatte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach erklärt: "Eine Doppelfunktion wird nicht möglich sein." - und wurde von prominenten Vertretern der Liga unterstützt.

Auch Rauball und Rummenigge gegen Doppelfunktion

"Eine Doppelbeschäftigung von Siegenthaler wäre der Liga schwer zu vermitteln", sagte etwa auch Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball, pikanterweise selbst in Doppelfunktion, weil parallel DFB-Vizepräsident.

Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erklärte schließlich: "Die Liga ist klar der Meinung: Entweder arbeitet Siegenthaler für den DFB oder für den HSV."

Nach Außen hin zumindest schiebt HSV-Boss Hoffmann den schwarzen Peter zu Siegenthalers Scheitern dem DFB und den Liga-Granden zu.

Siegenthaler schon im Streit

Offenbar hinterlässt das "Phantom" Siegenthaler einen Scherbenhaufen aber auch aus sich selbst heraus:

Aus Klubkreisen dringt an die Öffentlichkeit, der Wunschkandidat habe es sich intern mit einigen Mitarbeitern verscherzt. So sei Siegenthaler gerade aus der Jugendabteilung heftiger Gegenwind in die Neugestaltungspläne geweht.

Zudem waren die Kompetenzen zwischen Siegenthaler und dem neuen Sportchef Bastian Reinhardt angeblich bis zuletzt nicht klar abgesteckt.

Veh: Mein Ansprechpartner war Reinhardt

Und: Veh war offenbar genauso wenig positiv auf den Neuankömmling zu sprechen.

"Er war bei der WM und dann im Urlaub", sagt der Coach dem "Hamburger Abendblatt". "Mein Ansprechpartner war ohnehin Bastian Reinhardt."

Der Stuttgarter Meistertrainer von 2007 soll Siegenthalers Spielsystem-Planungen bei der Neuformierung des Kaders schlicht ignoriert haben.

Kommen Siegenthaler Bedenken zupass?

So drängt sich der Verdacht auf, Siegenthaler könnten die DFB-Bedenken nun womöglich ganz recht gekommen sein, weil er beim HSV von vornherein kaum eine Lobby hatte.

So oder so wirkt die Geschichte wie ein großes Missverständnis: Siegenthaler begründete seinen Entschluss offiziell so:

"Aufgrund meiner von Anfang an auch gegenüber dem HSV betonten Loyalität zum DFB, zum Bundestrainer Joachim Löw und zum Team der Nationalmannschaft habe ich mich für den DFB entschieden."

Keine Entschädigung vom DFB

Eine finanzielle Entschädigung für den HSV lehnt der DFB ab.

"Siegenthaler hätte sich ja auch für den HSV entscheiden können", hieß es dazu aus Frankfurt lapidar.

Für den HSV bedeutet die Episode um den 62-Jährigen einen weiteren Rückschlag auf der Suche nach sportlicher Führung und Stabilität.

"Sind trotzdem gut aufgestellt"

"Wir glauben trotzdem, dass wir gut aufgestellt sind", sagt Hoffmann. "Wir werden die von Urs Siegenthaler angestoßenen Maßnahmen für Nachwuchs und Scouting fortsetzen."

Mit dem geplatzten Siegenthaler-Projekt lastet nun die Verantwortung auf Berufseinsteiger Reinhardt.

Interessant zu verfolgen wird auch sein, wie viel Verantwortung Hoffmann, der bisher alle Profi-Verträge aushandelt, wirklich an den Ex-Profi abgeben wird.

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