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Robin Dutt kam 2007 von den Stuttgarter Kickers nach Freiburg © imago

Freiburg-Coach Robin Dutt erklärt im SPORT1-Interview, warum er den größten Erfolg seines Vorgängers wohl nie wiederholen wird.

Von Martin Hoffmann

München - Robin Dutt wäre wohl nicht mehr Trainer des SC Freiburg, wenn die sprichwörtlichen Uhren im Breisgau anders ticken würden.

Der SC stand in der vergangenen Saison nach zwölf sieglosen Spielen am Abgrund zur Zweiten Liga, wirkte völlig außer Tritt.

Alle Abstiegskonkurrenten hatten da schon einen Trainerwechsel hinter sich - doch die Freiburger setzten weiter auf das Credo, auf das sich schon Dutts Vorgänger 16 Jahre lang verlassen konnte: Kontinuität.

Dutts Entlassung stand nie zur Debatte - und der 45-Jährige rechtfertigte das Vertrauen, indem er das Team erfolgreich aus dem Abstiegssumpf führte.

"Alles nach Plan"

In aller Ruhe präpariert Dutt Freiburg nun auch auf die zweite Spielzeit im Oberhaus. (DATENCENTER: Der Bundesliga-Spielplan)

Der Fußballlehrer freut sich über eine Saisonvorbereitung, in der "alles nach Plan" läuft und es "keinen Grund zu klagen" gibt. (SERVICE: Sommerfahrpläne)

Dutt arbeitet in einem Umfeld, das Kritiker schon zu behütet finden. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Dutt im fünften Teil der SPORT1-Interview-Serie vor dem Saisonstart.

Er erklärt darin die Philosophie seines Klubs, warum das große Vertrauen in ihn auch eine Bürde ist - und warum er den größten Erfolg seines Vorgängers Finke wohl nie wiederholen kann.

SPORT1: Herr Dutt, überraschen Sie uns in diesem Jahr mit einem anderen Saisonziel als dem Klassenerhalt?

Dutt: Nein, da kann es keinen Sinnwandel geben. Wir können uns realistisch einschätzen: Der Klassenerhalt wird in diesem Jahr auch wieder eine große Herausforderung sein.

SPORT1: Im vergangenen Jahr haben Sie den Klassenerhalt geschafft, weil Freiburg Ihnen auch in höchster Not weiter vertraut hat - während alle anderen Abstiegskandidaten die Trainer teils mehrfach entlassen haben. Ihr Arbeitsplatz ist in dem schnelllebigen Geschäft eine Art Insel der Glücksseligkeit...

Dutt: Es ist in jedem Fall gut zu wissen, dass man Vertrauen genießt. Aber es ist kein blauäugiges Vertrauen, es kommt daher, dass der Klub von der Arbeit überzeugt ist. Man hat hier aber auch eine doppelt große Verantwortung: Bei einem Verein, der zu einem steht, sollte man als Trainer auch doppelt Gas geben, um dem gerecht zu werden.

SPORT1: Zur Philosophie des Klubs gehört auch, den Klassenerhalt nicht auf Teufel komm raus erzwingen zu wollen. Ist es nicht auch gefährlich, den Ligaverbleib weniger wichtig zu nehmen als andere?

Dutt: Wir in Freiburg finden die Strategien der anderen Vereine gefährlicher. Es steigen in jedem Jahr drei Klubs ab. Und wenn man alles auf die Karte setzt, in der Liga zu bleiben, gerät man meistens in Schwierigkeiten, wenn es dann doch nicht klappt und läuft Gefahr, durchgereicht zu werden. Wir sehen die Erste Liga und die Spitze der Zweiten Liga als Ganzes: Wenn wir absteigen, sind wir weiter gesund und gerüstet, in der Zweiten Liga wieder oben mitzuspielen: Wir sind auch nach jedem Zweitliga-Abstieg unter den ersten Fünf gewesen. Außerdem tun wir in der Bundesliga als Mannschaft ja trotzdem alles, um in der Liga zu bleiben.

SPORT1: Kann bei der Philosophie aber nicht ein Spieler auf die Idee kommen: Wenn der Abstieg nicht so schlimm ist, muss man auch nicht so stark gegen ihn ankämpfen? Der Eindruck ist in der letzten Saison zwischenzeitlich entstanden.

Dutt: Das ist eine unreflektierte Kritik von außen. Wir im Verein wissen, wie wir arbeiten und dass jeder auf seinem Arbeitsplatz Vollgas gibt. Und als Sportler tun wir alles für den Klassenerhalt. Kein Spieler zieht die Zweite Liga freiwillig der Ersten vor - das hat ja nichts mit der Philosophie des Klubs zu tun.

SPORT1: Wie passt das zu der für einen Abstiegskandidaten wenig kampfbetonten Spielweise? Ihr Team war in der vergangenen Saison das drittfairste Team der Liga - ohne einen Platzverweis.

Dutt: Das spricht doch für uns. Wir haben eine saubere Zweikampfführung und eine sehr gute Balleroberung, darum haben wir die Klasse gehalten. Mehr Fouls und Karten hätten auch mehr Torchancen und damit wohl mehr Tore für die Gegner bedeutet. Zwei oder drei Platzverweise bedeuten meist auch zwei bis vier verloren Punkte - die können den Unterschied ausmachen.

SPORT1: In Mo Idrissou verloren hat Ihr bester Torschütze der Vorsaison Freiburg verlassen: Viele sehen den Sturm nun als Problemzone. Sehen Sie den Klub gut genug gerüstet? 209112(DIASHOW: Die Bundesliga-Wechselbörse)

Dutt: Seit ich hier arbeite, hat es viele Abgänge gegeben, und die Mannschaft hat noch jeden aufgefangen. Wir haben den Aufstieg auch ohne Dennis Aogo und Jonathan Pitroipa geschafft und den Klassenerhalt auch ohne Daniel Schwaab. Abgänge von Stammspielern gehören zum Fußball - und nur einen verkraften zu müssen, ist eher ungewöhnlich wenig.

SPORT1: Ihre prominentesten Neuzugänge sind Maximilian Nicu aus Berlin und Jan Rosenthal aus Hannover. Was versprechen Sie sich von den beiden, und wie ist Ihr bisheriger Eindruck?

Dutt: Beide haben sich menschlich schon bestens eingefügt, und sie konnten schon auch die Anforderungen, die wir im Freiburger Fußball stellen, sehr gut umsetzen. Beide sind Verstärkungen.

SPORT1: Beide haben bei ihren Ex-Vereinen eine Saison im Abstiegskampf hinter sich. Haben Sie sie auch deshalb geholt?

Dutt: Nein. Wir suchen immer einen ganz speziell Spielertyp - der auch finanziell zu uns passen muss. Wir beobachten da Spieler in allen Vereinen, gerade auch solche, die bei ihren Klubs in der zweiten Reihe stehen und sich bei uns vielleicht besser durchsetzen können. Von Jan und Max sind wir schon seit mehreren Jahren voll überzeugt.

SPORT1: Bleiben Sie denn beim 4-1-4-1-System, das sich im Verlauf der vergangenen Saison eingespielt hat?

Dutt: Davon ist auszugehen, wir werden aber natürlich auch ein alternatives System proben.

SPORT1: Noch mal zurück zum Thema Kontinuität: Die war auch vor Ihrer Zeit das große Thema bei Freiburg. Ihr Vorgänger Volker Finke war 16 Jahre beim SC - und hat ihn auch zweimal in den UEFA-Cup geführt. Wollen Sie mittelfristig auch mal die Europa League erreichen - oder ist das inzwischen undenkbar?

Dutt: Ich denke, das ist in den vergangenen sehr unrealistisch geworden. Früher gab es in der Liga um die sechs Top-Vereine. Und wenn ein oder zwei gepatzt habe, konnte ein kleiner Verein das ausnutzen. Jetzt haben wir acht, neun, zehn Vereine da oben, die eigentlich alles richtig machen und trotzdem müssen am Ende immer welche enttäuscht sein, weil sie den internationalen Wettbewerb verpassen.

SPORT1: So wie diesmal Wolfsburg und der HSV...

Dutt: Solche Vereine kann ein kleiner Verein nicht überholen, auch wenn er eine so überragende Saison spielt wie Mainz in der vergangenen. Vor zehn Jahren hätte das für den UEFA-Cup gereicht, heute nur noch für einen biederen Mittelfeldplatz. Es ist auf lange, absehbare Zeit unmöglich, als kleiner Verein da oben reinzukommen.

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