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Eine furiose Aufholjagd: Jürgen Klinsmann (r.) und Uli Hoeneß bejubeln den Sieg © getty

Den Bayern gelingt eine Aufholjagd wie zuletzt vor 21 Jahren. Doch beim Jubeln vergessen die Münchner nicht ihre Schwachstellen.

Von Mathias Frohnapfel und Michael Schulz

München - Mit dem Herzen war es an diesem Samstag in München so eine Sache.

Die Wolfsburger trugen es in Form einer großen roten Textilschablone auf ihren Trikots, die Bayern zeigten es auf dem Spielfeld.

Dabei bekam manch ein Anhänger des Rekordmeisters nach dem 0:2-Rückstand (Tore: 31. Minute, Grafite; 33. Minute, Dzeko) Herzrasen.

"Niederlage wäre verheerend gewesen"

"Wenn wir verloren hätten, wäre es verheerend gewesen", gestand ein ausgepowter, aber glücklicher Christian Lell nach dem Schlusspfiff.

Denn die Bayern drehten die Partie und lernten in den 57 Minuten Aufholjagd bis zum Schlusspfiff ziemlich viel über sich selbst.

Franck Ribery (41.), Mark van Bommel (54.), Tim Borowski (63.) und Bastian Schweinsteiger (80.) trafen für den Meister. Wobei Miroslav Klose das Meisterstück schaffte, drei Tore aufzulegen.

Zurück zum "Mia-san-mia"

Die Erkenntnisse aus dem turbulenten Match: Die Bayern haben das "Mia-san-Mia"-Gefühl wiederentdeckt.

Oder wie es Außenverteidiger Lell ausdrückte: "Man schafft es nur einen Rückstand aufzuholen, wenn man eine Mannschaft ist, sich in die Augen schaut und gemeinsam zu Werke geht."

"Es geht nur über Arbeit"

Plötzlich spricht auch Reformer Jürgen Klinsmann ganz im Stile seines Vor-Vorgängers Felix Magath über die "Hausaufgaben" in der Allianz Arena.

"Wir haben in der Pause klargestellt, es geht nur über Arbeit", sagte der Bayern-Coach nach dem Sieg. Sein neuer, beinahe militärisch kurzer Haarschnitt dürfte zu diesem Disziplin-Bekenntnis passen.

Hoeneß lobt Motivator Klinsmann

Derweil rieb sich FCB-Manager Uli Hoeneß nach der historischen Aufholjagd die Augen.

Zum ersten Mal seit 21 Jahren hatte der Rekordmeister einen Zwei-Tore-Rückstand in einen Sieg verwandelt (damals im September 1987 3:2 gegen Eintracht Frankfurt). Und mit einem Mal war die Herbstmeisterschaft, das jüngst verkündete Zwischenziel, wieder sichtbar.

Zur Pause hatte Hoeneß den imaginären Titel noch "auf den Bergen hinter den Alpen" gewähnt.

"Doch Klinsmann hat die Mannschaft richtig gepusht. Nach der Pause haben wir grandios gespielt und gefightet."

Ob "Klinsi" die Roten ähnlich wie einst die Nationalelf mit einer "Die-hauen-wir-durch-die-Wand"-Rede anspornte, ist nicht überliefert.

Wackel-Abwehr

Sehr wohl aber, dass die Bayern trotz der Serie von drei Siegen in Folge (Bundesliga und Champions League) um ihre eigenen Schwächen wissen.

Die Abwehr hat nach neun Spieltagen bereits 15 Gegentreffer kassiert, in der ganzen Vorsaison waren es nur 21.

Einfache Mittel genügten, um die Verteidiger zu übertölpeln. Fast immer wenn sich die Wolfsburger bis zur Grundlinie durchspielten und in den Rücken der Defensive flankten, herrschte Alarmzustand.

Nicht nur die Außenverteidiger Lell und Massimo Oddo hatten ihre liebe Not mit den flinken Wolfsburgern. Weltmeister Lucio wurde der Wirbel in Münchens Hintermannschaft in der zweiten Hälfte gar zu bunt, so dass er den Ball kurzentschlossen über die Seitenlinie drosch.

Der verletzte Philipp Lahm (Sprunggelenk) fehlte dem FCB spürbar.

Wolfsburg trauert Chancen nach

Die "Fehler intensiv analysieren und abstellen", war nach der Partie die Devise für Mittelfeldmann Bastian Schweinsteiger. "Es ist zu einfach, den Vier da hinten die Schuld zu geben. Es geht schon vorne los mit der Verteidigung."

Zur Höchststrafe, einem Punktverlust, führten die defensiven Aussetzer nicht. Denn die Wolfsburger knallten entweder den Ball nur an die Latte (Marcel Schäfer) oder nutzten ihre Möglichkeiten nicht konsequent (Jonathan Santana, Christian Gentner).

Das bemängelte auch VfL-Profi Schäfer. Und: "Wir sind nach der Pause nicht mehr in die Zweikämpfe gegangen und das hat Bayern eiskalt ausgenutzt."

Wolfsburgs Trainer Felix Magath bescherte die Schlappe eine bittere Lehre: "In der Halbzeit hatte ich noch Hoffnung, dann haben wir aber wohl Angst gehabt, tatsächlich gewinnen zu können."

Die hatten die Münchner nicht. Dafür aber richtig viel Kämpferherz.

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