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"Abwarten, wo das endet? - Vedad Ibisevic (l) und Andreas Beck jubeln © getty

Hoffenheim liegt voll auf Meisterkurs - nicht München. Was aber mehr auffällt: Die TSG zelebriert das, was den Bayern abgeht.

Von Christian Paschwitz

München - Erst zeigten sie beim 3:0 (3:0) über den Hamburger SV ein spektakuläres Offensivfeuerwerk.

Nach Abpfiff dann suchten die sportlich Verantwortlichen von 1899 Hoffenheim den Fußball zum Zunge-Schnalzen zu relativieren. Fast schon so wie immer.

"Ich will nicht wissen, was nächstes Jahr im Mai ist. Ich denke nur an das nächste Spiel", gab sich Trainer Ralf Rangnick wieder einmal große Mühe, Titel-Träumereien zu verscheuchen.

Erstmals allein vorneweg

Doch gelingen mag ihm das kaum noch: Wie sollte es auch? Dank der Tore von Chinedu Obasi (7., 36.) und Vedad Ibisevic (13.) sowie einer spielerisch abermals glänzenden Leistung stürmte Rangnicks Team zum dritten Mal an die Spitze der Bundesliga.

Hoffenheim wieder obenauf ? man hat sich fast schon daran gewöhnt. Dass die Kraichgauer der beste Aufsteiger seit dem 1. FC Kaiserslautern sind, ist nicht neu. Die Pfälzer hatten vor zehn Jahren als Aufsteiger die Meisterschaft errungen - die Hoffenheimer bringen alles mit, das Kunststück des FCK wiederholen zu können.

Was dabei allerdings umso mehr beeindruckt: Mit 19 Punkten ist das Sensationsteam bester Aufsteiger seit 43 Jahren - und wandelt damit nicht bloß auf Lauterns Spuren, sondern ausgerechnet auf denen des FC Bayern.

Parallelen zum FC Bayern

Die Münchner waren in der Saison 1965/'66 gerade erst aus der Regionalliga aufgestiegen, mischten aber die Konkurrenz um den späteren Meister 1860 München gleich gehörig auf und lagen nach neun Spieltagen wie am Saisonende auf Rang drei.

Mit Leuten wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller.

In Hoffenheim heißen die Protagonisten Daniel Haas, Sejad Salihovic, Ibisevic und Obasi. Hoffenheim, die neuen, modernen, etwa anderen Bayern?

Das, was Klinsmanns Elf fehlt

Dass die Hoffenheimer nun sogar Spitze sind, spricht dafür. Was jedoch stärker ins Gewicht fällt: Die Rangnick-Elf zelebriert ausgerechnet das, was den Rekordmeister unter Jürgen Klinsmann auf eine neue Qualitätsstufe hieven sollte - und ihm bisher versagt blieb:

Nämlich den Gegner mit wenigen Ballkontakten auseinander zu nehmen. Blitzschnell nach vorn zu agieren, statt nach hinten oder quer zu passen. Jeden Spieler ständig in Bewegung und anspielbar zu wissen.

Kurzum: Volldampf von Anfang an und so lange wie möglich. Um damit den Kontrahenten eine Lehrstunde zu erteilen und maximalen Erfolg zu haben.

"Die sind gerannt wie verrückt"

So wie es die Hoffenheimer vormachen. Nicht nur bei den überforderten Hamburgern um Abwehrchef Joris Mathijsen ("Ich weiß nicht, was die Hoffenheimer gegessen haben. Die sind gerannt wie verrückt.") löst das Frust aus.

Auch die Bayern scheinen zu erkennen, dass sie künftig neben Bremen oder Schalke einen weiteren Rivalen fürchten müssen.

Rummenigge spitzzüngig

Es lässt tief blicken, wenn Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ("Respekt ist angesagt") mit gewisssem Sarkasmus auf die Frage, was die Bayern von den Hoffenheimern lernen könnten, antwortete: "Dass man mit viel Geld ein gute Mannschaft in relativ kurzer Zeit auf die Beine bringt."

Eine Argumentation, die zu kurz greift: "Das Team ist jetzt über ein Jahr zusammen, wir haben nur auf ein, zwei Positionen Änderungen vorgenommen, das tut den Jungs gut", erklärte Rangnick. "Alle wissen, was zu tun ist."

Auch Löw ist beeindruckt

Was dem Fußball-Dorf um den nach Abpfiff jubilierenden milliardenschweren Mäzen Dietmar Hopp ("Ein Traum!") vielmehr geneidet werden sollte, ist die erfrischende Angriffs- und Kombinationsgabe, die Rangnick seinen Himmelsstürmern eingeimpft hat.

Technisch und taktisch klar besser wurden die Platzherren unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw ("Super. Einfach beeindruckend.") gegen den HSV bereits früh durch das zweite Saisontor des Nigerianers Obasi und den zehnten Treffer des bosnischen Top-Torjägers Ibisevic für ihre Offensive belohnt.

Jol kritisiert: "Wir waren nicht da"

HSV-Coach Martin Jol setzte das mächtig zu und wollte den UEFA-Cup-Auftritt am Donnerstag gegen Zilina, bei dem man womöglich zu viel Kraft verbraucht hatte, nicht als Entschuldigung zulassen: "Wir waren nicht da, und dann bekommt man eben Probleme", sagte der Niederländer.

Und weiter: "Wir haben vor dem ersten, zweiten und dritten Gegentor Fehler gemacht. Das geht nicht gegen eine sehr gute Mannschaft aus Hoffenheim, die auch einen sehr guten Trainer hat."

Rost fordert die Ersatzleute

Dabei hatte auch der HSV den Sprung an die Spitze schaffen können. Doch der bemitleidenswerte HSV-Keeper Frank Rost musste hinterher zugeben:

"Bei uns sind einige wichtige Spieler weggebrochen. Aber mit dieser Situation müssen wir umgehen können: Jetzt können die anderen Spieler, die bisher in der zweiten Reihe standen, zeigen, was sie drauf haben." Am Mittwoch haben sie gegen Stuttgart die Gelegenheit dazu.

Hungrige Hoffenheimer

Eitel Sonnenschein herrschte hingegen bei den Hoffenheimern, auf deren Gastspiel in Bochum am Mittwoch sich die Anhänger attraktiven Offensivfußballs freuen können: "Wir haben Spaß, wir sind hungrig", kommentierte Verteidiger Andreas Beck die Gala-Vorstellung. "Abwarten, wo das endet."

Vielleicht in einem Saison-Showdown am vorletzten Spieltag. Wenn die Bayern am 16. Mai bei Ibisevic, Obasi und Co. vorspielen.

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