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Frustriert: Ivica Olic, Mark van Bommel und Thomas Müller (v.l.n.r.) © getty

Nach dem 0:2 beim BVB brennt beim FCB der Baum: Van Bommel stellt die Charakterfrage, Beckenbauer fordert Umdenken von van Gaal.

Von Martin Hoffmann

München - Ivica Olic hatte es vor dem Spiel in Dortmund erklärt: "Wenn wir verlieren, ist die Hölle los."

Und das ist sie. Die 0:2-Pleite bei der Klopp-Elf hat die Vereinsbosse so hart getroffen, dass sie den Spielern wegen des historisch schlechten Starts sogar das Oktoberfest verbieten.

"Wir haben den Wiesn-Besuch für Montag abgesagt", erklärte Manager Christian Nerlinger: "In dieser Situation macht es keinen Sinn, aufs Oktoberfest zu gehen. Das haben wir alle gemeinsam entschieden." 294057(DIASHOW: Der 7. Spieltag)

"Eigentlich nicht mehr aufzuholen"

Nur acht Punkte auf dem Konto, Tabellenplatz zwölf hinter St. Pauli, Nürnberg und Frankfurt. 13 Punkte Rückstand auf Platz eins.

Die Bilanz nach sieben Spieltagen ist niederschmetternd, noch nie in der Bundesliga-Geschichte stand der Rekordmeister zu diesem Zeitpunkt so schlecht da (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

"Der Rückstand ist eigentlich nicht mehr aufzuholen", unkte Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer kurz nach dem Spiel bei "Sky 90".

Dominanz dahin

In seiner ihm eigenen Art relativierte das FCB-Denkmal das zwar gleich im nächsten Satz wieder ("die Saison ist ja noch lang"). Was aber nichts an der Dramatik der Situation ändert.

Die Bayern müssen Historisches leisten, um ihr Standardziel noch zu erreichen. Noch nie ist ein Team mit so viel Rückstand am siebten Spieltag am Ende Meister geworden.

Die Lage ist noch schlimmer als beim Fehlstart im Vorjahr.

Von der Dominanz des Teams, das den Vorjahres-Fehlstart überwand und fast das Triple gewann, war in Dortmund zum Ende nichts mehr zu spüren.

Ein Torso ohne Antworten

Der FC Bayerns des Frühherbst 2010 ist ein Torso, der nicht die nötigen Antworten auf die heftigen Personalprobleme findet 293249(DIASHOW: Dort brennt es bei Bayern).

Wie verzweifelt die Lage ist, ließ sich in Dortmund schon an den Personaländerungen von Trainer Louis van Gaal ablesen:

Der dauergeschmähte Mario Gomez als Sturmspitze anstelle der formschwachen Klose und Olic. Der faktisch schon ausgemusterte Edson Braafheid als Linksverteidiger.

Bastian Schweinsteiger weg aus der Doppel-Sechs, wo er in der Vorsaison so überragte, in der ungewohnten Spielmacher-Rolle, in der er sich sichtlich weniger wohlfühlte.

Unglücksrabe Demichelis

Und dann musste van Gaal in der Halbzeit auch noch auch noch Martin Demichelis aus der Halb-Verbannung holen, die er sich eingehandelt hatte, als er sich zum Saisonstart gegen Wolfsburg nicht auf der Bank Platz nehmen wollte.

Warum van Gaal ihn dorthin überhaupt erst setzen wollte, demonstrierte der Argentinier nach seiner Einwechslung für den von einer Schädelprellung schachmatt gesetzten Daniel van Buyten.

Tadel von Beckenbauer

"Micho" leitete das 1:0 durch Lucas Barrios mit einer quer gespielten Kopfballabwehr ein, zu der Beckenbauer ein von ihm altbekanntes Motiv auspackte: "Dass man das nicht macht, bekommt man schon in der Schülermannschaft beigebracht."

Auch den Freistoß, den Nuri Sahin zum 2:0 verwandelte, verursachte Demichelis mit einem Handspiel.

"Nicht mehr bestimmt"

Bayerns Überlegenheit in der ersten Hälfte und die Fast-Führung durch Mario Gomez, die Roman Weidenfeller mit einem Reflex verhinderte: nichts mehr wert.

Eine passende Reaktion auf die Gegentore und die aggressiv ackernden Dortmunder? Fehlanzeige. "Nach dem 0:1 haben wir das Spiel nicht mehr bestimmt", musste van Gaal feststellen.

Van Bommel stellt die Charakterfrage

Ein merklich gereizter Kapitän Mark van Bommel sah sich nach Abpfiff gezwungen, seinen Teamkollegen die Charakterfrage zu stellen: "Jeder einzelne Spieler muss sich hinterfragen, ob er alles hundertprozentig für den Erfolg macht."

Wenn es so wie in Dortmund nicht laufe, "muss man auch mal über den Kampf gehen und 100 Prozent geben", so van Bommel: "Das ist keine Kritik an der Mannschaft, aber so ist die Situation jetzt."

Beckenbauer fordert Umdenken

Van Bommel war nicht der einzige, der in diese Kerbe schlug: "Wir müssen gewinnen, um den Sieg fighten und uns Pünktchen für Pünktchen nach oben hangeln", meinte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bei LIGA total!

"Wir müssen auch dreckig gewinnen", sekundierte der bemühte, aber glücklose Gomez.

Besonders deutlich sprach Beckenbauer aus, was aus seiner Sicht nun das Gebot der Stunde ist: Nichts weniger die Abkehr von van Gaals Dogma spielerischer Dominanz.

"Jetzt geht es nicht mehr um Ballhalten, 70 Prozent Ballbesitz und den ganzen Käse", befand der "Kaiser": "Du musst in die Zweikämpfe gehen."

BVB nicht in Bestform

Was Bayern in Dortmund zu bieten hatte, reichte jedenfalls nicht gegen einen BVB, der bei weitem nicht sein bestes Saisonspiel ablieferte.

"Wir waren heute zum ersten Mal ein bisschen platt", gab Verteidiger Mats Hummels zu. "Wir hatten heute Schwierigkeiten, ins Spiel zu kommen", gestand auch Trainer Jürgen Klopp.

Nicht den besten Tag und trotzdem die "Big Points" geholt: Dortmund tat genau das, was die Bayern für gewöhnlich auszeichnet.

"Sind nicht behämmert"

Hat Dortmund also Titelreife bewiesen? Aus Klopps Sicht nicht: "Wir sind ja nicht behämmert und können das einordnen. Wir haben Oktober."

So groß wie bei anderen Überraschungsteams der Vergangenheit sind Klopps Berührungsängste mit dem "M-Wort" aber auch nicht.

"Ich kann es gerne aussprechen: Meister", meinte der Coach zum Thema. Und sollte es tatsächlich so kommen, "werden wir uns nicht dagegen wehren."

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