vergrößernverkleinern
Karlheinz Förster ist aktuell Berater von dem in Moskau spielenden Kevin Kuranyi © imago

Ex-Manager Karlheinz Förster nennt bei SPORT1 Gründe für den VfB-Niedergang - und nimmt die Spieler in die Pflicht.

Von Tobias Hlusiak

München - Drei Punkte, Tabellenletzter.

Dass gerade der VfB Stuttgart nach sieben Spieltagen die rote Laterne der Bundesliga innehat, hätte kaum jemand vor dieser Saison prophezeit. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Doch die Schwaben konnten die Abgänge von Jens Lehmann und Nationalspieler Sami Khedira bislang nicht kompensieren - auch, weil Spieler wie Johan Audel oder Philip Degen, die man als Ersatz verplichtet hat, verletzt ausfallen.

Coach Christian Gross sitzt laut Präsident Erwin Staudt dennoch weiter fest im Sattel.

Plädoyer für Gross

Und das ist auch gut so, findet der ehemalige VfB-Manager Karlheinz Förster im Interview mit SPORT1. Denn der Schweizer sei "ein sehr guter Trainer".

Der aktuelle Berater von 1899 Hoffenheim analysiert die prekäre Lage der Stuttgarter, erklärt woran es derzeit hapert und wagt einen Blick auf den kommenden Krisen-Gipfel gegen Schalke 04.

SPORT1: Herr Förster, wie traurig macht Sie der VfB in diesen Tagen?

Karl-Heinz Förster: Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass der VfB nach sieben Spielen mit drei Punkten auf dem letzten Platz steht. Im Spiel gegen Frankfurt war offensichtlich, was in solchen Situationen im Fußball oft passiert: Man steht unten drin, und dann fehlt auch noch das Glück. Das ist natürlich sehr tragisch.

SPORT1: Kann man das wirklich nur als Pech bezeichnen, oder ist das nicht vielleicht auch Unvermögen?

Förster: Das sind die Automatismen des Fußballs. An Mainz kann man das im Moment sehr gut sehen: Wenn man oben steht, gelingt plötzlich alles. Im Tabellenkeller ist genau das Gegenteil der Fall.

SPORT1: Wie ist der VfB in diese schwere Schieflage geraten?

Förster: Man hat mit Sami Khedira einen Spieler abgegeben, der enorm wichtig war, für die Mannschaft. Das kann man nicht so schnell kompensieren. Jetzt sind die Spieler, die man als Ersatz geholt hat verletzt. Johan Audel und Philip Degen fallen aus.

SPORT1: Hat der VfB in der Sommertransferperiode seine Seele verloren, als Sami Khedira und Jens Lehmann abgegeben wurden?

Förster: Auch den Transfer von Mario Gomez zähle ich noch dazu. Für den hat man 30 Millionen Euro bekommen, Khedira brachte 15 Millionen. Bei solchen Summen kann man die Spieler einfach nicht halten. Optimal wäre es natürlich, wenn man seine jungen Talente immer im Klub halten könnte. Das klappt vielleicht bei Bayern München, der VfB kann da leider nicht mithalten. Lehmann war enorm wichtig als Führungsspieler. Wenn man solche Spieler verliert, muss ich mir vorher darüber im Klaren sein, ob die Verluste intern aufgefangen werden können. Oder ich muss ähnliche Spieler verpflichten. Dazu fehlte anscheinend das Geld. Allen Beteiligten ist spätestens jetzt klar, dass die Situation äußerst prekär ist. Es kann jetzt nur noch darum gehen, den Schaden in dieser Saison zu begrenzen.

SPORT1: Bei diesen enormen Summen, die für Khedira und Gomez geflossen sind, scheinen die Ersatz-Verpflichtungen untauglich. Wurde zu wenig investiert?

Förster: Bei Transfers spielt auch Glück eine Rolle. Die Verpflichtung eines neuen Spielers bringt immer ein gewisses Risiko mit sich. Im Meisterjahr 2007 hatte der VfB ein goldenes Händchen, als beispielsweise Pavel Pardo und Ricardo Osorio verpflichtet wurden. Seitdem sind wenige Spieler eingeschlagen. Über den Neuverpflichtungen dieses Sommers sollte man aber nach sieben Spielen den Stab noch nicht brechen.

SPORT1: Trotzdem: Muss das Team, dass Trainer Gross aufgeboten hat, nicht in der Lage sein, Frankfurt zu Hause zu schlagen?

Förster: Natürlich! Der VfB hat ja genügend gute Spieler im Aufgebot. Der Kader ist bei weitem nicht so schlecht wie der Tabellenplatz. 294057(DIASHOW: Der 7. Spieltag)

SPORT1: Wie kann es sein, dass der VfB regelmäßig den Saisonstart total verschläft?

Förster: Schon die Europa-League-Spiele gegen Molde und Bratislava waren nicht überzeugend. Da hat man schon einen Trend feststellen können. Im Nachhinein muss man die beiden überzeugenden Siege gegen Bern (3:0) und Mönchengladbach (7:0) relativieren. Das ist natürlich schon eine komische Situation - für mich völlig unerklärlich. Normalerweise sollte sich die Mannschaft danach fangen. Stattdessen verliert sie munter weiter. Ein Faktor war sicherlich, dass Fredi Bobic als neuer Manager zu spät installiert wurde. Da herrschte lange keine Klarheit im Verein.

SPORT1: Das Problem ist doch aber nicht neu. Schon Armin Veh und Markus Babbel hatten nach erfolgreichen Rückrunden mit einem Stotter-Start zu kämpfen und sind schließlich daran gescheitert...

Förster: Das ist wirklich nicht zu erklären. Ich halte gerade Christian Gross für einen sehr guten Trainer. Er wirkt nicht verkrampft. Mein Eindruck ist, dass sich der Trainer in den letzten Wochen auch häufiger fragt: "Mein Gott, warum spielen die jetzt so schlecht?" Auch die Spieler müssen sich hinterfragen, ob sie alles getan haben und nicht doch noch eine Schippe drauflegen müssen.

SPORT1: Ist Gross in dieser Situation noch der richtige Mann, um die Mannschaft wieder aufzurichten?

Förster: Klar ist der Trainer immer in der Verantwortung. Aber: Dieser Prozess muss natürlich auch von der Mannschaft ausgehen. Wenn es nicht läuft, kann der beste Coach nichts tun. Da muss mehr kommen. Spieler haben eine Eigenverantwortung. Da muss es auch mal laut werden auf dem Platz. Das vermisse ich.

SPORT1: Am nächsten Spieltag kommt es zum Krisen-Treffen auf Schalke. Wie sind ihre Erwartungen?

Förster: Ich erwarte auf Schalke kein tolles Spiel des VfB. Trotzdem kann die Mannschaft dort etwas holen. Sobald ein positives Ergebnis da ist, kommt die Mannschaft auch wieder ins Rollen. Dann kommen die Punkte ganz automatisch, davon bin ich überzeugt. Ich glaube sogar, dass das Team zu einer Siegesserie in der Lage ist. Allerdings sollte sie damit bald beginnen. Eine weitere Niederlage kann sie sich nicht erlauben.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel