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Christian Nerlinger (r.) gewann mit dem FC Bayern als Spieler 1996 den UEFA-Cup © getty

Die Anspannung wächst beim FC Bayern. Sportdirektor Nerlinger stellt van Gaals Taktik in Frage, der kritisiert die Klub-Führung.

Von Matthias Becker

München - Noch kennt die Öffentlichkeit Christian Nerlinger einfach zu wenig.

Bei Präsident Uli Hoeneß, als Manager Vorgänger von Sportdirektor Nerlinger beim FC Bayern, lässt sich der Erregungszustand an der Gesichtsfarbe ablesen.

Bei Nerlinger sind die äußeren Anzeichen für miese Laune nicht so klar.

Kritik an van Gaal

Doch spätestens jetzt wird klar, dass der immer so beherrscht wirkende Ex-Profi in der Krise des Rekordmeisters nicht vorhat, sich aus der Diskussion um Gegenmaßnahmen herauszuhalten.

Im Interview mit dem "kicker" geht Nerlinger sogar dazu über, kaum versteckte Kritik an Trainer Louis van Gaal zu üben.

"Wir sind an einem Punkt angekommen, wo es wirklich kritisch ist für Bayern", sagt der Sportdirektor angesichts von Tabellenplatz zwölf und 13 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Mainz nach sieben Spieltagen: (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Die Meisterschaft ist der wichtigste Titel. Holen wir den nicht, haben wir etwas falsch gemacht." 295428(DIASHOW: Bayerns Höllenjahre)

Ballbesitz nur "Mittel zum Zweck"

Nerlinger ist auch der folgenlose Ballbesitz-Vorteil seines Teams ein Dorn im Auge.

"Es ist Mittel zum Zweck. Und wir wollten einen Trainer mit einer Philosophie. Aber natürlich muss man Tore schießen", erläuterte Nerlinger.

Gegen Freiburg habe man vergangene Saison den Ball 63-mal zum Torwart zurückgespielt, rechnet Nerlinger vor: "Wenn man zu Hause das Publikum hinter sich bringen will, ist das nicht der richtige Weg."

Diese Sticheleien in Richtung von van Gaals fußballerischem Leitbild überraschen, stellte die gesamte FCB-Führungsriege sich doch erst kürzlich hinter van Gaal und verlängerte dessen Vertrag bis 2012.

[kaltura id="0_lh9c62vw" class="full_size" title="Buchpräsentation von Louis van Gaal"]

Nerlinger liebäugelt mit anderem System

Allerdings scheint die Zeit der fraglosen Gefolgschaft erst einmal vorbei zu sein. Nerlinger spricht sich sogar für eine taktische Veränderung aus und nimmt sich van Gaals favorisiertes System mit einer Spitze zur Brust:

"Mit zwei Stürmern hatten wir vorige Saison in einer kritischen Phase sicherlich einen sehr guten Lauf, Olic und Gomez harmonierten da sehr gut."

Auch beim Champions-League-Erfolg gegen den AS Rom (2:0) - dem letzten Heimsieg der Bayern - hatte van Gaal nach erfolglosem Anrennen gegen Ende des Spiels auf ein 4-4-2 umgestellt. Anschließend fielen die Tore.

Van Gaal schießt gegen Beckenbauer und Co.

Kaum vorstellbar, dass van Gaal solch öffentliche Einmischung in seine Arbeit gut heißt. Schließlich wurde schon bei der Vorstellung seines Buchs am Mittwoch klar, dass er längst nicht alles gefällt bei den Bayern - trotz Vertragsverlängerung.

Der vielstimmige Expertenchor in den eigenen Reihen geht dem Niederländer gegen den Strich. "Franz Beckenbauers Meinung hat den Rang göttlicher Offenbarung, und auch im Vorstand sitzen Ex-Stars wie Rummenigge und Hoeneß, die für die heutigen Stars ein offenes Ohr haben. Das hat schon etwas Schönes, doch ich halte es für den falschen Umgang", schreibt van Gaal in seinem Buch:

"Wenn Spieler riechen, dass sie irgendwo ein offenes Ohr finden können, dann werden sie dort hingehen. Das schafft Unruhe, das kostet viel wertvolle Energie."

Hoeneß stellt Forderungen

Die sportliche Misere der Bayern fordert ihren Tribut. Vorstandsboss Rummenigge verschärft die Wortwahl, Präsident Hoeneß fordert, den Rückstand auf Tabellenführer Mainz bis zur Winterpause zu halbieren und kassiert die Lieblingserklärung des Trainers:

"Es hat keinen Sinn, immer auf die WM zurückzuschauen, Ausreden darf es nicht mehr geben."

Und selbst Kapitän Mark van Bommel greift van Gaal an, wenn er kritisiert, dass Außenverteidiger Gregory van der Wiel im Sommer nicht verpflichtet wurde. Van Gaal hatte sich gegen Sommertransfers ausgesprochen.

Attacke auf Mainz-Coach Tuchel

Viel Arbeit also für Sportdirektor Nerlinger, der jetzt beweisen muss, dass er den Laden zusammenhalten und auch in schlechten Zeiten in die großen Fußstapfen von Uli Hoeneß treten kann.

Eine Lektion hat er zumindest schon gelernt - die zur "Abteilung Attacke", diesmal gerichtet auf den Mainzer Trainer Thomas Tuchel.

"Ich habe Herrn Tuchel nach dem Sieg gegen Hoffenheim auf dem Zaun gesehen und mir gedacht, dass es um den auch noch ruhiger wird. So etwas macht man nicht", ätzt Nerlinger im "kicker".

Nebenkriegsschauplätze eröffnen, um von eigenen Problemen abzulenken und die Rivalen zu verunsichern. So kannte die Öffentlichkeit Hoeneß.

Und so kennt sie jetzt auch Nerlinger.

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