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Oliver Kahn spielte von 1994 bis 2008 beim FC Bayern München © getty

Bayerns Torwartikone Oliver Kahn spricht im SPORT1-Interview über die Münchner Krise, mögliche Auswege und die Dauerkritik an Mario Gomez.

Von Christian Ortlepp und Mathias Frohnapfel

München - Oliver Kahn weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Gedanken ständig um ein Thema kreisen.

Nach dem verlorenen WM-Finale 2002 benötigte Bayerns-Torwartikone "fast eine gesamte Saison", um den Frust zu verarbeiten.

Auch deshalb kann er die Situation der Münchner Profis gut nachvollziehen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Mit SPORT1 hat Kahn über den Bayern-Fehlstart gesprochen, mögliche Auswege und die Dauerkritik an Mario Gomez. (Das komplette Interview auf SPORT1 in Bundesliga Aktuell ab 18.30 Uhr)

Oliver Kahn...

zur Frage, wann und unter welchen Voraussetzungen der FC Bayern wieder 100 Prozent zeigen könne:

"Ich glaube, dass die Spieler versuchen, 100 Prozent zu bringen, es aber nach der letzten Saison nicht einfach ist. Mit 50, 60 Pflichtspielen, dem verlorenen Champions League-Finale und einer extrem anstrengenden Weltmeisterschaft in Südafrika. All das führt dazu, dass im Kopf nicht die optimale Frische da ist, dass man es einfach innerlich, auch wenn man es will, nicht schafft, an diese 100 Prozent zu kommen."

zu seiner eigenen Erfahrung mit den Folgen einer WM:

"Ich kann mich noch gut an meine Enttäuschung nach dem verlorenen WM-Finale 2002 erinnern und das müssen ein Van Bommel, ein Robben heute auch erstmal verarbeiten. Das sind alles Facetten, die Zeit brauchen und bei mir hat es damals fast eine gesamte Saison gedauert, bis ich wieder bereit war, alles abzurufen."295428 (DIASHOW: Bayerns Höllenjahre)

zu Bayerns Weg zu alter Stärke:

"Der Verein verlangt sofort wieder Top-Leistungen. Da sind jetzt alle gefordert, damit die Jungs die Frische und den Spaß im Alltagsgeschäft wiederbekommen. In der Champions League sieht man ja, dass sie ihre Leistungen bringen. Und das ist auch typisch: Im Alltagsgeschäft hast Du Schwierigkeiten, aber wenn es dann um die großen Sachen geht, dann ist die Mannschaft voll da."

[kaltura id="0_dbk0xbjw" class="full_size" title="Kahn im SPORT1 Interview"]

Zum Vergleich zur Saison 01/02, als Bayern im Jahr nach dem Champions League-Sieg in der Liga nur mit Mühe Dritter wurde:

"Es ist nicht einfach, wenn man so einen Erfolg gehabt hat. Man ist Meister und Pokalsieger geworden sowie ins Champions League-Finale eingezogen. Das kostet alles Kraft und Substanz. Man kann nicht jede Saison auf so einem Level spielen. Du musst immer wieder Leistung bestätigen, immer wieder ans Maximum gehen und das ist phasenweise sehr, sehr anstrengend."

Zu Wegen aus der Bayern-Krise:

"Alle sind jetzt gefragt - ein Rummenigge, ein Hoeneß, ein Nerlinger, ein van Gaal. Bayern hat ja auch einen Psychologen und all diese Leute sind jetzt gefragt, die Spieler davon zu überzeugen, dass sie wieder motiviert sind und es sich lohnt, 100 Prozent abzurufen. Klar kann man sich immer fragen, wenn man im Vorfeld weiß, dass viele Spieler nach der erfolgreichen Saison und einer WM zurückkommen, ob man dann nicht den Konkurrenzdruck ein wenig erhöht, in dem man den ein oder anderen Transfer tätigt. Aber das sind alles Überlegungen, die jetzt natürlich zu spät sind und auch nichts mehr bringen."

zur Frage, ob Transfers dem FC Bayern gut getan hätten:

"Ja, gerade mit dem Wissen einer vorangegangenen Weltmeisterschaft und dem Wissen, dass sich irgendwann diese Sattheit bei den Spielern einstellen kann. Auch wenn eine Mannschaft einen fantastischen Charakter hat, so wie diese Mannschaft ihn momentan hat, selbst dann gibt es Phasen, in denen es schwierig ist. Dann kannst Du als Verein natürlich mit dem ein oder anderen Transfer demonstrieren: ?Der Verein weiß, dass das anstrengend ist, aber der Verein ist zum Erfolg verdammt.? Natürlich verstehe ich auch die andere Seite, dass man sagt, dass diese Mannschaft Großes geleistet und einen fantastischen Fußball in der letzten Saison gespielt hat. Warum soll man da etwas ändern? Hinterher ist man im Fußball immer schlauer."

zu Mario Gomez und der derzeit schwachen Offensive der Münchener:

"Bei Mario liegt es natürlich sehr viel am Kopf, an der Psychologie. Er musste seit er in München ist, permanent mit Kritik fertig werden. Wenn er spielt, wird ja letztlich immer nur auf das Negative gewartet."

Zu Van Gaals System mit einer Stürmer:

"Das ist nicht so einfach. Und wenn Du dann auf den Außenpositionen keinen Robben und keinen Ribéry hast, dann ist die Frage, ob dieser eine Stürmer letztlich auch ausreichend ist oder ob man dann nicht auch mal wieder so variabel ist und mit zwei Stürmern spielt. Vielleicht profitieren die dann auch wieder voneinander."

zur Frage, ob er für einen Systemwechsel plädiere:

"Ich spreche immer von Variabilität. Das heißt ja, dass man nicht immer nur stur ein System spielt. Sondern, dass die Spieler, beispielsweise wenn es mal opportun ist, so wie jetzt, auch mal mit zwei Stürmern spielen können. Die Spieler sind heute dermaßen gut ausgebildet, geschult und auch intelligent, dass sie sofort auch ein anderes System spielen könnten. Aber van Gaal wird sicher ganz genau wissen, was er tut."

zur Frage, ob er sich eine Zukunft als Manager oder Vorstandsmitglied beim FC Bayern vorstellen könne:

"Möglicherweise in der Zukunft. Das sind sicherlich alles Überlegungen, momentan spiele ich mit vielen Gedanken. Aber wenn es dann ins Jahr 2012 geht, dann kann ich mir schon wieder vorstellen, auch über den Fußball nachzudenken, dann natürlich beim FC Bayern. Es kann aber auch genau so sein, dass ich in den nächsten eineinhalb Jahren feststelle: ?Nee, warum nochmal in den Fußball?? Es gibt keine klaren Überlegungen, die unbedingt für den Fußball sprechen. Irgendwann bist Du auch froh, dass Du da nicht mehr mittendrin bist, dass Du diese Distanz gewonnen hast und auch andere Blickwinkel bekommst. Dann fängst Du an, Dich auch für die Mannschaft zu freuen, wenn sie ins Champions League-Finale einzieht. Natürlich ist das Herz immer beim FC Bayern München, das ist ja gar keine Frage."

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