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Martin Kind ist seit Juli 2006 zum zweiten Mal Präsident von Hannover 96 © getty

Nach den strittigen Äußerungen des Klubchefs zum Selbstmord von Robert Enke warnt ein Experte vor falschen Verurteilungen.

München - Was ist richtig und was nicht? Gibt es überhaupt richtig und falsch im Umgang mit an Depressionen Erkrankten?

Martin Kind hat mit seinen Aussagen die Diskussion um die Krankheit im Allgemeinen und den Tod von Robert Enke im Besonderen erneut angestoßen, fast ein Jahr nach dem Selbstmord des Torwarts von Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft am 10. November 2009.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Prof. Dr. Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig, hält die Aussagen des Vereinspräsidenten für unsensibel.

"Das sind harte Worte. Ich finde finde so eine Äußerung aus Sicht der Hinterbliebenen problematisch, weil hier scheinbar Schuld verteilt wird. Solch ein Satz ist ein Stich ins Herz", sagte Hegerl.

Kind wirft kritische Fragen auf

Kind hatte im "NDR Sportclub" erklärt: "Ich habe menschlich zwar Verständnis, dass das persönliche Umfeld ihn geschützt hat. Ich denke, hätten sie anders gehandelt, hätte man vielleicht andere Optionen haben können, vielleicht sogar, dass Robert Enke heute noch leben würde."

Hätten Enkes Frau Teresa, sein Freund und Berater Jörg Neblung also gegen seinen erklärten Willen die Krankheit öffentlich machen sollen?

Hätten sie eine Einweisung in eine stationäre Behandlung erzwingen sollen? Wäre das überhaupt möglich gewesen?

Experte entlastet Enke-Umfeld

Der Keeper hatte eine stationäre Behandlung aus Angst vor der Öffentlichkeit und einem möglichen Karriereende stets abgelehnt.

In der "Bild"-Zeitung erklärte Enkes Freund Marco Villa: "Es ist nicht so, dass wir uns nicht bemüht hätten, eine Lösung zu finden. Besonders Teresa, Jörg und die Familie."

Hegerls Eindruck ist, "dass die Angehörigen von Robert Enke alles Menschenmögliche gemacht haben".

Hinterbliebene sind "alle traumatisiert"

Der Mediziner weiß aus seiner Erfahrung, wie die Angehörigen unter der schweren Krankheit und ihrer teilweise tödlichen Konsequenz leiden.

"In so einem Fall sind die Hinterbliebenen alle traumatisiert." Enkes Witwe und Neblung nehmen zu Kinds Aussagen keine Stellung.

"Robert hatte zwei Gesichter", sagte Hannovers Sportchef Jörg Schmadtke ebenfalls im "NDR Sportclub" und unterstrich damit, dass von den Offiziellen im Verein niemand über den Zustand der Nummer eins Bescheid wusste.

Trainer brauchen Verständnis

Möglicherweise war man aber auch nicht in der Lage, die Signale richtig zu deuten. Oder traute sich nicht.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet den Vereinen Trainings und Schulungen zum Thema psychische Erkrankungen an.

"Es wäre hilfreich, wenn ein Trainer ein Minimum an Verständnis hätte", sagt Hegerl. Auch die Angehörigen sind natürlich in der Pflicht.

Fall Enke war Rettungsanker für Biermann

"Angehörige sollten den Betroffenen ermutigen, sich professionelle Hilfe zu holen, nicht anders als bei einer Blinddarmentzündung", so Hegerl weiter.

Das Problem ist aber oft der fehlende Wille des Erkrankten, Hilfe anzunehmen. Das genau ist auch ein Teil der Krankheit - ein Teufelskreis der Hilflosigkeit.

Andreas Biermann wurde praktisch durch den Fall Robert Enke gerettet. Der ehemalige Profi des FC St. Pauli hatte im Oktober 2009 einen zum Glück erfolglosen Selbstmordversuch unternommen.

Deisler als Präzedenzfall

"Mir wurde bewusst, dass die Person, die Teresa Enke beschrieb, zu 100 Prozent ich bin und dass ich mir Hilfe holen muss", sagte Biermann.

Im November 2003 wurde die Depressions-Erkrankung von Ex-Nationalspieler Sebastian Deisler öffentlich. Der Mittelfeldspieler hatte sich beim FC Bayern München den Funktionären anvertraut und ließ sich stationär behandeln.

Daran hat Kind möglicherweise gedacht. Für einen Kommentar war er bis Dienstagmittag nicht zu erreichen.

In Deislers Buch "Zurück ins Leben" erinnert sich Uli Hoeneß: "Wir sind aus allen Wolken gefallen. So etwas hat es noch nie gegeben. Es gab ja kein Handbuch, in dem wir hätten nachlesen können, was zu tun ist. Wir fragten uns: Was machen wir jetzt damit? Dann haben wir versucht, uns weiterzubilden."

Deislers Karriere endete 2007, drei Jahre später und einen Monat vor Enkes Selbstmord erschien sein Buch.

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