Präsident Uli Hoeneß hat mit seiner TV-Schelte gegen den Bayern-Coach eine Lawine losgetreten. Jetzt ist alles möglich.

Von Christian Ortlepp

Er ist lange mit seiner Meinung "schwanger" gegangen. Er hat sich - nach eigener Aussage - sechs Monate auf die Zunge gebissen. Jetzt konnte er nicht mehr. Und er hat sich die Bühne seiner Abrechnung wohl überlegt. In einer Live-Talk-Show hat der Präsident am späten Sonntagabend das Fass "Louis van Gaal" aufgemacht.

Warum ausgerechnet jetzt? Ganz einfach, weil sich der Vorstand von van Gaal nicht länger wie kleine Schulbuben vorführen lassen will.

Der Tropfen, der das seit Monaten brodelnde (Vorstand-)Hoeneß-Fass zum Überlaufen brachte, war die Buchpräsentation Anfang Oktober des eigenwilligen niederländischen Fußballlehrers.

Beckenbauers Meinung habe den Rang göttlicher Offenbarung, steht in seinem Buch. Der Umgang von Hoeneß und Rummenigge entspreche nicht seiner Philosophie, es wäre schlichtweg der falsche Umgang mit Spielern zu sprechen.

Der Höhepunkt der "Degradierung" für die Bosse war jedoch die Buchübergabe von van Gaal an jeden Einzelnen vor laufenden Kameras mit dem jeweils dezenten Hinweis "für Sie ist das auch wichtig zu lesen".

Keine Frage. Würde ein normaler Arbeitnehmer so über seinen Arbeitgeber in der Öffentlichkeit sprechen oder schreiben - mindestens eine Abmahnung wäre die logische Folge.

Die logische Folge beim FC Bayern war eine heiße, intern geführte Diskussion über das Buch und vor allem über die Art und Weise der Präsentation.

Im zweiten Stock der Geschäftsstelle an der Säbenerstrasse 51, dem Regierungssitz von Hoeneß und Rummenigge, soll in diesen Tagen mächtig Dampf aufgestiegen und auch abgelassen worden sein. Wenn auch nicht öffentlich. Bis Sonntag.

Wie geht es jetzt weiter? Wie so oft im Fußball: Es ist alles möglich. Nimmt man van Gaals Aussagen in den letzten Monaten genauer unter die Lupe, so ist auch ein Rücktritt des 59-jährigen nicht ausgeschlossen.

Schließlich hat er immer wieder betont, er brauche das alles nicht mehr, er müsse keinem mehr etwas beweisen.

Schlägt van Gaal - frei nach dem Motto "Mir ist ohnehin alles egal - von euch lasse ich mir nichts sagen" zurück oder geht er kommentarlos?

Damit würde er vor allem aber einen schwer in Nöte bringen: Sportdirektor Christian Nerlinger, der bisher immer zu van Gaal gehalten hat, und vor allem in der Anfangszeit DER Vermittler zwischen Trainer und Vorstand war.

Keine Frage: Wäre Nerlinger seinerzeit nicht gewesen, hätte Hoeneß keine Abrechnung mehr starten müssen. Zumindest nicht über den Bayern-Trainer van Gaal.

Christian Ortlepp ist "Chefreporter Bundesliga Aktuell" und berichtet seit 15 Jahren über den FC Bayern.

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