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Trainer Louis van Gaal (l.) und Karl-Heinz Rummenigge erleben momentan stürmische Zeiten © imago

An der Säbenerstraße brodelt es. Der Bayern-Präsident kritisiert den Trainer scharf. Ist eine Zusammenarbeit noch möglich?

Vom FC Bayern berichten Daniel Rathjenund Christian Ortlepp

München - Wenn Louis van Gaal über den Vorstand des FC Bayern spricht, wird es oft leicht ironisch.

"Unsere Freunde...", nennt er die Führungsriege dann gerne.

Man braucht kein Psychologe zu sein, um zu erkennen, dass das Verhältnis zwischen dem Trainer und dem Präsidenten Uli Hoeneß nicht das beste ist.

Am Montag nach der Hoeneß-Attacke schwieg van Gaal - vorerst. Eine öffentliche Reaktion erfolgt erst am Dienstag auf der Abschlusspressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel bei CFR Cluj (Mi., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER).

Um kurz nach halb zehn hatte er seinen bronzefarbenen Audi in die Tiefgarage des Trainingsgeländes gesteuert und nur kurz zum Gruß gewinkt.

Dennoch: Es gab viel Gesprächsbedarf an der Säbenerstraße.

Der Frust über Hoeneß' Aussagen, von denen er am Sonntagabend per Telefon in Kenntnis gesetzt worden war und auf die er äußerst ungehalten reagiert haben soll, sitzt tief.

Rummenigge und Sportdirektor Christian Nerlinger mussten die Wogen glätten. Sie fungierten als Vermittler, sprachen zunächst mit Hoeneß dann mit van Gaal.

Friedensgipfel angekündigt

Das Ergebnis gab der Verein per Pressemitteilung bekannt: "Es wurde vereinbart, dass es zeitnah ein gemeinsames Gespräch zwischen Uli Hoeneß und Louis van Gaal, zusammen mit dem Vorstand und Sportdirektor Nerlinger, geben wird, um über die derzeitigen Unstimmigkeiten zu sprechen und sie aus der Welt zu schaffen."

Das heißt: Ein Rücktritt des Trainers kann zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen werden.

Das Verhältnis zwischen dem Trainer und den Bossen bleibt jedoch angespannt: Während es sportlich wieder bergauf geht (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle), herrscht nun wieder gefährliche Unruhe.

Schwerer Kernvorwurf

Der Präsident hatte im Live-TV-Interview mächtig die Krallen ausgefahren: "Ich werde mir immer das Recht rausnehmen, etwas zu sagen, wenn mir elementare Dinge nicht passen. Und diese treiben mich schon seit sechs Monaten um."

Mit van Gaal habe er nicht mehr viel zu besprechen. Hoeneß' Kernvorwurf: "Es ist schwierig, mit ihm zu reden, weil er die Meinungen anderer Leute nicht akzeptiert."

Was den 58-Jährigen besonders stört, bringt er ebenfalls klar zur Sprache: "Ein Fußball-Verein heutzutage darf keine One-Man-Show sein."

Verletzte Eitelkeit

Es ist seine verletzte Eitelkeit, die aus ihm spricht.

Er fühlt sich von van Gaal belehrt, der Spieler wie die von Hoeneß und Rummenigge mit viel Engagement geholten Anatoliy Tymoshchuk, Mario Gomez oder auch Martin Demichelis nur aufgrund der Verletztenmisere einsetzt.

Van Gaal wiederum kann öffentlich noch auf den Bonus aus der Vorsaison bauen, als er das historische Triple nur knapp verpasste und gleichzeitig entgegen aller anfänglichen Bedenken von Vorstandsseite Stars wie Holger Badstuber und Thomas Müller hervorbrachte.

Spieler auf van Gaals Seite

Der Großteil der Spieler ist auf seiner Seite. Diese Voraussetzungen brachten ihm auch die vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2012.

An den Prinzipien der Protagonisten ändert das jedoch nichts.

[kaltura id="0_nbq2k838" class="full_size" title="Van Gaal in der Kritik"]

Van Gaals Präsentation seines Buches war für die Bayern-Bosse ein Affront. Im Anschluss gab es mehrere Krisensitzungen im zweiten Stock der Geschäftsstelle, dort wo Hoeneß und Rummenigge ihre Schreibtische haben.

In deren Anwesenheit erklangen die Worte aus dem Schriftstück wie Donnerhall. Das Buch musste auf Hoeneß und Rummenigge wie drei Kilogramm Dynamit wirken.

Affront bei Buch-Präsentation

Es wurde laut vorgelesen: "Niemand darf sich zum Kind machen, das trotzt, weil es nicht Recht bekommt und sich bei anderen ausheult. Beim FC Bayern sind die Voraussetzungen in dieser Hinsicht ungünstig."

Franz Beckenbauers Meinung habe den Rang göttlicher Offenbarung, und auch im Vorstand säßen Ex-Stars wie Rummenigge und Hoeneß, die für die heutigen Stars ein offenes Ohr haben. "Das hat schon etwas Schönes, doch ich halte es für den falschen Umgang."

Was van Gaal nervt: "Wenn Spieler riechen, dass sie irgendwo ein offenes Ohr finden können, dann werden sie dort hingehen. Das schafft Unruhe, das kostet viel wertvolle Energie."

Rummenigge drückte er im Anschluss den Wälzer in die Hand, deutete auf den Band "Vision" und sagte: "Für Sie ist das auch wichtig zu lesen."

Nach der Retourkutsche von Hoeneß lodert das Feuer erneut.

Der Zeitpunkt ist brenzlig, zumal in Kürze die Vertragsgespräche mit Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm anstehen. Beide sind Befürworter van Gaals. Auch deswegen bemühen sich Rummenigge und Nerlinger, Frieden zu schaffen.

Fakt ist: Hoeneß will und wird - solange er Präsident ist - immer Einflüsse auf die Mannschaft haben. Auch van Gaal wird das nicht verhindern können.

Ob so eine langfristige Zusammenarbeit realisiert werden kann, ist weiter fraglich.

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