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Sinnbild für Niedergeschlagenheit in Bremen: Prödl, Arnautovic und Hunt (v.l.) © getty

Nach der höchsten Niederlage seit 1987 taumelt Werder Bremen immer tiefer in die Krise. SPORT1 analysiert die Situation.

Von Björn Seitner

München - Vier Pflichtspielpleiten in 13 Tagen.

Der 0:6-Untergang in Stuttgart als höchste Niederlage seit 1987 ist der vorläufige "Tiefpunkt in der Geschichte von Werder Bremen", wie Per Mertesacker eingestand.

An der Weser läuft etwas gewaltig schief.

Dass es daher am Montag eine 75-minütige Standpauke von Trainer Thomas Schaaf setzte, war nicht weiter verwunderlich. 308592(DIASHOW: Der 11. Spieltag)

Denn in der Champions League steht Bremen vor dem Aus, im Pokal ist dies schon traurige Wirklichkeit.

Und in der Liga steuert die Schaaf-Truppe mit gerade einmal halb so vielen Punkten wie Spitzenreiter Dortmund auf den Tabellenkeller zu. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Jeder sollte sich schämen"

"Jeder andere sollte sich auch schämen", verlangte Torhüter Tim Wiese, der selbiges nach einer "peinlichen" Vorstellung gegen Stuttgart tat.

Es sei "immer das gleiche Lied" beschwerte sich der Nationalkeeper: "Es fehlt an allen Ecken und Kanten".

Auf der Suche nach den Problemen kann man keinen Teil des Teams außen vor lassen - weder die Mannschaft noch den Führungsstab.

SPORT1 analysiert die Schwachstellen der Bremer:

Die Abgänge:

Dem Spieler, dem wohl alle Beteiligten an der Wesen hinterhertrauern ist Mesut Özil.

Als der 22-Jährige den Schritt nach Spanien zu Real Madrid ging, hoffte Schaaf im SPORT1-Interview noch, dass "sich andere stärker einbringen und durchsetzen".

Doch bisher konnten weder von Marko Marin noch von Aaron Hunt den Abgang kompensieren.

"Die Leichtigkeit ist nicht da. Werder fehlt Mesut Özil", findet der Ex-Bremer Andreas Herzog.

Die Zugänge:

Der namhafteste Neuzugang wurde von Arsenal London verpflichtet: Mikael Silvestre.

Allerdings wurde offenbar nur auf einen großen Namen wertgelegt, denn die Zeit des 33-jährigen Franzosen scheint vorbei zu sein.

Silvestre ist als linker Außenverteidiger der Bremer eine dauerhafte Schwachstelle, die bisher nur Schaaf nicht erkennen will.

Erst im Champions-League-Spiel gegen Twente Enschede setzt Schaaf Silvestre auf die Bank und bot dafür Wesley auf - der natürlich nicht für die Abwehr geholt worden war.

Die Einkaufspolitik:

Geschäftsführer Klaus Allofs hatte immer ein goldenes Händchen für Transfers.

Johan Micoud wurde von Diego ersetzt und Diego von Mesut Özil.

Mit dem Verkauf von Özil, verkaufte Allofs nun aber auch den Erfolg, denn einen gleichwertigen Nachfolger gibt es in Bremen nicht.

[kaltura id="0_owkq8bji" class="full_size" title="Klaus Allofs im SPORT1-Interview"]

Die Disziplin:

Dass man mit Marko Arnautovic eine polarisierende Persönlichkeit nach Bremen holen würde, war bekannt, doch der Österreicher pendelt zwischen Genie und Wahnsinn.

Nach schwacher Leistung beim 2:3 gegen Nürnberg zurecht ausgewechselt, verweigerte er Sandro Wagner das Abklatschen und beleidigte Allofs.

Der wiederrum drohte mit Sanktionen, worauf Arnautovic laut "Bild-Zeitung" konterte: "Kannst mir das ganze Gehalt abziehen und an deine Familie verteilen."

Eins steht jedoch fest: "Marko muss noch viel lernen", so Werders Geschäftsführer.

Auch Torsten Frings äußert gerne einmal harsche Kritik und tat dies auch nach dem Nürnberg-Spiel.

"Einige kapieren offensichtlich immer noch nicht, was es heißt, für Werder zu spielen", sagte Frings: Hier die ganze Woche superlässig rumzulaufen und dann den Schalter umzulegen: Das geht nicht so einfach."

Die Stimmung:

Das Klima in Bremen ist also äußerst gereizt.

Die Souveränität und Gelassenheit, mit der man vergangene Krisen meisterte, ist dahin.

So reagierte Schaaf auf die Pfiffe der Fans für Silvestre sehr empflindlich: "Ich weiß nicht ob das richtgie Werder-Fans sind", fragte sich der 49-Jährige.

Auch die Medien kritisierte Schaaf, bei denen "Mika nie eine Chance gehabt" habe.

Die Defensive:

Die Personalsituation an der Weser ist vertrackt.

Vor allem mit dem Langzeitverletzten Naldo, aber auch mit Clemens Fritz und Sebastian Boenisch fehlen die Stützen, was die Defensive zur Achillesferse der Bremer macht:

27 Gegentore in elf Ligaspielen sprechen eine deutliche Sprache.

Auch die häufigen Umstellungen Schaafs fördern nicht gerade die Konstanz.

Mittelfeldspieler Wesley musste schon auf beiden Abwehrseiten ran und wechselte sich als Rechtsverteidiger mit Sebastian Prödl, Philipp Bargfrede und Petri Pasanan ab.

Die linke Seite mit Silvestre stellt jedoch das weitaus größere Problem dar.

Die Offensive:

Mit Claudio Pizarro hat Werder derzeit nur einen gefährlichen Angreifer in der Spitze.

Die enttäuschenden Hugo Almeida und Sandro Wagner bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dribbler Marin vergisst oft den Ball abzuspielen und Arnautovic spielt zu unkonstant.

Die vielen Chancen, die sich die Bremer Offensiver oftmals herausarbeitet, werden kläglich verschenkt.

So wie etwa beim Pokal-Aus beim FC Bayern, als Werder mehrere "Hundertprozentige" vergab.

Das Führungsvakuum:

Es gibt keine Hierarchie in Bremen. Ein Antreiber fehlt.

Frings, der sich gerne in dieser Position sieht, hat genug mit sich selbst zu tun. Gegen Enschede sah er die Rote Karte.

Und in Stuttgart hielt er beim Stand von 0:1 dem Druck nicht stand und verschoss einen Strafstoß.

Die sportliche Leitung:

Thomas Schaafs Stellung in Bremen ist in Stein gemeißelt: Er kann sich praktisch nur selbst entlassen.

Der zweite Machtinhaber ist Klaus Allofs. Auch bei ihm liegen nach der Negativserie offenbar die Nerven blank.

Wie schon mehrfach zuvor hat er auch nach dem Debakel von Stuttgart Konsequenzen in der Mannschaft angekündigt. Doch bisher blieb es meist bei den Ankündigungen.

Dafür sorgte seine umstrittene Maßnahme, den Profis im September nur 50 Prozent des Gehalts zu überweisen, für große Unruhe und Unverständnis.

Doch nun müssen Allofs und Schaaf schnell die Wende schaffen, sonst wird der Absturz nach Ansicht von Franz Beckenbauer weitergehen.

"Wenn die Bremer jetzt nicht an die Leistungsgrenze gehen, dann werden sie vom Hof gejagt."

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