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Valerien Ismael (r.) schoss in 64 Liga-Spielen für Bremen acht Tore © imago

Valerien Ismael gewann mit Werder das Double. Den aktuellen Zustand findet er "traurig". Aber er rät, an Schaaf festzuhalten.

Von Martin Hoffmann

München - Elf Jahre ist Thomas Schaaf nun Trainer bei Werder Bremen. Doch mit einer so schweren Krise war er noch nie konfrontiert.

Nach dem 0:4 bei Schalke 04 sind auf einmal gar bislang undenkbare Szenarien denkbar. "So, wie wir im Moment auftreten, spielen wir gegen den Abstieg", meint Mittelfeldspieler Aaron Hunt 314908(DIASHOW: Der 13. Spieltag).

Manager Klaus Allofs hat gar erklärt, dass auch eine Entlassung Schaafs "kein Tabu" sei, sollte der Aufsichtsrat darin eine Lösung sehen. Auch wenn er zugleich versicherte: "Ich bin überzeugt, dass es keinen besseren Trainer für Werder gibt."

Und am Mittwoch (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) droht bei Tottenham Hotspur der nächste Tiefschlag. Alles andere als ein Sieg bei den gut aufgelegten Spurs würde das Aus in der Champions League bedeuten.

Erfolgsgarant des Double-Teams

Weit weg wirken da im Moment die Zeiten, als Bremen zwischenzeitlich die Liga beherrschte und 2004 das Double holte.

Valerien Ismael war damals in der Abwehr ein Garant für den Erfolg.

Im SPORT1-Interview spricht der 35 Jahre alte Franzose über die Krise - und wie sein alter Lehrmeister Schaaf aus ihr herausfinden kann (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

SPORT1: Herr Ismael, Klaus Allofs sprach nach dem 0:4 auf Schalke vom schwersten Tag seiner Amtszeit. Wie schlimm ist aus Ihrer Sicht der aktuelle Bremer Zustand?

Valerien Ismael: Wie Werder derzeit dasteht, ist traurig für den Klub. Die Bremer verspielen gerade viele Sympathien. Sie standen in den vergangenen Jahren für schönen, aufregenden Fußball - und diesem Image fügen sie jetzt Kratzer zu.

SPORT1: Sie haben vor einiger Zeit erklärt, das Problem Bremens sei eine "mentale Frage", keine Frage der Qualität. Bleiben Sie auch nach dem 0:6 in Stuttgart und jetzt dem 0:4 bei Schalke dabei?

Ismael: Ja. Der Verlauf des Spiels gegen Schalke, der Einbruch nach dem Rückstand, spricht ja wieder dafür. An der Qualität liegt es nicht, dass die da ist, hat Bremen auch in dieser Saison schon bewiesen. Es ist ein Kopfproblem: Die Mannschaft schien ja schon auf dem richtigen Weg zu sein, schafft es aber nicht, sich zu fangen. Dass das nicht klappt, kann auch dafür sprechen, dass es interne Probleme in der Mannschaft gibt.

SPORT1: Und was kann man tun, um die Probleme zu beheben?

Ismael: Was genau, kann ich als Außenstehender nicht sagen. Aber der Weg wird sicher vor allem über Gespräche führen.

SPORT1: Bremen hatte in den vergangenen Jahren häufiger Probleme, vor allem defensiv, hat sie aber durch die Qualität in der Offensive immer überwunden. Warum funktioniert das jetzt nicht mehr?

Ismael: Es ist die Häufung der Probleme: Da ist die lange Verletzungspause von Naldo, der zwischenzeitliche Ausfall von Per Mertesacker, die häufigen Ausfälle von Claudio Pizarro, die Integrationsprobleme von Mikael Silvestre. Da ist einiges zusammengekommen, womöglich wie gesagt auch interne Probleme, von denen man nichts weiß. Aber noch mal: Die Qualität ist eigentlich da.

[kaltura id="0_eqvynmn8" class="full_size" title="Werder am Tiefpunkt"]

SPORT1: Auch ohne Mesut Özil?

Ismael: Ganz klar: Einer wie er ist nicht 1:1 zu ersetzen. Dazu müsste man entweder sehr viel Geld ausgeben oder großes Glück haben. Aber eigentlich hat Bremen in der Offensive das Potenzial, Özils Abgang als Kollektiv zu kompensieren.

SPORT1: Wird Thomas Schaaf die Krise überstehen?

Ismael: Er hat bisher alle Krisen überstanden. Diese ist jetzt wahrscheinlich seine größte, aber wie ich ihn kenne, wird er auch sie mit seiner Art meistern.

SPORT1: Sie glauben, es ist die richtige Lösung, dass Schaaf und der Verein die Krise mit der sprichwörtlichen "ruhigen Hand" angehen?

Ismael: Ja, denn Bremen ist ein besonderer Verein. Es ist außergewöhnlich, dass ein Trainer so lange bei einem Verein bleibt und dabei so erfolgreich ist. Ich habe das immer positiv gesehen. Und auch die Probleme jetzt sind lösbar. Es geht darum, in der Rückrunde ein anderes Gesicht zu präsentieren.

SPORT1: Ist das aus Ihrer Sicht schon am Mittwoch im entscheidenden Champions-League-Spiel gegen Tottenham möglich?

Ismael: Ich hoffe es, es wäre wichtig für das Selbstvertrauen der Spieler - und für den Verein. Es wird ein schweres Spiel. Und es ist eine Charakterfrage, jetzt eine Reaktion zu zeigen.

SPORT1: Wie muss Bremen das Spiel angehen?

Ismael: Die Ausgangslage ist schwierig: Bremen ist mental angeschlagen, bei den Spurs herrscht Euphorie nach dem Sieg über Inter Mailand und dem Spiel am Wochenende, als sie beim FC Arsenal einen 0:2-Rückstand in ein 3:2 gedreht haben. Gegen so ein Team wird es vor allem um die defensiven Grundtugenden gehen: Kompakt stehen und keine Löcher zulassen.

SPORT1: Was macht Tottenhams aktuelle Stärke aus?

Ismael: Die Mannschaft hat eine gute Mischung aus Jugend und erfahrenen Könnern wie Rafael van der Vaart oder Peter Crouch. Und sie haben vor allem eine herausragende linke Seite mit Gareth Bale, dessen Laufpensum einfach unglaublich ist.

SPORT1: Wie würde sich ein Misserfolg und das Aus für Bremen auf die Situation auswirken?

Ismael: Es ist im Fußball immer dasselbe: Jeder Sieg hilft, aus der Krise rauszukommen, jede Niederlage tut weh und schafft neue Probleme. Bremen braucht jetzt eine gute Leistung. Wobei es jetzt gar nicht so sehr aufs Ergebnis ankommt: Es geht darum, wie Bremen sich präsentiert. Es geht darum, dass Bremen mit einem überzeugenden Auftritt die verlorenen Sympathien zurückgewinnt.

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