In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Die Liga ist nach Spieltag 12 endlich wieder im Gleichgewicht, nimmt allmählich die Konturen an, die Deutschland kennt. Die großen Bayern rollen Richtung Titel, das kleine Hoffenheim verliert in Berlin und wackelt.

Die Fußball-Seele ist beruhigt. Alles im Lot. Branchenführer München siegt und siegt, dank Ribery und Toni auch "Auf Schalke" und will - so ein zufriedener Jürgen Klinsmann - bald die Tabellenführung und die Herbstmeisterschaft. So muss es sein.

Die Bayern haben alles unter Kontrolle. Endlich. Oder doch nicht?

Denn für mich ist nicht der Rekordmeister, nicht das Starensemble von der Isar der große Gewinner des Tages, sondern eben doch die Konzeptfußballer aus Hoffenheim, die bald in Sinsheim in ihr eigenes Stadion einziehen dürfen.

Gestern Abend auf Schalke jubelten die Fans in Rot-Weiß und Blau-Weiß einmal GEMEINSAM - als das Ergebnis aus Berlin auf dem Videowürfel der Veltins-Arena leuchtete. Der Beifall für die Hertha war ehrlich, fast wie ein Aufatmen. Bisher war das anders in den deutschen Stadien: Hoffenheimer Siege, Tore, Ergebnisse wurden mit einem ungläubigen Raunen, Staunen, Lächeln kommentiert. Das ist vorbei.

Glückwunsch, Ralf Rangnick!

Der Aufsteiger mit den Millionen von Software-Milliardär Dietmar Hopp ist endlich WIRKLICH angekommen in der Eliteklasse. Hoffenheim wird nicht mehr belächelt, sondern ernst genommen. Als GEFAHR. Als Top-Team, als moderne Fußball-Maschine.

Als Vorbild-Modell für die anderen, kleinen Klubs mit Wirtschaftskraft im Rücken, mit Sponsoren, die Visionen stützen können. Die Bayern haben das als Erster gespürt ? und zur Attacke geblasen. Zunächst mit Lob von Uli Hoeness und Paul Breitner, dann mit taktischen Abwerbungsversuchen an die Hoffenheimer Shooting-Stars.

Und als diese Strategie nicht aufging, weil die zu Namen gewachsenen No-Name-Kicker eben auch in Hoffenheim gutes Geld verdienen können und guten Fußball spielen dürfen, wurden die Bayern böse. Kalle Rummenigge wütete auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern gegen den Emporkömmling: "Ich höre immer 1899 Hoffenheim ? wo waren die denn die letzten hundert Jahre?"

Da sprach die Furcht vor dem beeindruckenden Know-How wie man die Bayern LANGFRISTIG angreifen kann, wie man Fußball attraktiv und erfolgreich zaubert, wie man Fans gewinnt, wie man Nationalspieler züchten kann.

Wie man den verkrusteten deutschen Fußball zerschmettern und neu ordnen kann. Wie man Mut macht, mit einem ausgeklügelten Scouting Top-Spieler holen und mit einer Fußball-Philosophie und einer Trainer-Handschrift zu einer wirbelnden Einheit formen kann.

Das hat der Liga Angst gemacht.

So viel Respekt und Unbehagen, dass sich die Namen des Fußballs endlich zusammengerissen haben, um nicht den Anschluss an Hoffenheim zu verlieren. Der HSV siegt plötzlich wieder, die teuren, aufgemotzten Wolfsburger sind zurück in der Spur. Sogar die Hertha - seit Jahren in der Versenkung des grauen Mittelmaßes untergetaucht, greift an und punktet. Bloß nicht schlechter als Hoffenheim sein.

Doch es ist zu spät. Hoffenheim lebt. Deshalb gibt es urplötzlich "Modelle" gegen das Erfinder-Team Hopp/Rangnick. Wie in meiner Heimat Köln: Top-Spieler wie Petit und Geromel im Mix mit Willen, einem fanatischen Publikum und einem Zweitliga-Torjäger Novakovic, der auch in Liga 1 trifft und trifft und trifft.

Heraus kommt ein toller Start, ein gezieltes Wachstum mit einem Trainer, der clever auf die Euphoriebremse tritt und ruhig weiter arbeiten statt feiern will. Daum ist also auch in Köln und der Bundesliga angekommen. Jetzt noch einen Lukas Podolski zur Winterpause holen und dann geht's weiter ? denken die Fans, spüren die Bayern. Und macht die Liga so gefährlich.

Auch in Gelsenkirchen merkt man Hoffenheim: Erfahrene Haudegen wie Bordon und Talente wie Benedikt Höwedes werden sogar in den Interviews zur Unterhaltung der VIPs gefragt: "Habt Ihr wirklich Angebote aus Hoffenheim bekommen?"

Hoffenheim ist plötzlich überall. Nur nicht in Bielefeld und Cottbus. Da wird es immer dunkler, kritischer, zermürbender. Abstiegsangst. Keine Angst vor Hoffenheim.

Hoffenheim, das Gespenst der Liga, hat ALLE erschreckt. Ich bin froh darüber. Denn deshalb kämpft die Liga verzweifelt gegen den Albtraum mit dem Plan-Fußball.

So wird's was mit einer unterhaltsamen und GUTEN Bundesliga. Die Bayern haben es am schnellsten gemerkt?

Bis nächste Woche. Euer Toni Schumacher

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