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Ralf Rangnick stieg 2008 als Zweiter der Zweiten Bundeliga ins Oberhaus auf © imago

Ralf Rangnick hat mit Hoffenheim seinen vorher lädierten Ruf als Fußball-Fachmann wiederhergestellt. Sport1.de analysiert warum.

Von Martin Hoffmann

München - Der Spitzname, den Ralf Rangnick seit seinem schicksalhaften "Sportstudio"-Auftritt weghat, ist bestenfalls ein halbes Kompliment.

Der Hoffenheimer Trainer wird "Professor" genannt, seit er den Zuschauern 1998 an einer Taktiktafel seine Ideen vom modernen Fußball vorführte.

Viele, die "Professor" sagten oder schrieben, dachten eigentlich "Schlaumeier" oder "Dummschwätzer" - und fühlten sich später bestätigt, als sich der Herr Professor später in Stuttgart, Hannover und auf Schalke vermeintlich selbst entzauberte.

Bei Hoffenheim jedoch hat Rangnick seinen Ruf als Fußball-Fachmann fulminant wiederhergestellt - woran auch die 0:1-Niederlage am Sonntag gegen Hertha BSC nichts geändert hat.

Ein Vollblut-Fußballlehrer

Um zu verstehen, warum der mittlerweile 50-Jährige in Hoffenheim den Erfolg hat, der ihm anderswo verwehrt geblieben ist, muss man seine Biografie kennen.

Rangnick ist ein Vollblut-Fußballlehrer, der schon zu Jugendzeiten das "Trainer-Gen" in sich spürte, wie er das nennt.

Mit 19 Jahren erwarb er die Trainerlizenz als Jahrgangsbester. Mit 25 begrub er nach seinem Lehramtsstudium die Ambitionen auf eine Profi-Karriere als Aktiver und wurde Spielertrainer beim FC Viktoria Backnang in seiner Heimatstadt.

Und dort hatte Rangnick sein Schlüsselerlebnis, als die Backnanger ein Testspiel gegen den sowjetischen Spitzenklub Dynamo Kiew bestritten.

Vorbild Lobanowskyj

Dessen legendärer Trainer Valerij Lobanowskyj war seiner Zeit damals weit voraus, spielte mit Viererabwehrkette, bevor irgendjemand in Westeuropa überhaupt diesen Begriff kannte.

Die Kiewer spielten Backnang natürlich über den Haufen. "Egal wo der Ball war: Immer waren drei Gegenspieler zur Stelle", erinnert sich Rangnick im "kicker" fasziniert. Er reiste nach diesem Spiel jedes Jahr zum Trainingslager der Kiewer, um das System Lobanowskyjs zu studieren.

So entwickelte Rangnick mit der Zeit seine Ideen von Balleroberung, Raumdeckung und Vertikalfußball - während der große Rest Fußball-Deutschland chronisch den internationalen Standards hinterherhinkte und noch zwei Jahre nach Rangnicks "Sportstudio"-Vortrag mit dem 39-jährigen Lothar Matthäus als Libero in die EM zog.

Akribischer Arbeiter oder Kontrollfreak?

Und schon in Backnang entwickelte sich auch Rangnicks Verständnis für den Trainerjob, das über die traditionelle Definition hinausging - in Richtung des englischen Teammanagers.

Jürgen Manzke, sein damaliger Chef hat sich in der "Welt am Sonntag" nun erinnert, wie Rangnick schon damals "an allen Fronten mitreden wollte".

Wer Rangnick mag, nennt das Akribie - wer nicht, nennt einen Typen wie ihn Kontrollfreak.

"Wir haben dich nicht eingekauft, um das Hotel zu buchen und den Bus zu bestellen", ging ihn Manager Rudi Assauer zu Schalker Zeiten an. Kein Wunder, dass er dort nicht glücklich wurde.

Das Paradies gefunden

Rangnick hatte seine Schwierigkeiten, wenn er bei Vereinen auf starke Persönlichkeiten prallte, die nicht auf seiner Wellenlänge lagen und seine Ideen ausbremsten - und genau das Problem stellte sich nicht, als er 2006 nach Hoffenheim ging.

Rangnick konnte sich ein Engagement in der Regionalliga zunächst nicht vorstellen - bis er in seinen Gesprächen mit Klub-Mäzen Dietmar Hopp merkte, "dass sich da zwei gesucht und gefunden haben".

Rangnick merkte, dass der Startup-Klub aus Sinsheim für einen Gestalter wie ihn das Paradies auf Erden war.

Zeit, Geld und das passende Personal

Mit einem Fünf-Jahres-Vertrag und den Hopp-Milliarden ausgestattet hatte Rangnick Zeit und Geld, seine Vorstellungen zu verwirklichen.

Dazu bekam er die passenden Mitstreiter, an erster Stelle Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, den Ober-Reformer Jürgen Klinsmann kurz zuvor nicht als neuen DFB-Sportdirektor hatte vermitteln können.

Fehlende Identität als Glücksfall

Und das Beste: Er musste keine Zeit damit vertun, seine Ideen gegen die Widerstände durchzusetzen, die es in einem Verein mit gefestigten Strukturen zwangsläufig gegeben hätte - und wie sie Rangnick ein Graus sind.

Die fehlende Identität, die Traditionalisten an Hoffenheim heute so kritisieren, war und ist Rangnicks größter Segen.

Bei Hoffenheim ist Rangnick selbst der Identitätsstifter.

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