vergrößernverkleinern
Im Sommer 2009 wechselte Labbadia als Nachfolger von Jol als Trainer zum HSV © getty

Millionen-Schulden durch frühere Transfers bringen die HSV-Bosse einmal mehr in Bedrängnis. Seeler und ein Ex-Präsident zürnen.

Von Philipp Langer

München - Der Hamburger SV kommt einfach nicht zur Ruhe:

Erst die hartnäckigen Spekulationen um die Zukunft von Trainer Armin Veh, auf den Klub-Ikone Uwe Seeler nicht gut zu sprechen ist wegen eines fehlenden Bekenntnisses zum HSV.

Am Dienstag erst sorgten Meldungen über Verbindlichkeiten von 20 Millionen Euro für bereits abgewickelte Transfers für dicke Luft im ohnehin schon unruhigen Klub-Umfeld. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Die risikofreudige Transferpolitik der Vorjahre bekommt nun zusätzliche Brisanz, als dass bei den Hanseaten noch immer auch Bruno Labbadia ein Kostenfaktor ist.

Seeler und Klein poltern

500.000 Euro Ablösesumme soll der Klub laut "Bild" abstottern für den Trainer, der vor acht Monaten gefeuert wurde und einst von Bayer Leverkusen für 1,5 Millionen Euro aus seinem laufenden Vertrag herausgekauft worden war.

Diese seit Jahren praktizierten Ratenzahlungen - vor allem bei Spielerwechseln - treiben nun die ehemalige Klub-Präsidenten auf die Barrikaden.

Wolfgang Klein, der den Verein von 1979 bis 1987 führte, polterte im "Hamburger Abendblatt": "Der HSV hat sich durch die millionenschweren Verbindlichkeiten den eigenen Handlungsspielraum erheblich eingeschränkt. Salopp gesagt: Die Verantwortlichen haben gezockt und sich im Endeffekt verzockt."

Klub-Bosse in Bedrängnis

Und Seeler legte nach: "20 Millionen Euro, das ist ein ganz schöner Haufen. Ich bin grundsätzlich für Risiko, aber es muss überschaubar bleiben. Es scheint so, als ob der HSV zur Leistung verdammt ist."

Am Pranger stehen deshalb einmal mehr der Vorstand um Vereinschef Bernd Hoffmann und der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Horst Becker.

Zumal das 20-Millionen-Euro-Loch durch Wechsel-Erlöse bisher keineswegs gedeckt ist. In den nächsten Jahren müssen mindestens weitere sechs Millionen Euro für zurückliegende Transfers an andere Vereine und Spieler gezahlt werden.

Selbst für van der Vaart ist noch zu zahlen

Marcus Berg, der für zehn Millionen Euro vom FC Groningen kam und David Rozehnal (für 5,1 Millionen Euro von Lazio Rom) sind nur zwei Beispiele.

Sogar für Rafael van der Vaart müssen die Hamburger noch eine letzte Rate über mehr als 1,5 Millionen Euro an Ajax Amsterdam zahlen:

Der Niederländer spielt inzwischen bei den Tottenham Hotspurs in der Premier League, hatte zuvor aber schon einen Zwischenstopp bei Real Madrid eingelegt.

"Reinhardt muss es auslöffeln"

Man habe darauf gesetzt, durch die Investitionen in die Champions League einzuziehen.

Mit einer soliden Etatplanung habe dies aber nicht viel zu tun, bemängelte Klein und sieht vor allem Manager Bastian Reinhardt angesichts des angekündigten Umbruchs im Kader in einer schwierigen Situation.

"Der Sportchef muss nun die Suppe auslöffeln, die ihm der Vorstand zuvor eingebrockt hat. Der Aufsichtsrat hat versagt, das kann man so deutlich sagen", sagte der Ex-Präsident.

Auch Hunke not amused

Von einem weiteren ehemaligen Vereinsboss erhielt er Unterstützung:

"Ich habe als Präsident immer ganz hanseatisch nur so viel ausgegeben, wie ich eingenommen habe. Dieses Handeln scheint die aktuelle Vereinsführung leider nicht zu verfolgen", sagte Jürgen Hunke.

Hunke lenkte die Geschicke des HSV von 1990 bis 1993 und wird am 9. Januar für den Aufsichtsrat kandidieren.

Becker: "Überhaupt nicht besorgniserregend"

Becker und Hoffmann hingegen zeigen sich verwundert über die Aufregung um den Schuldenberg und bezeichnen das Finanzierungsmodell als gängige Praxis in der Bundesliga:

"Ich empfinde es überhaupt nicht als besorgniserregend, dass wir nun 14 Millionen Euro Verbindlichkeiten für die kommende Saison haben, weil zu diesem Zeitpunkt niemand wissen kann, welche Einnahmen wir dagegenrechnen können", so Becker.

"Wir haben eine Liquidität, die liegt bei rund 20 Millionen Euro."

Hoffmann wehrt sich

Und Hoffmann wehrt sich: "Es ist beachtlich, dass ein solch hochwertiger Kader bereits so weit abbezahlt ist."

In der "Bild" ergänzte er: "Wir müssen in der kommenden Saison Einnahmen und Ausgaben in eine vernünftige Deckung bringen. Wenn wir dafür Spieler abgeben müssen, ist es so. Das ist ganz normales Bundesliga-Gebaren."

Wieder Kritik auch an Veh

Derweil kritisierte Seeler auch die Hängepartie um den Verbleib von Trainer Armin Veh:

"Das Hin und Her und die ganzen verwirrenden Aussagen, die getroffen und dann wieder zurückgenommen werden, bringen nun mal Unruhe", so der 74-Jährige in der "Welt".

"Das gleiche Wirrwarr hatten wir doch schon im Sommer, als der Sportchef bestellt werden sollte. Und wer hat schließlich darunter gelitten? Die Mannschaft, das war doch sichtbar. Die Unruhe hat auch sie erfasst und zu schlechten Leistungen geführt. Ähnliches ist auch bei dieser Trainerdiskussion zu erwarten", sagte Seeler.

"Äußerungen nicht förderlich"

Er zeigte kein Verständnis für Veh, der sich ohne klares Bekenntnis zum Klub in die Winterpause verabschiedet und erst zu Wochenbeginn einen Rücktritt als Coach ausgeschlossen hatte.

"Seine Äußerungen sind nicht förderlich. Jeder macht sich seine Gedanken, auch die Spieler. Für das Mannschaftsgefüge ist das nicht positiv", so Seeler.

Veh ist noch bis zum 30. Juni 2012 an den Verein gebunden. Der Coach und der Verein verfügen aber jeweils über eine Kündigungsoption zum 31. Mai 2011.

Eine endgültige Entscheidung über Vehs Zukunft soll bei einem Treffen zwischen dem Trainer und dem Vorstand am Neujahrstag fallen. Zuletzt hatte Hoffmann betont, er sei sich sicher, Veh werde zum Rückrundenauftakt auf der Bank sitzen.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel