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Thomas Tuchel übernahm im August 2009 den Trainer-Job in Mainz © getty

Nach der furiosen Hinrunde eifert Trainer Thomas Tuchel dem FC Barcelona nach. Doch Kritiker erinnern an Hoffenheim.

Von Philipp Langer

München - In der Hinrunde war Mainz 05 eine der großen Überraschungen. Als Tabellenzweiter nehmen die Rheinhessen nun die internationalen Plätze ins Visier.

Und zumindest im Wintertrainingslager suchen die Mainzer schon einmal die Nähe zu einem der ganz großen Klubs in Europa.

Montagmittag landete der Tross des selbsternannten "Karnevalsvereins" in Barcelona, im Mannschaftshotel "Rey Juan Carlos I" bezog das Team eine komplette Etage.(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Alle Hotelfenster gewähren dabei einen Blick auf das Camp Nou, das gigantische Stadion des FC Barcelona. Direkt an der Arena werden auch die Trainingseinheiten stattfinden.

Und dies ist kein Zufall.

Barcas Philosophie dient als Vorbild

Nicht wenige Kritiker glauben, dass die junge Truppe vom Bruchweg nicht an den Offensivzauber der Hinrunde anschließen kann.

Trainer Thomas Tuchel will dagegen in der Rückserie nicht nur mehr aus den 05ern herausholen, sondern den Verein langfristig zu einer der Top-Adressen für Nachwuchsarbeit in Deutschland machen.

Damit das gelingt, orientiert sich der jüngste Coach der Liga an der Philosophie des FC Barcelona - das Trainingslager vor Ort soll Spieler und Offizielle inspieren.

"Noch ein paar Prozentpunkte rausholen"

"Wir wollen ein paar Dinge finden, die man noch verbessern kann. Wir wollen schauen, wo noch ein paar Prozentpunkte rauszuholen sind", erklärt Tuchel.

Der 37-Jährige schwärmt von Barca und möchte soviel wie möglich davon importieren.

"Mit seiner Klub-Philosophie und deren konsequenter Umsetzung kann Barcelona ein leuchtendes Vorbild sein", sagt Tuchel.

Doch wie viel Barca steckt schon in Mainz?

Internat-Spieler als Fundament

In der Saison 2009/10 wurde Barcelona mit zehn Spielern aus der eigenen Jugend spanischer Meister. Auch in Mainz baut man auf den Nachwuchs - vor allem wegen der geringen finanziellen Möglichkeiten.

Vier Spieler im aktuellen Kader der 05er kickten auch schon für die Mainzer Jugend. Nun ist das keine Seltenheit oder revolutionäre Idee in der Bundesliga - nur scheint es in Mainz zu klappen.

Zudem stellt der FSV aktuell sieben deutsche Junioren-Nationalspieler.

Für Tuchel aber kein Grund sich zurückzulehnen: "50 Prozent des Kaders müssen aus dem eigenen Internat kommen", verrät der 37-Jährige seine Vision.

Einer für alle, alle für einen

Der Einbau von Eigengewächsen soll zudem die Identifikation mit dem Verein und den Fans erhöhen.

In Barcelona ist das mit Xavi, Andres Iniesta, Edeltechniker Lionel Messi und Co. gelungen. Auch der Zusammenhalt im Team wird in Barcelona groß geschrieben, und dass trotz der vielen Stars.

Gleiches gilt für Mainz - nur eben ohne die ganz großen Namen. Ein Grund mehr, warum der Teamgedanke in Mainz dominiert.

"Ich brauche Sicherheit, damit ich das Beste aus mir herausholen kann", bestätigt auch Tuchel die Bedeutung des Mainzer Zusammenhalts.

Kommt es im Sommer zum Bruch?

Dennoch könnte das Team nach der laufenden Saison auseinanderbrechen.

Senkrechtstarter Andre Schürrle wechselt für acht Millionen zu Bayer Leverkusen und auch der von Schalke ausgeliehene Lewis Holtby wird den Verein wohl nach der Saison verlassen, womöglich zu S04 zurückkehren.

Zudem enden auch die Verträge von Christian Fuchs, Andreas Ivanschitz und Marcel Risse, die ohnehin nur ausgeliehen sind.

Grundsätzlich will Tuchel seinen Kader verkleinern. Felix Borja und Haruna Babangida haben sich bereits vom Klub verabschiedet.

Simak vor Wechsel

Zwei weitere Profis sollen noch vor dem Rückrundenauftakt am 15. Januar beim VfB Stuttgart folgen. Einer davon ist Jan Simak.

"Er hat mich gebeten, nicht mehr mit in unser Trainingslager zu müssen, damit er sich einen anderen Verein suchen kann", sagt Tuchel.

Simak liebäugelt offenbar mit einer Rückkehr in seine tschechische Heimat. Ein anderer Streichkandidat ist Morten Rasmussen.

Erinnerungen an Hoffenheim

Es bleibt demnach abzuwarten, wie konstant die Mainzer in der Rückrunde spielen und mit dem Druck umgehen werden.

In der Saison 2008/2009 spielte Hoffenheim ebenfalls attraktiven Offensivfußball und wurde Herbstmeister.

In der Rückrunde sammelten die Kraichgauer jedoch nur noch zwanzig Punkte und landeten am Ende auf Platz sieben.

"Ich wüsste nicht, warum wir einbrechen und diese Art zu spielen nicht bis zum Saisonende durchhalten sollten", hatte der mittlerweile Ex-Coach Ralf Rangnick damals noch in der Winterpause geäußert.

"Möglich, dass Mainz nochmal absteigt"

In Mainz haben die Verantwortlichen den Blick für die Realität aber ohnehin nicht verloren. "Allein von der wirtschaftlichen Kraft ist es immer möglich, dass Mainz noch mal absteigt", sagt Tuchel.

Das langfristige Ziel ist aber den Verein als Marke zu etablieren.

"Grundsätzlich haben wir das große Glück, dass wir für eine ganz bestimmte Art Fußball zu spielen wahrgenommen werden", erklärt der Coach.

Das ist beim großen Vorbild in Barcelona ja schließlich auch der Fall.

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