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Droht ein Bruch? Trainer Louis van Gaal (l.) und Sportchef Christian Nerlinger © imago

Der Bayern-Coach riskiert mit dem Kraft-Experiment seinen Arbeitsplatz - auch weil er damit den Neuer-Transfer in Frage stellt.

Von Martin Hoffmann

München/Doha - Es ist nicht das erste Mal, dass Thomas Kraft eine Machtprobe beim FC Bayern auslöst.

Es gilt als gesichert, dass schon Jürgen Klinsmann das Keeper-Talent einst zu seiner Nummer eins machen wollte.

Es war mitten im Krisen-Herbst 2008, als der damalige Stammtorwart Michael Rensing dabei war, in Ungnade zu fallen: Als Uli Hoeneß von dem Gedanken erfuhr, legte er jedoch sein Veto ein.

Klinsmann fügte sich. Louis van Gaal sieht sich dagegen in der Position, die Kraft-Probe zu wagen - die Konsequenzen, die er damit riskiert, sind unabsehbar.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

Befriedete Konflikte neu aufgerissen

Wie heiß das Feuer ist, mit dem van Gaal spielt, zeigt ein Zitat, das aus dem kalt erwischten Bayern-Umfeld an die "Süddeutsche Zeitung" durchgesteckt wurde.

Van Gaal riskiere mit Krafts Beförderung über Jörg Butt "sogar weitreichende Konsequenzen", heißt es. Zu Deutsch: Seine Entlassung, sollte das Experiment schiefgehen.

Denn der Schritt, zu dem van Gaal - trotz seiner öffentlichen Relativierungen am Freitagnachmittag - fest entschlossen ist, ist mehr als eine sportliche Entscheidung.

Er reißt gleich mehrere interne Konflikte wieder auf, die eigentlich schon befriedet schienen - und das teils in verschlimmerter Form.

Nerlinger "geschockt" und brüskiert

Verhängnisvoll könnte vor allem sein, dass van Gaal mit seinem Alleingang Sportdirektor Christian Nerlinger brüskiert hat, seinen größten Verfechter innerhalb der Führungsriege.

Der wurde von den Rochade-Plänen ebenso erwischt wie Präsident Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

"Geschockt" sei Nerlinger gewesen, wird kolportiert. Und laut "SZ" will er den Torwarttausch auch "nicht mittragen".

Lahm wäre "überrascht"

Auch die Spieler, auf dessen Wertschätzung für den Coach sich viel von van Gaals Hausmacht gründet, zeigen sich zumindest irritiert.

Philipp Lahm, der angeblich designierte Kapitän, wäre "überrascht" über einen Torwarttausch. In der "tz" verweist er auf Butts "Erfahrung, die wichtig für die Mannschaft ist" - auch wenn Kraft ebenfalls ein "Klassetorhüter" sei.

[kaltura id="0_8q8mns15" class="full_size" title="Krafts gro e Stunde "]

Nerlinger hat van Gaal in mehreren Gesprächen hinter verschlossenen Türen deutlicher die Meinung gesagt: Dass Bayern keine Ausbildungsstätte sei, sondern von Erfolgen abhängig. Und dass der Coach "gegen vereinspolitische Interessen" handle.

Die große Streitfrage

Interesse, das sich vor allem auch auf die Frage bezieht, wer künftig das Tor des Rekordmeisters hüten soll.

Die Klubführung will Schalkes Manuel Neuer in dieser Rolle sehen, so viel ist bekannt. Van Gaal favorisierte dagegen stets Kraft.

Einen teuren Zukauf brauche Bayern nicht, so van Gaals Haltung. Zuletzt aber hieß es, van Gaal habe sich mit Neuer abgefunden.

Pro-Neuer-Fraktion in Frage gestellt

Die Positionierung von Kraft spricht nun aber eine andere Sprache. Kraft, der seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern will, sollte Neuer kommen, bekommt Gelegenheit, zu punkten.

Auch bei den Fans und im Umfeld: Durch seine Beförderung Krafts bestärkt und ermuntert van Gaal die Kritiker eines Neuer-Transfers - und stellt die Haltung der Befürworter in Frage.

Was vor allem deshalb so brisant ist, weil zuletzt mehr denn je auf einen Neuer-Deal hindeutete.

"One-Man-Show" aus Überzeugung

Erst am Mittwoch erklärte Hoeneß in der "Sport Bild": "Ich bin mir sicher, dass die Dinge in Sachen Neuer so laufen, wie sie laufen sollen.?

Direkt darauf nun die Grätsche von van Gaal in dieser Frage - die "One-Man-Show" hat wieder zugeschlagen.

Nicht aus purer Lust an Zoff und Selbstdarstellung allerdings, sondern aus sportlicher Überzeugung. Van Gaal will, dass Kraft in die Fußstapfen von Edwin van der Sar und Victor Valdes tritt.

Die beförderte er seinerzeit bei Ajax und Barcelona ebenfalls vom jungen Eigengewächs zur Nummer eins - und formte aus ihnen Weltklasse-Keeper.

Fünf Spiele als Bewährung?

Mit aller Gewalt will van Gaal Kraft aber wohl nicht durchpeitschen. Laut "SZ" hat Nerlingers entschiedener Einwand ihn zumindest "ins Grübeln" gebracht.

So erklärt sich womöglich, warum van Gaal seinen Entschluss vor der Presse nicht in aller Entschiedenheit verteidigt, sondern sich Hintertüren für einen Meinungsumschwung offen gelassen hat.

Laut "tz" will der Trainer Kraft eine Bewährungszeit von fünf Spielen geben. Überzeugt er nicht, wäre Butt wieder zur Stelle.

Van Gaal muss aber mit der Gefahr leben, dass die Folgewirkungen seines Alleingangs nicht mehr reparabel sind.

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