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Thomas Kraft wechselte 2004 von der SG 06 Betzdorf zum FC Bayern © imago

Thomas Kraft soll künftig das Tor des FC Bayern hüten, die Bosse wollen jedoch lieber Neuer und reden van Gaal ins Gewissen.

Von Daniel Rathjen

München - Zuhause springen sie ihn vor Freude schon an.

Seine ausgewachsenen Rottweiler Dina und Blake werden Thomas Kraft standesgemäß begrüßt haben, als dieser am Sonntagabend aus dem Trainingslager in Katar (334398DIASHOW: Bayern wirbelt in der Wüste) zurückkehrte.

"Die Hunde sind mein Ausgleich zum Fußball", hat der Torhüter oft betont.

Am Montag und Dienstag gab Bayern-Trainer Louis van Gaal seinen Spielern frei. Erstmal Zeit genug für Kraft, sich auf den Rückrundenstart vorzubereiten.

Denn bleibt der Coach bei seinem spektakulären Plan - wovon auszugehen ist - wird Kraft beim Auswärtsspiel gegen den VfL Wolfsburg von Beginn an das Tor hüten (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Für den 22-Jährigen geht damit ein Traum in Erfüllung, für den er seit seinem Wechsel nach München im Jahr 2004 gekämpft hat. Nun bietet sich ihm die große Chance, sich zu etablieren.

Nie hat der Torwart einen Hehl daraus gemacht, "so schnell wie möglich die Nummer eins eines Bundesligisten werden zu wollen".

Hohes Ansehen bei van Gaal

"Ich spiele nicht Fußball, um nur irgendwo zweiter oder dritter Torwart zu sein - und ich will auch nicht in der Zweiten oder Dritten Liga versanden. Ich will mich noch mehr zeigen", hatte er vor der Saison angekündigt.

Der Kampfhund-Fan brennt auf seinen "Wesenstest". Und dass van Gaal ihn schätzt, ist kein Geheimnis.

Bewusst hob er den Welpenschutz auf und verschaffte ihm in der Champions League gegen Rom (2:3) und Basel (3:0) Spielpraxis. Parallel nahm er ihm den Maulkorb ab und beorderte ihn zum Pressetalk.

Butt als Opfer

Er hat ihn genau beobachtet und seine Überzeugung, dass Kraft das Zeug zur Nummer eins hat, wird sich dabei verfestigt haben.

Und sie führte schließlich zum Entschluss, Routinier Jörg Butt für ihn zu opfern. Das wurde den Beteiligten im Trainingslager mitgeteilt.

Gleichwohl geht der 59-Jährige mit seiner eigenmächtigen Entscheidung ein Risiko ein, denn er riskiert den gerade erst wieder eingekehrten Frieden an der Säbener Straße. Vielleicht auch seinen Job?

[kaltura id="0_eyykhayj" class="full_size" title="Die brisante T-Frage"]

Die Situation ist heikel, die Klub-Granden sind erzürnt. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer rüffelte van Gaal offen.

"Uli Hoeneß hatte mangelnde Kommunikationsfähigkeit kritisiert. Das scheint hier der Fall zu sein", schrieb der "Kaiser" in seiner "Bild"-Kolumne.

Brisante Sitzung

Bis zum Spiel in Wolfsburg wird sich der Trainer turnusgemäß noch mit seinen Vorgesetzten zusammensetzen.

Aus dem Klub ist zu hören, dass Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Co. versuchen wollen, ihren Angestellten von seinem Vorhaben abzubringen, um die avisierte Verpflichtung von Nationalkeeper Manuel Neuer (Schalke 04) nicht zu gefährden.

"Ich bin sicher, dass die Dinge in Sachen Neuer so laufen, wie sie laufen sollen", sagte Präsident Hoeneß im Vorfeld - eine klare Ansage an van Gaal.

Was macht Nerlinger?

Der distanzierte sich mit seinem Votum für Kraft auch von Sportdirektor Christian Nerlinger, seinem bislang eng vertrauten Mitarbeiter, der "geschockt" auf die Entscheidung reagiert haben soll.

Nerlinger stützt weiterhin Butt: "Jörg war ein Rückhalt, auf den wir uns verlassen konnten, gerade in den schwierigen Spielen, wo wir wahnsinnig unter Druck waren. Das vergesse ich nicht", sagt er (Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News).

"Ein schmaler Grat"

Immerhin: Eine Hintertür hat sich van Gaal offen gehalten. Der Mannschaft, das bestätigte Kapitän Mark van Bommel, habe er "seine Entscheidung bei den Torhütern noch nicht mitgeteilt".

"Wenn es so kommt, dass ich Nummer eins werde, würde ich mich natürlich sehr freuen", sagt Kraft nur, "mehr möchte ich nicht sagen."

"Ob Thomas Kraft das Potenzial von Manuel Neuer hat, muss man sehen", meinte der "General" in Doha, "dafür muss man ihn ausprobieren".

Kraft selbst hält sich öffentlich zurück. Ihm ist jedoch noch in Erinnerung wie es Michael Rensing ergangen ist:

"Ich weiß, dass es so laufen kann. Es ist ein schmaler Grat beim FC Bayern. Du darfst dir nicht viel erlauben, wenn du dann mal spielst."

Wenn er patzt, dürfte er keine zweite Chance erhalten, sein Vertrag läuft ohnehin aus.

So oder so: Die Torwart-Frage beim FC Bayern wird zur Kraftprobe. Der Ausgang ist ungewiss.

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