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Thomas Kraft wechselte 2004 von der SG 06 Betzdorf zum FC Bayern © getty

Der Bayern-Trainer legt sich öffentlich fest. Zugleich warnt er den Torwart: Es könne auch nach zwei Spielen wieder vorbei sein.

Vom FC Bayern berichtet Maik Rosner

München - Zuerst gab es Abschieds-Küsschen für eine Mitarbeiterin, die in die Schwangerschaftspause geht.

Dann folgten verbale Streicheleinheiten für Jörg Butt, dem eine Zwangspause als Reservist möglicherweise bis zum Karriereende im Sommer bevorsteht.

Erst danach verkündete Bayern Münchens Trainer Louis van Gaal, was sich längst abgezeichnet hatte. "Jetzt sage ich, dass Thomas Kraft die Nummer eins ist", gab der Niederländer am Mittwochnachmittag bekannt.

Drei Tage vor dem Rückrunden-Auftakt beim VfL Wolfsburg steht also fest: Der unerfahrene und erst 22 Jahre alte Kraft löst den soliden Routinier Butt, 36, im Tor des FC Bayern ab.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

"Ich musste wechseln"

Der in der Hinrunde zuverlässige Butt habe sehr gut gerabeitet, lobte van Gaal. "Aber Kraft ist besser geworden. Ich denke, dass wir mit Kraft weiterkommen", sagte der 59-Jährige.

Gerade weil er zuerst gegenüber dem Verein, dann der Mannschaft und schließlich dem einzelnen Spieler Verantwortung trage, sei dieser Entschluss gefallen.

Kraft habe sich hervorragend entwickelt. "Und wenn ich denke, dass wir mit ihm weiterkommen, dann muss ich wechseln", erklärte van Gaal.

Kraft noch ohne Bundesligaspiel

Die Entscheidung sei in den vergangenen anderthalb Jahren gereift.

Im Sommer 2009 hatte der Niederländer Jupp Heynckes abgelöst. Seither beobachtet er die Entwicklung Krafts, der noch kein Bundesligaspiel bestitten hat, aber unter van Gaal schon zweimal in der laufenen Saison der Champions League eingesetzt wurde.

Es waren Tests auf höchstem Niveau für den Ernstfall im Ligaalltag, der nun am Sonnabend in Wolfsburg bevorsteht.

"Ich habe sehr großes Vertrauen"

Viel wird nun von Druck die Rede sein, der auf Kraft lastet. Nicht zuletzt, weil Michael Rensing als Nachfolger von Oliver Kahn gescheitert war.

[kaltura id="0_ktvqqlbs" class="full_size" title=" Es ist kein Risiko "]

Van Gaal aber glaubt an den jungen Torwart. "Die Frage ist: Kann er mit diesem Druck umgehen? Das weiß ich nicht. Aber ich habe sehr großes Vertrauen, dass er das schafft."

Der Trainer findet ohnehin, dass Alter und Erfahrung nicht die wesentlichen Argumente für oder gegen einen Spieler seien. Die Spieler müssten "ihre Funktion ausführen. Das können viele Spieler mit 18 oder 19, aber viele können es auch nicht. Bei den Bayern muss das jeder Spieler können - mit 30 Jahren und mit 18 Jahren."

Gemeinsame Entscheidung des Trainer-Teams

Die Entscheidung pro Kraft war in der Winterpause gefallen. Schon vor dem Weihnachtsurlaub habe er seine Überlegung gegenüber der Vereinsführung angekündigt.

Zugleich sollte sich sein Stab Gedanken machen und abwägen. Als es ins Trainingslager nach Katar ging, habe man die Entscheidung zugunsten Krafts getroffen, weil man sich im Stab einig gewesen sei.

Allen voran Torwarttrainer Frans Hoek habe sein Fachurteil genauso gefällt wie van Gaal.

Rummenigge äußert Bedenken

Als der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge davon erfuhr, äußerte er seine Bedenken, wie van Gaal erzählte.

"Ich wollte das am Freitag bekanntgeben. Aber dann hat mich Rummenigge gebeten, das noch einmal zu überlegen", sagte der Trainer. Bei der turnusmäßigen Sitzung am Montag sei das Thema aber in "vielleicht drei Minuten" abgehandelt gewesen.

Warnung an Kraft

Dennoch muss diese Entscheidung nicht von Dauer sein, auch das machte van Gaal deutlich.

"Es kann auch passieren, dass Jörg wieder zurückkommt", warnte er. Kraft wisse das, denn Rensing habe unter ihm auch nach vier Spielen für Butt weichen müssen.

Van Gaals klare Ansage: "Das ist abhängig von der Präsentation. Es können auch fünf oder sechs Spiele sein. Oder auch nur zwei, wenn er alles falsch macht. Ich werde nicht zuviel Risiko gehen."

Doch er glaubt, dass Kraft sich dauerhaft durchsetzt. So wie einst Edwin van der Sar bei Ajax Amsterdam oder Victor Valdes beim FC Barcelona, die van Gaal gemeinsam mit Hoek als junge Torhüter hervorbrachte.

Politikum wegen Neuer

Gegenüber Butt tut van Gaal die Entscheidung durchaus Leid. Es sei sehr schwer gewesen, ihm das mitzuteilen, "weil ich ein sehr gutes Verhältnis zu Jörg Butt habe. Trotzdem musste ich ihn wechseln. Ich habe auch eine Verantwortung für Thomas Kraft."

Über Nationaltorwart Manuel Neuer wollte der Trainer nicht sprechen, Vergleiche mit Kraft lehnte er ab. Die Bayern wollten den 24-Jährigen eigentlich im Sommer von Schalke 04 loseisen.

Doch wenn Kraft überzeugt, könnte das ein Politikum werden. Van Gaal geht dieses Wagnis voller Überzeugung ein.

"Ich weiß, dass ich ein guter Trainer bin. Wenn sie einen guten Trainer entlassen wollen, ist das nicht meine Verantwortlichkeit", sagte van Gaal gewohnt selbstbewusst.

An der Personalie Kraft hängt mehr als nur ein Duell um die Position im Tor. Bei negativem Verlauf des Experiments sind Abschieds-Küsschen für den Trainer unwahrscheinlich.

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