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Matthias Sammer führte Borussia Dortmund 2002 als Trainer zur Meisterschaft © getty

Die Folgen der HSV-Posse sind für Matthias Sammer verheerend: Er steht als Zauderer da - und neue Gerüchte kratzen weiter am Ruf.

Von Martin Hoffmann

München - Die ganze Posse wäre ihm erspart geblieben, wären die Dinge so gekommen, wie es vor knapp einem Jahr ausgesehen hatte.

Ein Bundestrainer Matthias Sammer wäre nämlich kaum je ein Kandidat für den Job als Sportdirektor beim HSV gewesen.

In dem Job sahen ihn nämlich viele nach der WM in Südafrika, nachdem vor zwölf Monaten der große Krach um die gescheiterte Vertragsverlängerung von Joachim Löw aufkam.

Sammer ist bekanntlich nicht Löw-Nachfolger geworden und nun auch nicht HSV-Sportdirektor. Es ist alles beim Alten geblieben für Sammer - und doch ist nichts wie zuvor.

"Gelöschter Feuerkopf"

Vor einem Jahr stand Sammer im Verband und in der öffentlichen Meinung noch als Schwergewicht da.

In starker Position wegen der Errungenschaften der Nachwuchs-Nationalteams und dem Image als unbequemer Erfolgsmensch, das er sich nicht zuletzt als Widerpart von Löw und Oliver Bierhoff erarbeitet hatte.

"Zauderer" nennt ihn der "kicker", "Gelöschter Feuerkopf" die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine" einen "Mann, der nicht weiß, was er will".

In einem geharnischten Leitartikel prophezeit letztere Sammer gar, sich "auf unabsehbare Zeit im Fußballgeschäft unmöglich gemacht" zu haben.

Braut, die sich nicht traut

Sammer hilft es nicht, dass der HSV mit dem Hang, sein eigenes Wikileaks zu sein, den Schaden erst so groß hat werden lassen (EINWURF: Lächerlich - hüben wie drüben).

Denn unabhängig davon, ob man jetzt Sammer oder den Klub als Hauptschuldigen am Scheitern der Verbindung sieht: Mit den Folgen des Desasters muss er genauso leben wie die Hamburger.

[kaltura id="0_jlvilmbq" class="full_size" title="HSV k mpft um seinen Ruf"]

Zu diesen Folgen gehört, dass nun weitere Geschichten über Sammer an die Oberfläche geschwemmt werden - die das Bild von der Braut, die sich nicht traut, festigen.

Berichte über Gespräche mit Schalke und Wolfsburg

Damit ist nicht das rein spekulative Gerücht gemeint, dass Sammer auf die Aussicht setzt, Louis van Gaal in Kürze als Bayern-Coach beerben zu können.

Der "kicker" berichtet von Geheimgesprächen, die Sammer 2009 mit Schalke führte - und an deren Ende Sammer den "Knappen" absagte, obwohl die sich ähnlich weit gewähnt hätten wie nun der HSV.

Ähnliches will die "SZ" vom VfL Wolfsburg gehört haben.

Hüben wie drüben im schlechten Licht

Informationen, die Sammer wie eine Art Edmund Stoiber des Fußballs herüberkommen lassen: Ein Mann, den seine Zögerlichkeit in einem Job hält, in dem er nicht mehr viel bewegen kann.

Sammer hängt offensichtlich nicht (mehr) über alle Maßen an seinem Job beim DFB - aber will das Wagnis Bundesliga letztlich doch nicht eingehen.

Was ihn hüben wie drüben in ein schlechtes Licht rückt. Und beim Versuch, seine Absage an den HSV zu begründen, gerät er in neue Fallstricke.

"Kaum mehr ernstgenommen"

Man kann sich in etwa ausmalen, wie eine Ehefrau reagiert, deren Mann öffentlich erklärt "vielleicht bereit für eine neue Liebe" gewesen zu sein. Dann aber doch bei der alten geblieben wäre, weil: "Wenn ich eine neue Liebe eingehe, muss ich alle Details bis zuletzt kennen."

Und ungefähr so ist wohl auch die Reaktion bei Sammers alter Liebe - allen warmen Worten nach der HSV-Absage zum Trotz:

"Kaum mehr ernstgenommen" werde er beim DFB, heißt es in der "FAZ", er laufe Gefahr, "ewiger DFB-Jugendwart" zu werden.

Position schon vorher beschädigt

Beschädigt war Sammers Position schon vor der HSV-Posse: Durch die Stärkung nämlich, die seine Gegenspieler Löw und Bierhoff durch die WM erfuhren.

Sammer bekam es schmerzlich zu spüren, als nach dem Turnier der ewige Kompetenzstreit um die Zuständigkeit für die U 21 formell zu seinen Gunsten entschieden wurde.

Und Sammer dann doch nicht mit seiner Forderung durchkam, U-21-Coach Rainer Adrion abzulösen.

Der Sportdirektor beklagte darauf öffentlich, "Glaubwürdigkeit" eingebüßt zu haben und "geschwächt" worden zu sein - die Beziehungskrise war beidseitig verschärft worden.

Kratzer am Moral-Image

Was Sammer ebenso wurmen muss: Die HSV-Posse sorgt auch für Kratzer an dem von ihm gepflegten Bild als Mann, der es mit der Moral genauer nimmt als andere im Fußballgeschäft.

Und dabei auch gerne mal als öffentlicher Mahner in Erscheinung trat wie vor eineinhalb Jahren, als er die vielen vertragsuntreuen Trainer der Bundesliga ins Gebet nahm:

"Wenn keiner seinen Vertrag einhält, dann ist das schlecht und unglaubwürdig. Die Wirkung auf junge Spieler ist verheerend."

Auch jetzt noch spricht Sammer davon, ein "vertragstreuer Mensch" zu sein und sagt Dinge wie: "Es war für mich moralisch sehr wichtig, dann ein klares Bekenntnis zu meinem Arbeitgeber auszusprechen."

Aber die Wirkung ist eine andere, wenn er das sagt, kurz nachdem er bereit war, trotz laufendem Vertrag eine neue Arbeitsstelle anzutreten.

Es ist nichts mehr wie zuvor für Matthias Sammer. Fraglich ist nur, ob er das Gegenteil nur bestreitet - oder es wirklich glaubt.

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