vergrößernverkleinern
Thomas Schaaf gewann mit Werder Bremen 2004 das Double © getty

Abstiegskampf statt Königsklasse: Bricht die Werder-Krise auch den Willen des Trainers? Dem Team mangelt es an Selbstvertrauen.

Von Daniel Rathjen

München - Abstiegskampf.

Für Werder Bremen war das lange ein Fremdwort.

Vor zwölf Jahren, als noch Spieler wie Pawel Wojtala, Lodewijk Roembiak oder Havard Flo im Kader standen, steuerte letztlich der neue Trainer Thomas Schaaf den Verein ans sichere Ufer.

Jetzt, nach einer Meisterschaft, drei Pokalsiegen und regelmäßiger Qualifikation für die Champions League muss der 49-Jährige erneut ein Weser-Wunder vollbringen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Doch noch nie waren die Vorzeichen so bedrohlich wie in dieser Saison. Sein bitteres Fazit nach dem 0:3 beim Tabellen-15. 1. FC Köln340258(DIASHOW: Der 19. Spieltag): "Uns hat alles gefehlt."

Sportdirektor Klaus Allofs, ebenfalls geschockt von dem Ergebnis und der Leistung der Spieler, ergänzte: "Das war grausam, ein riesiger Rückschlag."

Diese Erkenntnis traf vor allem Schaaf hart. Am Montag zogen sich Mannschaft und Verantwortliche am Vormittag über drei Stunden zurück und diskutierten die prekäre sportliche Situation.

"Das war ernüchternd"

Er sei nicht nur enttäuscht, sondern vor allem "deprimiert. Da war kein Widerstand, kein Wehren, kein Aufbäumen. Das war ernüchternd. Das ist für mich nicht nachvollziehbar", stöhnte Schaaf.

Die Mechanismen des Profigeschäfts sehen es vor, dass in solch einer Phase die Trainerfrage gestellt werden muss.

In Bremen, gilt der Coach aufgrund seiner Erfolge, seiner hohen Vereinsidentifikation und nicht zuletzt wegen seiner großen Fachkenntnis jedoch als "unfeuerbar".

Die Frage ist eher: Wann zieht er selbst die Reißleine? Wann schmeißt er hin?

Rücktritt ein Thema?

Allofs sagt dazu: "Wenn diese Signale kommen, werden wir uns in letzter Konsequenz damit beschäftigen." Doch diese Signale vom Trainer seien noch nicht gekommen, "und ich erwarte sie auch nicht".

Die Geschäftsführung spielt nicht mit dem Gedanken, eine Entlassung auszusprechen.

"Wir entlassen keinen Trainer, um dadurch vielleicht für ein, zwei Wochen einen psychologischen Aspekt zu haben", stellte Allofs nochmals klar. Er sehe bei Schaaf weiterhin "den Willen", die Mannschaft aus der Krise herauszuführen.

Am Sonntag nach dem Training knöpften sich die beiden Verantwortlichen die Spieler wieder einmal vor - hinter verschlossenen Türen. Es wird lautstark zugegangen sein, denn Werder hat in dieser Saison seine Ideale verloren.

Vorne drückt der Schuh

Der Klub stand unter Schaaf für Spielwitz, Tempofußball und Tore. In Köln gelang den Hanseaten lediglich ein Schuss aufs gegnerische Gehäuse.

Jahrelang wurde das Bremer Spiel von glänzenden Mittelfeld-Zauberern wie Andreas Herzog, Johan Micoud, Diego und Mesut Özil bereichert, nun klafft im Zentrum ein Loch, das weder Aaron Hunt noch Marko Marin stopfen können.

Die Neuen, Marko Arnautovic und Wesley, laufen eher mit als voran. Das Kernproblem: Pässe in die Tiefe kommen nicht durch, nur 25 Tore in 19 Spielen sprechen eine deutliche Sprache.

In der Fanbasis, der Ostkurve im heimischen Weser-Stadion, wächst die Unzufriedenheit. Das Publikum ist nervös und pfeift schnell. Auch das ist anders als in den vergangenen Spielserien.

"Wir haben Fans und Freunde, die wir über Jahre gewonnen haben, enttäuscht. Es geht darum, dass Werder Bremen wieder das darstellt, wofür es steht", fordert Schaaf deshalb.

Das Motivations-Problem

Er weiß aber auch: Seine Stärke ist die Taktik, das Erstellen von Spielzügen, Defensiv-Formationen und Angriffs-Variationen. Einen Ruf als feuriger Motivator hatte er zu Recht noch nie.

In dieser Situation stellt das ein Problem dar, denn nach den vielen Rückschlägen ist das Selbstvertrauen der Spieler gänzlich dahin. Und offensichtlich mangelt es auch Qualität.

"Die Ursache liegt nicht beim Trainer, sondern bei der Mannschaft. Sie ist einfach nicht in der Lage, die Forderungen Woche für Woche umzusetzen", meckert Allofs.

Wenig Geld für Transfers

Neue kommen trotzdem nicht. In bodenständiger Manier sparen die Bremer ihr Geld, anstatt es zu verschleudern, um in der nächsten Saison ohne internationalen Wettbewerb dennoch einen guten Kader zur Verfügung zu haben.

Eine Rückholaktion von Diego wäre utopisch. Gerüchten zufolge sollen gerade einmal drei Millionen Euro für Transfers vorhanden sein.

"Wir tun neuen Spielern im Moment vermutlich auch keinen Gefallen damit, sie in diese Mannschaft zu stecken. Der Schlüssel zum Erfolg sind die Spieler, die da sind. Und die müssen begreifen, dass es nur noch über den Kampf geht. Für guten Fußball sind wir im Moment ohnehin nicht reif genug", seufzt Allofs.

Der Begriff Abstiegskampf dürfte keinem in Bremen mehr als Fremdwort erscheinen.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel