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Der Hamburger SV spielt seit 1963 ununterbrochen in der Bundesliga © imago

Das Sammer-Desaster und die Folgen: Der HSV bietet ein Bild des Jammers. Der sportliche Aufschwung überdeckt nur die Probleme.

Von Matthias Becker

München - Wären da nicht neun Punkte aus den letzten drei Bundesligaspielen, der Hamburger SV würde auf allen Ebenen ein Bild des Jammers abgeben.

Nach drei Siegen in Folge ist zumindest in der Tabelle wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen für den HSV.

Insgesamt steht es um den Bundesliga-Dino nach der desaströsen Sammer-Posse und dem Transfer-Theater um Ruud van Nistelrooy aber alles andere als gut.

Es bleibt die Frage: Wie geht es weiter an der Elbe? Und der Eindruck: Keiner weiß es.

SPORT1 blickt auf die Kopflosigkeit der Hamburger in fünf Bereichen.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

Der Aufsichtsrat

Der deutsche Zehnkämpfer Jürgen Hingsen ist bei Olympia 1988 in Seoul beim 100-Meter-Lauf, der ersten Disziplin, mal wegen dreier Fehlstarts disqualifiziert worden. Für ihn war alles vorbei, bevor es richtig los ging.

Ähnlich sieht es beim neu zusammengesetzten Aufsichtsrat des HSV aus.

Freudestrahlend traten am Dienstag vergangener Woche der neu gewählte Vorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff und sein Stellvertreter Alexander Otto vor die Kameras und verkündeten die Entscheidung für Matthias Sammer als neuen starken Mann.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt.

"Ich fühle mich auf keinen Fall als Schuldiger seiner geplatzten Verpflichtung. Ich werde deswegen natürlich keine persönlichen Konsequenzen daraus ziehen", sagte Rieckhoff zwar eilends der "Welt".

Als im Jahr 2010 - in einer weiteren HSV-Posse - weder Roman Grill noch Oliver Kreutzer Sportchef des Klubs wurden, war Rieckhoff allerdings schon einmal zurückgetreten, damals aus dem Personalausschuss des Aufsichtsrats.

"Der Vorstand und der Aufsichtsrat brauchen mehr sportliche Kompetenz", fordert Ex-HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein in der "Bild".

Doch bei der Neuwahl von vier Aufsichtsräten bei der Mitgliederversammlung am 9. Januar fielen Experten aus dem Sport wie Ex-Profi Carsten Kober und der frühere Volleyball-Nationaltrainer Olaf Kortmann klar durch.

Klein sieht daher schwarz: "Der Aufsichtsrat ist in der Verpflichtung, dringend für ein Gesamt-Konzept zu sorgen. Aber wer soll dort eine neue Führung suchen? Wer soll das im Aufsichtsrat können?"

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Der Vorstand

So ahnungslos der Aufsichtsrat in sportlichen Belangen sein mag, so wichtig ist er für den Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann.

Dessen Vertrag läuft wie der von Vorstandskollegin Katja Kraus Ende des Jahres aus. Er braucht acht Stimmen aus dem zwölköpfigen Rat für eine Verlängerung.

Doch angeblich hängt die Verlängerung an der Verpflichtung eines neuen Sportdirektors, den Hoffmann seit dem Abgang des anerkannten Fachmanns Dietmar Beiersdorfer im Juni 2009 vergeblich sucht.

Dabei hagelte es Absagen, unter anderem von Sammer, Grill, Kreutzer und Urs Siegenthaler.

Hoffmann gesteht inzwischen öffentlich ein, es alleine nicht hinzubekommen.

"Ich bin kein Sportchef. Ich kann Fußball-Management. Wir brauchen absolute Kompetenz im Bereich Sport. Nur so haben wir eine Chance", rief er den Delegierten auf der Mitgliederversammlung zu.

Die Suche geht weiter, im sportlichen Bereich kopflos, wenn man die von Hoffmann gemachte Aussagen konsequent weiterdenkt.

Nicht gerade ein starkes Argument für eine Vertragsverlängerung des in Fan-Kreisen teilweise sehr umstrittenen Bosses.

Der Sportdirektor

"Reinhardt tut mir leid. Man hat ihn total verbrannt. Es ist klar, dass man jetzt nicht sagen kann: Wenn Sammer nicht kommt, macht Reinhardt eben weiter."

Das sagt Ex-Präsident Klein - und bringt es damit exakt auf den Punkt.

Bastian Reinhardt wurde öffentlich als Platzhalter vorgeführt. Auch wenn er tapfer für die "große Lösung" Sammer warb, doch der wollte bekanntlich Miroslav Stevic als seinen Assistenten.

Nun will Reinhardt sich "nicht mehr alles gefallen lassen" und erklärte öffentlich: "Ich erwarte jetzt Rückendeckung."

Doch stattdessen musste er sich den Kommentar von Trainer Armin Veh anhören, der gesagt hatte: "Er ist 35 Jahre alt und neu im Job. Das kann er nicht alles bewerkstelligen, das ist ein bisschen viel."

Der Trainer

Überhaupt, der Trainer. Veh schlägt trotz der Aufforderung zur Zurückhaltung durch Reinhardt Alarm.

"Wir müssen anfangen Entscheidungen zu treffen", fordert er im "kicker" mit Blick auf die Personalplanung für die kommende Saison: "Nur wer soll das tun?"

Eine weitere Breitseite gegen Reinhardt, ergänzt durch die Feststellung: "Man weiß ja gar nicht, wer das Sagen hat. Ich glaube es ist nicht geklärt, was danach kommt."

Meint er damit auch seinen eigenen Nachfolger? Im Winter verkündete Veh ohne Not, dass der HSV seine letzte Trainerstation in Deutschland sein werde und er sich anschließend eher in der Rolle des Sportdirektors sehe.

Vorerst bleibt er bis Saisonende, bis dahin können beide Seiten aus dem bis 2012 laufenden Vertrag aussteigen.

Veh hat mit der Mannschaft zwar den Anschluss an Mindestziel Platz fünf wieder hergestellt, befindet sich angesichts des im Raum stehenden baldigen Abschieds aber nicht gerade in der besten Autoritätsposition.

Auf viele Beobachter macht er den Eindruck, als habe er mit dem Projekt HSV schon fast abgeschlossen (auch wenn da ja noch ein Sportdirektorenposten frei wäre in Hamburg).

Die Mannschaft

Gerade jetzt wäre ein Trainer wichtig, der den Umbruch plant. Denn auch der Kader des HSV steht nicht auf soliden Füßen.

Ruud van Nistelrooy nennt den ihm versagten Wechsel zurück zu Real Madrid in der "As" "ein großes Ärgernis" und legt in der "Marca" nach:

"Ich habe den HSV inständig darum gebeten, es mir zu erlauben, meinen Traum zu erfüllen. Aber nun bleibe ich hier, auch wenn mein Herz für Madrid schlägt."

"Vertrag ist Vertrag", empörte sich HSV-Idol Uwe Seeler über diese Aussagen.

Aber van Nistelrooy ist nur einer von mehreren routinierten Kräften, die im Sommer das Weite suchen werden.

Ze Roberto wird in die Sonne Katars oder Brasiliens aufbrechen, Frank Rosts Zeit beim HSV ist abgelaufen, auch die von David Jarolim könnte vorbei sein. Paolo Guerrero wird im Winter vielleicht noch verliehen, Rückkehr ungewiss.

Selbst wenn den Routiniers beim HSV zum Abschied eine starke Rückrunde und vielleicht sogar noch die Champions-League-Qualifikation gelingt:

Wer wird die Mannschaft dann in der kommenden Saison führen?

In Hamburg ist im Moment niemand da, der eine Antwort auf diese Frage geben könnte.

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