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Mirko Slomka ist seit Januar 2010 Trainer bei Hannover 96 © getty

Hannovers Trainer Mirko Slomka spricht im SPORT1-Interview über die Kräfteverhältnisse in der Liga und das enge Rennen um Europa.

Von Maik Rosner

München - Hannover 96 ist vielleicht die größte Überraschung der aktuellen Bundesliga-Saison.

Vor Beginn der Spielzeit wurden die Niedersachen als Abstiegskandidat gehandelt, doch 96 spielte die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte und belegt aktuell den vierten Tabellenplatz.(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Dass in Hannover von Europa geträumt werden darf, ist auch ein Verdienst von Mirko Slomka.

Im Januar letzten Jahres übernahm der 43-Jährige den Trainerposten, rettete Hannover vor dem Abstieg und formte ein schlagkräftiges Team.

Doch nicht nur sportlich sorgte Slomka für Schlagzeilen. Mit einem langwierigen Poker um einen neuen Vertrag hielt der Coach den Klub in Atem.

Ende Januar einigte sich Slomka dann aber mit den Verantwortlichen auf einen neuen Zweijahresvertrag zu deutlich verbesserten Bezügen.

Im SPORT1-Interview spricht Slomka über die Chancen der 96er im Kampf um die internationalen Plätze, die Kräfteverhältnisse in der Bundesliga und den Wirbel um seine Vertragsverlängerung.

SPORT1: Herr Slomka, als einzige Mannschaft aus der Spitzengruppe der Bundesliga hat Hannover am vergangenen Wochenende gewonnen. Eröffnet diese merkwürdige Saison die Chance auf den ganz großen Coup?

Mirko Slomka: Es ist gar nicht so merkwürdig, dass die Mannschaften mit vielen Nationalspielern zu Beginn der Saison Schwierigkeiten gehabt haben und es auch noch Nachwirkungen gibt. Und die etwas kleineren Mannschaften wie Freiburg, Mainz und auch wir haben eine Strategie entwickelt, um in der Bundesliga mithalten zu können und nicht nur gegen den Abstieg zu spielen. Aber es ist natürlich schon überraschend, dass viele große Mannschaften eher untere Ränge einnehmen als andersherum.

SPORT1: Zum Beispiel ja auch Bremen, wo Sie am Sonntag antreten werden. Mit einem weiteren Sieg könnten Sie nach Wolfsburg auch bei Werder für Turbulenzen sorgen. Spielt das für Sie eine Rolle?

Slomka: Das spielt für mich gar keine Rolle. Das, was für mich entscheidend ist: Dass wir wieder unsere optimistische Grundhaltung, unsere Leidenschaft zeigen und dass jeder Verantwortung übernimmt. Dann können wir auch in Bremen wieder etwas holen. Die momentane Situation des Gegners spielt nur eine geringe Rolle, wir müssen in den 90 Minuten durch das eigene Auftreten Unruhe beim Gegner erzeugen.

SPORT1: Wie zuletzt in Wolfsburg, als Diego sich den Anweisungen des Trainers widersetzt hat und eigenmächtig zum Elfmeter angetreten ist.

Slomka: Ich kann das ja nicht beurteilen, was vorher abgesprochen worden ist. Ich würde das grundsätzlich vorher regeln. Innerhalb der 90 Minuten noch einzugreifen, ist immer schwierig. In meiner Mannschaft ist das jedenfalls vorher geklärt.

SPORT1: Was ist denn aus Ihrer Sicht in dieser Saison noch machbar für Hannover 96?

Slomka: Realistisch ist, dass wir auch in den kommenden Spielen punkten. In der Bundesliga ist es momentan ja eh so, dass jeder gegen jeden gewinnen kann. Wir haben uns zunächst einmal 40 Punkte zum Ziel gesetzt, um danach weitere Ziele zu verfolgen. Aber das erste Ziel ist noch nicht erreicht. Wenn wir das zeitnah erreichen, können wir darüber reden, Platz fünf anzugreifen. Ich glaube, dass Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und auch Bayern München sich die Plätze eins bis drei erarbeiten werden. Dahinter kämpfen Teams wie wir, Mainz, Freiburg, Hamburg, Hoffenheim. Das ist ein enges Rennen, keine Mannschaft ist ganz stabil, auch wir nicht. Da wird es darauf ankommen, wer den längeren Atem hat. Und vielleicht können wir uns durchsetzen und erstmalig aus der Punkterunde als Mannschaft hervorgehen, die europäisch spielt.

SPORT1: Wo sehen Sie Ihre Mannschaft denn im Vergleich zu Mainz und Freiburg, die derzeit die Hauptkonkurrenten sind?

Slomka: Ich denke ähnlich. Alle drei Mannschaften haben immer wieder auch eine Krise zu bewältigen. Aber für alle gilt, dass sie die Überzeugung und Kraft haben, sich nicht von Rückschlägen beirren zu lassen. Wir sind absolut auf Augenhöhe mit Freiburg und Mainz - und umgekehrt.

SPORT1: Zwischen diesen drei Mannschaften steckt Bayern München in der Tabelle fest. Und bei allen drei müssen die Bayern noch antreten. Können die Kleinen dem Meister die Bundesligasaison so richtig verderben?

Slomka: Ich glaube schon, dass sich die Bayern unter die ersten Drei schieben werden. Allerdings konnte Mainz in der Hinrunde schon bei den Bayern gewinnen. Warum sollte uns das zu Hause nicht auch gelingen? Die Bayern sind schlagbar, das haben wir in Köln gesehen, auch nach einer 2:0-Führung. Der Nimbus der unschlagbaren Bayern ist nicht mehr da. Aber trotzdem glaube ich, dass sie einen langen Atem haben werden, wenn es um die Champions-League-Plätze geht.

SPORT1: Anderswo werden Trainer für Ihre überraschenden Erfolge gefeiert. In Hannover ist das nicht der Fall, hat man den Eindruck. Woran liegt das?

Slomka: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich glaube, es ist auch ganz gut so, dass ich nicht gefeiert werde. Die Mannschaft hat keinen Star, wir treten als Kollektiv auf. Und dazu zähle ich als Trainer. Jeder hat einen großen Anteil daran, dass wir diesen Erfolg verbuchen können, die Spieler genauso wie das Trainer-Team.

SPORT1: Zuletzt wurden Sie allerdings eher angegangen, bei Ihrer sich hinziehenden Vertragsverlängerung. Warum ist das so hochgekocht?

Slomka: Das zeigt ja auch, dass der Verein mich unbedingt halten wollte. Ich fand, das waren relativ normale Vertragsgespräche, die wir geführt haben.

SPORT1: Die Aufregung des Präsidenten Martin Kind war allerdings nicht zu übersehen. Hat das auch mit dem Stigma "der nette Herr Slomka" zu tun, das Ihnen in Schalker Zeiten angeheftet wurde?

Slomka: Wenn ich so nett wäre, dann hätte ich ja sofort unterschrieben. Ich glaube nicht, dass mich irgendjemand aus den Mannschaften, die ich bisher trainiert habe, als nett bezeichnen würde. Vielleicht als zuverlässig, umgänglich und durchaus zuvorkommend. Aber man muss als Trainer auch unangenehme Entscheidungen fällen. Und dass man hier und da seine Position ein bisschen schärft, gehört auch zum Geschäft.

SPORT1: Hat der bisherige Erfolg auch wesentlich damit zu tun, dass die Mannschaft den Tod Robert Enkes nun verarbeitet hat?

Slomka: Robert Enke wird nie in Vergessenheit geraten. Aber wir haben den entscheidenden Schritt in der vergangenen Saison gemacht, als wir den Klassenerhalt trotz dieser dramatischen und schwierigen Situation geschafft haben. Das war ein Befreiungsschlag für jeden persönlich und den ganzen Verein, und wir konnten neu starten. Robert ist nach wie vor präsent, die Erinnerung an ihn beeinflusst uns aber nicht mehr in unserem Spiel.

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