Der Schweizer als Retter? Das wirkt nach den Berliner Erfahrungen wie die Ernennung von Peter Neururer zum Bayern-Trainer.

Peter Neururer wird neuer Trainer des FC Bayern - eine Schlagzeile, die ebenso verblüffend wäre wie die, die heute Realität geworden ist:

Lucien Favre ist neuer Coach bei Borussia Mönchengladbach. Einem Klub, der bis auf Kinnhöhe im Abstiegssumpf versunken ist.

Eine Personalentscheidung, die - positiv ausgedrückt - mutig ist.

Negativ ausgedrückt hat Gladbach für seine Rettungsmission einen Feuerwehrmann geholt, bei dem nicht sicher anzunehmen ist, ob er Feuerwehrschlauch und Feuerwehrhelm auseinanderhalten kann.

Was nicht heißt, dass Favre ein schlechter Coach ist. Er ist ein herausragender Fachmann und Stratege, ein ausgewiesener Förderer der Spielkultur und Entwickler junger Spieler und junger Mannschaften.

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Aber ein Mann für die Rettung aus der Abstiegsnot?

Hertha BSC setzte ihn seinerzeit nach einem missratenen Saisonstart vor die Tür, weil man ihm genau das nicht zutraute.

Der Fehlstart hing damals mit Verletzungspech und dem erzwungenen Verkauf von Leistungsträgern zusammen - aber Favre hatte beim Versuch, mit den widrigen Umständen umzugehen, ein hilfloses Bild abgegeben.

Und: Schon in der erfolgreichen Saison zuvor hatte sein Team am Ende die Spiele vergeben, in denen es drauf ankam.

Verspielte mit kampfeslust-freien Vorstellungen erst die Chance auf die Meisterschaft, dann mit einem 0:4 bei Absteiger Karlsruhe die Champions-League-Qualifikation.

Es blieb der Eindruck hängen, dass der kühle Polyvalenz-Freund Favre nicht der Typ ist, der vor wichtigen Partien bei Spielern Leidenschaft wecken kann.

Es gibt in Favres Karriere aber auch einen erfolgreich bestrittenen Nothelfer-Einsatz.

Bei Yverdon Sports in der zweiten Schweizer Liga wandte Favre einst in einem halben Jahr einen drohenden Abstieg ab - indem er 14 von 18 Spielern aussortierte.

Es passt zu Favre, der Erfolg bislang immer dann hatte, wenn er bei Nahe-Null anfangen und einen Klub radikal und konsequent nach seinem Bild formen konnte.

Darum ist Favre bei Gladbach als Langzeitprojekt ein überaus spannendes Experiment.

Wenn es nicht in der Zweiten Liga starten soll, muss Favre aber ein bisschen Neururer in sich entdecken.

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