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Michael Zorc gewann als Spieler mit Borussia Dortmund 1997 die Champions League © getty

Michael Zorc spricht im Interview über Dortmunds Gründe für den Titel-Maulkorb und den Unterschied zwischen 2002 und 2011.

Von Martin Volkmar

Dortmund - Michael Zorc weiß sehr gut, wie sich die Meisterschale anfühlt.

1995 und 1996 reckte das Dortmunder Urgestein den silbernen Teller als Spieler und Kapitän in die Luft.

2002 feierte er seinen bisher einzigen Titel als Sportdirektor des BVB.

Dem könnte in diesem Sommer ein zweiter folgen, schließlich hat sich an der hervorragenden Ausgangssituation von Herbstmeister BVB trotz drei Unentschieden in fünf Rückrundenspielen fast nichts geändert. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Zehn Punkte Vorsprung

Der Vorsprung auf Bayer Leverkusen beträgt vor dem 23. Spieltag mit dem Heimspiel gegen St. Pauli (Samstag, ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) immer noch zehn Punkte.

Der auf den FC Bayern ist bei 13 Zählern nur um einen geringer als nach der Hinrunde.

Und doch will Zorc, Baumeister der jungen, spielstarken Dortmunder Mannschaft von Glückwünschen weiterhin nichts wissen.

Er wolle nicht über "weit entfernte Ziele philosophieren", sagt Zorc im SPORT1-Interview.

Zudem spricht er über den Paradigmenwechsel nach der Fast-Pleite 2005, die Gefahr des Auseinanderfallens der Mannschaft und den Glücksfall Jürgen Klopp.

SPORT1: Sie sind seit 32 Jahren im Verein und haben vor einer Woche Ihren Vertrag als Sportdirektor bis 2014 verlängert. Ist der BVB eine Herzensangelegenheit für Sie?

Michael Zorc: Ja, ich bin in Dortmund geboren, habe seit meinem 16. Lebensjahr bei Borussia Dortmund gespielt und bin jetzt schon lange Zeit als Sportdirektor tätig. Bisher habe ich mir noch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, den Klub zu verlassen.

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SPORT1: Warum?

Zorc: Ich glaube, dass wir uns zum einen sportlich auf dem richtigen Weg befinden, aber auch inhaltlich in der personellen Situation gut zusammen arbeiten. Deshalb ist es für mich folgerichtig, bei Borussia Dortmund weiterzumachen.

SPORT1: Sie standen vor einigen Jahren wegen Ihrer Transfer-Politik massiv in der Kritik, heute ist das Gegenteil der Fall. Tut Ihnen das gut?

Zorc: Es ist natürlich angenehmer. Im Fußball ist alles sehr, sehr schnelllebig. Da gibt es nun mal Phasen, in denen es besser und in denen es nicht so gut läuft, in denen auch mal das Glück fehlt. Damit muss man umgehen können.

SPORT1: Sind Sie nach der Fast-Pleite 2005 letztlich zu Ihrem Glück gezwungen worden?

Zorc: Die 90er Jahre bis zum Meisterjahr 2002, in dem wir auch das UEFA-Cup-Endspiel erreicht haben, waren eine völlig andere Zeitrechnung, in der unter ganz anderen Bedingungen gearbeitet wurde. Heute geht es darum, unter den aktuellen Rahmenbedingungen sportlich konkurrenzfähig zu sein. Und ich glaube, da haben wir einen guten Weg gefunden.

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SPORT1: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, nach den Mega-Transfers zu Beginn Ihres Jobs. wie etwa Marcio Amoroso, kleinere Brötchen zu backen?

Zorc: Es ist klarer Paradigmenwechsel eingetreten, die Vorgaben sind heute deutlich anders. Ich empfinde es als reizvolle Aufgabe, in einem klar umrissenen Rahmen den bestmöglichen sportlichen Erfolg zu haben, ohne ein wirtschaftliches Risiko einzugehen. Diesen Weg gehen wir nun schon einige Jahre, und es macht Spaß, diese Entwicklung zu sehen.

SPORT1: Stimmt es, dass Sie in diesem Zusammenhang Jürgen Klopp als Ihren besten Transfer ansehen?

Zorc: Ja, für einen bestimmten Zeitraum ist der Trainer eben die zentrale Figur eines Klubs. Jürgen Klopp hat es geschafft, gerade in einer Phase, in der es uns nicht gut ging, als wir doch ziemlich am Boden lagen, das Umfeld positiv zu besetzen. Und er hat unsere Mannschaft extrem weiterentwickelt.

SPORT1: Dennoch fürchten manche bei anhaltendem Erfolg einen drohenden Ausverkauf des jungen Teams. Was antworten Sie?

Zorc: Wir haben eine klare Philosophie: Wir möchten diese Mannschaft, die so gut Fußball spielt und den Fans so viel Freude macht, zusammenhalten und weiterentwickeln. Und ich denke, dass bei uns in Dortmund die Bedingungen absolut stimmen.

SPORT1: Die Mannschaft wird für Ihren Höhenflug von allen Seiten geliebt. Wie gehen Sie damit um?

Zorc: Es ist einfach eine Anerkennung für das, was das Team in der Saison bislang geleistet hat. Ich glaube, da gibt es auch keine zwei Meinungen. Die Mannschaft hat bisher ganz hervorragend Fußball gespielt und teilweise auch stark dominiert. Aber die Spieler wissen natürlich auch, dass eine Saison ein sehr langer Wettlauf ist und dass die Meisterschaft noch nicht jetzt vergeben wird.

SPORT1: Die beiden letzten BVB-Meistertrainer Ottmar Hitzfeld und Matthias Sammer gratulieren dennoch praktisch schon zur Meisterschaft. Können Sie denen widersprechen?

Zorc: Es ist schön, dass wir so wahrgenommen und von den Experten anerkannt werden. Aber all diese Fachleute sind genauso lange in der Bundesliga tätig wie ich und wissen, dass wir uns erst am 23. Spieltag befinden und dass es diese Konstellation mit solch einer extrem jungen Mannschaft an der Spitze vorher in der Historie noch nie gegeben hat. Insofern tut es uns gut, uns auf die nächstliegende Aufgaben zu konzentrieren und nicht über große, weit entfernte Ziele zu philosophieren.

SPORT1: Ihre Marschroute lautet also weiterhin Taten statt Worte sprechen zu lassen?

Zorc: Warum sollten wir das ändern?!

SPORT1: Sind Sie eigentlich bei den letzten drei Meisterschaften, die Sie ja hautnah miterlebt haben, auch so defensiv an das Thema gegangen?

Zorc: Die Mannschaften kann man nicht miteinander vergleichen. Wir hatten damals ein sehr erfahrenes Team aus deutschen Nationalspielern und internationalen Top-Spielern wie Julio Cesar, die einfach von ihrem Selbstverständnis schon immer um die Meisterschaft gespielt haben. Heute haben wir eine Elf mit vielen jungen Spielern wie Mario Götze, Kevin Großkreutz oder Sven Bender, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen.

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