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Reiner Calmund (l.) tröstet Dimitar Berbatov nach dem verpassten Titel 2002 © getty

Im zweiten Teil des Sport1.de-Interviews erinnert sich Reiner Calmund an Daums Koks-Affäre und das Drama der drei verpassten Titel 2002.

Sport1.de: 2000 in Unterhaching war Bayer so gut wie Meister und schaffte es dann doch nicht. Welche Erinnerung haben Sie daran?

Calmund: Bei diesem 0:2 haben den Spielern wie Jens Nowotny, Michael Ballack oder Kirsten die Nerven versagt. Das war eine Topmannschaft. Die Schale war zum Greifen nah und der Fußballgott hat draufgehauen. Wir sind auf Grund des schlechten Torverhältnisses hinter Bayern München Zweiter geworden. Das war bitter.

Sport1.de: Kurz danach kam die Koks-Affäre mit ihrem Trainer Christoph Daum?

Calmund: Das war ein Hammer und hat mich aus den Schuhen gehauen. Ich hätte es mir nicht vorstellen können, denn er hat damals schon moderne Trainingsmethoden eingeführt. Wir haben mit einem Schweizer Labor biochemische Untersuchungen an den Spielern von Blut, Urin usw. durchgeführt. Und Daum war immer vorne weg.

Sport1.de: Dachten Sie an Rücktritt?

Calmund: Ich habe von Daums Aktivitäten nichts gewusst, habe aber bei dem Vorstand der Bayer AG gesagt, dass ich als sein Vorgesetzter dafür die Verantwortung übernehme und die Konsequenzen ziehe und zurücktrete. Davon hat man aber Abstand genommen. Mittlerweile habe ich mit Christoph Daum wieder ein freundschaftliches Verhältnis und darüber bin froh.

Sport1.de: 2002 hatten Sie mit Leverkusen in drei Wettbewerben die Chance und standen am Ende mit leeren Händen dar, warum?

Calmund: Wir haben damals nach Meinung aller Experten mit den schönsten offensiven Fußball gespielt. Doch wir konnten die Ausfälle von Nowotny, der sich im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United einen Kreuzbandriss zugezogen hat ebenso wenig kompensieren wie die Sperre für Ze Roberto im Finale gegen Real Madrid. Aber die Deutsche Meisterschaft hat uns zuvor das Viertelfinale gegen Liverpool gekostet. Wir sind in der Champions League weitergekommen, aber in den vielen englischen Wochen hat dieser kleiner Kader zuviel Kraft gelassen. Da hatten die anderen Bundesligamannschaften das bessere Material, die nötige Frische und haben keine Schwächen gezeigt. Es tut bis heute weh, dass ich nie Deutscher Meister geworden bin.

Sport1.de: Zwei Jahre später folgte die Trennung von Bayer. Warum?

Calmund: Ich hatte 2001 angekündigt, nur noch bis 2006 als Manager tätig zu sein und schon zwei Jahre vorher meine Ämter an meinen Wunschkandidaten Rudi Völler abzugeben. Ich habe mich mit der Qualifikation für die Champions League verabschiedet. Das war der richtige Zeitpunkt.

Sport1.de: 2006 gerieten Sie durch Bayer-Affäre noch einmal in die Schlagzeilen und es heißt, Sie seien zwei Jahre zuvor nicht freiwillig abgetreten. Wie sehr haben Sie die Anschuldigen, die später entkräftet wurden, getroffen?

Calmund: Das war unnötiger Dreck, der auf mich geworfen wurde. Denen, die mich ins Verderben reiten wollten, widme ich kein Wort. Das ist Vergangenheit und kein Pappenstiel. Der Verein hat mir viel zu verdanken und ich habe dem Klub viel zu verdanken. Ich bin optimistisch und freue mich, wie sich der Klub momentan entwickelt.

Sport1.de: Trauen Sie dem aktuellen Bayer-Kader die Deutsche Meisterschaft zu?

Calmund: Ich habe sie ein paar Mal gesehen und sie können es schaffen. Das ist eine junge Mannschaft mit viel Potenzial, die schönen Spaßfußball spielt. Wichtig ist, dass sie in einem Rhythmus bleibt und keine Verletzungen bekommt. Außerdem hat sie das Glück, dass sie international nicht gefordert ist und gut regenerieren kann.

Sport1.de: Sie waren trotz vieler Angebote nie wieder bei einem Fußballklub als Manager tätig. Warum nicht?

Calmund: Ich habe am letzten Spieltag 2004 abends zu meiner Frau gesagt, ich höre komplett auf und helfe nur noch aus, wenn Not am Mann ist. Und dann auch nur für begrenzte Zeit, bis junge Leute in die Positionen eingearbeitet sind. Dinosaurier wie ich sterben aus, denn es ist eine andere Zeit. Die jungen Manager wie Horst Heldt in Stuttgart haben mich restlos überzeugt, machen einen prima Job.

Sport1.de: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Calmund: Ich nehme die nächsten 30 Jahre in Angriff. Ich habe eine Kolumne, mache Fernsehen und arbeite an der Deutschen Sporthochschule in Köln an einem Scoutingprojekt mit. Und hier und da eine besondere Aktion wie WM- und EM-Botschafter. Natürlich auch ein bisschen Familie mit meiner Frau, den fünf Kindern und drei Enkeln. Ich will mit Lebensqualität gut über die Runden kommen.

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