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Per Mertesacker kam 2006 von Hannover 96 zu Werder Bremen © getty

Werder Bremen erlebt in Hamburg das nächste Groß-Debakel - und gibt auch bei den Erklärungsversuchen kein gutes Bild ab.

Von Martin Hoffmann

München/Hamburg - Von Jörg Berger hieß es einmal, er hätte auch die Titanic gerettet.

Über Felix Magath wurde gesagt, dass er die Passagiere zumindest topfit gehalten hätte.

Über Klaus Allofs kann man in diesem Sinne sagen, dass er Schiffsreisenden wohl das Gefühl zu vermitteln hätte, dass das mit dem möglichen Untergang kein Grund zur Beunruhigung ist.

Mit 0:4 wurde sein Team im Traditions-Derby beim Erzrivalen Hamburger SV abgeschossen und gedemütigt.

Doch Allofs schaffte hinterher das Kunststück, auch das nicht wie das große Drama wirken zu lassen. 353701(DIASHOW: Der 23. Spieltag)

"Nicht zu erklären"

Er sprach zwar harte Worte aus: Dass er "enttäuscht" wäre.

Dass viele Spieler "heute nicht beweisen konnten, dass sie in diese Mannschaft gehören".

Und dass "nicht zu erklären" sei, warum "erfahrene Spieler die Fehler machen" würden.

Aber er trägt das alles im Ton weiter so gelassen und routiniert vor, dass einem bei seinem Anblick schon nicht mehr auffällt, dass sein Verein in der sportlichen Existenz erschüttert ist.

Eine 0:4-Klatsche beim HSV: Das gab es zuletzt, als Thomas Schaaf noch mit Rune Bratseth und Wynton Rufer auf dem Feld stand. 1989 war das.

24 Punkte nach 23 Spielen: So schlecht stand Werder (auf die alte Punkteregel umgerechnet) nicht mal in der Abstiegssaison da, als Schaaf noch ein 19 Jahre altes Nachwuchstalent war. 1980 war das. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Trotz allem wird 31 Jahre später aber weiterhin nicht an der Verbindung Schaaf - Werder gerüttelt.

Trainerfrage weiter kein Thema

"Thomas Schaaf steht nicht zur Disposition", sagt Allofs weiterhin.

Was man stattdessen gegen die Krise tun würde? Das Rezept lautet in der Essenz "weiter arbeiten". Ein Mantra, das mit jedem Debakel hohler klingt, in das sich Bremen mit der Weiterarbeit begibt.

"Wir beschönigen ja nichts", meinte Schaaf entschuldigend: "Wir stellen uns der Kritik und versuchen uns zu wehren."

Ein Vorhaben, dass im Moment aber "nicht wunderbar glückt".

Ein dysfunktionaler Torso

Wohl wahr: Schaafs Team präsentierte sich beim Erzrivalen einmal mehr als dysfunktionaler Torso.

Dem hinten ein stabilisierendes Rückgrat fehlt, in der Mitte das Herz und vorne ohne den erneut verletzten Claudio Pizarro die vollstreckenden Gliedmaßen.

Und die Moral, gegen einen Rückschlag anzukämpfen wie das 0:1 kurz vor der Pause durch Mladen Petrics Traumvolley "aus heiterem Himmel" (Schaaf).

"Nach dem zweiten Gegentor haben wir uns leider nicht mehr gewehrt", sprach der Coach das Offensichtliche aus.

Mertesacker wie Daffy Duck

Ein Werder-Team voller aktueller und ehemaliger Nationalspieler wie Frings, Marin, Hunt und Fritz trat auf, als hätte er sich für einen Kostümball als nicht erstligareifer Aufsteiger verkleidet.

Besonders gut war dabei Per Mertesackers Tarnung.

Vor dem Hamburger 2:0 durch Paolo Guerrero ließ er sich von Mladen Petric den Ball wegnehmen und übertölpeln wie einst Daffy Duck von Bugs Bunny. Beim 1:0 druch Petric und beim 3:0 durch Guerrero übernahm er ebenfalls tragende Rollen.

Mertesacker sah nicht besser aus, als er hinterher mit leerem Blick in die Fernsehkameras erklärte:

"Man muss seine Lehren daraus ziehen, damit habe ich zukunftstechnisch keine Probleme." Wobei er offen einräumte, "absoluten Mist" gespielt zu haben.

Torsten Frings ätzte derweil ans Kollektiv gerichtet: "Wenn Spieler immer wieder diese Fehler machen, dann darf man mal die Frage stellen, ob sie es überhaupt noch können."

Wobei sich der Kapitän dabei sicherlich nicht ausschließen kann.

Vehs Maßnahmen greifen

In dieser Verfassung war Bremen die beste Medizin für einen Hamburger SV, der nach der historischen Derby-Pleite gegen St. Pauli selbst in schweren Turbulenzen war.

Trainer Armin Veh sammelte wieder Kredit mit spektakulären Personalmaßnahmen, die durch den Spielverlauf bestätigt wurden.

Eljero Elia aus dem Kader, Marcell Jansen, David Jarolim und Ruud van Nistelrooy auf die Bank.

Guerrero, der anstelle von "Van The Man" spielte, bestätigte mit seinen beiden Toren Vehs Kurs - und ließ vergessen, dass er sich vorher in Bremens Abseitsfalle häuslich eingerichtet hatte.

Die sich abzeichnende Verpflichtung von Frank Arnesen als Schlusspunkt der ewigen Sportdirektor-Suche wird das gelungene Hamburger Wochenende abrunden.

Fans stoppen Werder-Bus

In Bremen herrscht dagegen Frust pur. Rund 250 Anhänger stoppten den Mannschaftsbus nach der Rückkehr am Weser-Stadion und diskutierten heftig mit dem kleinlauten Team.

"Es ist absolut korrekt, wie die Fans sich Gehör verschafft haben. Man hat ihnen die große Sorge um die aktuelle Situation bei Werder deutlich angemerkt", zeigte Allofs vollstes Verständnis.

Das liegt wohl auch daran, dass den für die Zusammenstellung verantwortlichen Sportchef der wachsende Unmut mehr trifft als Schaaf.

Deshalb wundert es auch nicht, dass Allofs zumindest bei einem Thema die gewohnten Rhetorik-Bahnen verließ:

"Das ist eine große Formulierung, aber: Ich muss um Vergebung bitten bei den Fans."

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