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SPORT1-Redakteur Julian Meißner (l.) im Gespräch mit 1899-Trainer Marco Pezzaiuoli © getty

1899-Coach Marco Pezzaiuoli spricht im SPORT1-Interview der Woche über Vorbilder, Philosophie und seine mittelfristigen Ziele.

Aus Sinsheim berichtet Julian Meißner

Sinsheim - Er ist der Wunschkandidat Dietmar Hopps.

Schnell war klar, dass Marco Pezzaiuoli den Job als Hoffenheimer Trainer übernehmen würde, nachdem am Neujahrstag der Abschied Ralf Rangnicks von der TSG publik wurde.

Bevor der 42-jährige Mannheimer im Juli 2010 als Assistent unter Rangnick anfing, arbeitete er von 1991 bis 2003 als Jugendtrainer, Jugendkoordinator, Co-Trainer und für ein Spiel sogar als Interimstrainer beim Karlsruher SC.

Danach folgten Stationen bei den Suwon Samsung Bluewings in Südkorea und ab 2007 beim DFB.

In Hoffenheim hat er nun bis zum Sommer 2013 als Chefcoach unterschrieben, dazu gibt es eine Verlängerungsoption um ein weiteres Jahr.

SPORT1 traf den Sohn eines Italieners und einer Niederländerin, der die deutsche U-17-Nationalmannschaft 2009 zum EM-Titel führte, im Trainingszentrum der TSG in Zuzenhausen.

Im Interview spricht Pezzaiuoli über Vorbilder, die Hoffenheimer Philosophie und seine mittelfristigen Ziele mit dem Klub nach der Ära Rangnick.

SPORT1: Herr Pezzaiuoli, wie haben Sie sich in Ihre neue Rolle als 1899-Cheftrainer eingelebt?

Marco Pezzaiuoli: Die Unterschiede sind gar nicht so groß. Nur: Als Co-Trainer ist man eher Zuarbeiter. Man fällt als Cheftrainer nun eben selbst die Entscheidungen. Aber es ist nichts Neues für mich, Verantwortung zu übernehmen und auch in der ersten Reihe zu stehen.

SPORT1: Haben Sie lange überlegen müssen, ob Sie den Job annehmen?

Pezzaiuoli: Natürlich stellt man sich viele Fragen, wenn man vor einer neuen Aufgabe steht. Aber eine positive Grundrichtung war schnell da. Ich kenne ja den Verein. Und das Ziel, als Bundesligatrainer zu arbeiten, hatte ich schon in jungen Jahren.

SPORT1: Wie bewerten Sie den Start Ihrer Mannschaft in die Rückrunde?

Pezzaiuoli: Zufriedenstellend, angesichts der Begleitumstände. Wir sind in der Liga noch vorne dabei, leider im Pokal ausgeschieden. Beim 1:1 gegen Köln hat die Mannschaft die richtige Reaktion auf das Spiel in München gezeigt. Es ist natürlich sehr ärgerlich, dass wir die drei Punkte nicht hierbehalten konnten.

SPORT1: Hat sich die Lage nach den Turbulenzen der Winterpause nun endgültig beruhigt?

Pezzaiuoli: Ja, auf jeden Fall. Wir haben ja schon im Trainingslager in La Manga in Ruhe gearbeitet. Aber die Wechsel haben natürlich Folgen: Die Hierarchie, das Zusammenspiel, die Automatismen, all das muss sich erst entwickeln. Die Neuzugänge kamen ja sehr spät zum Team.

SPORT1: Wie sehen Sie bis dato die Neuen?

Pezzaiuoli: Alle drei sind starke Spieler, das ist unbestritten. Ryan Babel hat gute Leistungen gebracht und gezeigt, dass er uns nach vorne bringen kann. Auch Edson Braafheid sehe ich sehr positiv. Er hatte einen unglücklichen Einstand, hat sich aber gut eingefügt. Und David Alaba ist ein Riesentalent, allerdings ist er erst 18 Jahre alt. Das darf man nicht vergessen. Nicht zu vergessen Firmino, der eine Art Vorgriff auf die neue Saison gewesen ist.

SPORT1: Alaba ist von den Bayern ausgeliehen. Würden Sie ihn gerne länger halten?

Pezzaiuoli: Wenn es so kommt, wären wir nicht unglücklich. Louis van Gaal sagte ja letztens, die Bayern hätten ein Überangebot an zentralen Mittelfeldspielern.

SPORT1: Ist die Mannschaft nun besser oder schlechter als vor der Winterpause?

Pezzaiuoli (lacht): Sie ist anders. Mit Luiz Gustavo haben wir jemanden abgegeben, der menschlich wie sportlich eine echte Persönlichkeit ist. Die Neuen müssen erst in ihre Rolle im Team hineinwachsen.

SPORT1: Wie definieren Sie die Ziele für den Rest der Saison?

Pezzaiuoli: Wir müssen das Fundament schaffen, das ist der Klassenerhalt. Darauf kann man dann aufbauen und neue Ziele definieren.

SPORT1: Aber Sie haben den europäischen Wettbewerb noch im Hinterkopf?

Pezzaiuoli: Erst, wenn das Fundament da ist.

SPORT1: Wo soll 1899 als Ausbildungsverein mit Ihnen mittelfristig hinkommen?

Pezzaiuoli: Hoffenheim ist kein Ausbildungsverein. Dieser Begriff ist mittlerweile leider negativ besetzt. Das hört sich so an, als würden wir Spieler ausbilden, und die anderen Klubs dürfen sich dann bedienen. Wir sind ein Verein, der eine eigene Philosophie hat: Wir wollen offensiven, atraktiven und erfolgreichen Fußball spielen, der die Fans begeistert. Dabei setzen wir auf junge Spieler, die langfristig zu einem großen Teil aus dem eigenen Nachwuchs kommen sollen.

SPORT1: Und wo soll es nun hingehen?

Pezzaiuoli: Ich möchte mit dem Team in der Bundesliga bleiben, die Mannschaft weiterentwickeln und unser Bestreben darf dann auch sein, vielleicht mal international spielen.

SPORT1: Dietmar Hopp hat angekündigt, dass der Verein bald ohne seine Subventionen klarkommen soll. Wird man zukünftig noch mehr auf eigene Spieler setzen müssen?

Pezzaiuoli: Wir investieren ja schon extrem viel in die Nachwuchsarbeit. Aber bis man die Früchte erntet, dauert es eben eine Weile. Wir spielen in allen Alterstufen in den obersten Klassen, stellen diverse Jugendnationalspieler ab. Wir sind also auf einem guten Weg.

SPORT1: Hatten oder haben Sie Trainer als Vorbilder?

Pezzaiuoli: Es gibt immer Leute im Leben, sei es im Sportlichen oder im Privaten, von denen man etwas lernen kann. Von den Großen kann man sich sicher etwas abschauen: Louis van Gaal oder Josep Guardiola heute, Johan Cruyff oder Arrigo Sacchi früher.

SPORT1: Sie haben ja schon mit einigen zusammengearbeitet. Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Pezzaiuoli: Eigentlich habe ich immer mein eigenes Ding gemacht. Punktuell nimmt man sicher etwas mit, wie zum Beispiel besondere Ansprachen oder Details aus der Trainingsarbeit. Matthias Sammer und Joachim Löw waren wichtig für meine Entwicklung.

SPORT1: Sie haben unter anderem in Südkorea gearbeitet. Was haben Sie von dort mitgenommen?

Pezzaiuoli: Das Streben nach Erfolg. Die Zielstrebigkeit der Menschen dort ist noch viel ausgeprägter als hier.

SPORT1: Hilft Ihnen Ihr eigener multikultureller Hintergrund bei der Arbeit mit Spielern aus aller Herren Länder?

Pezzaiuoli: Ich denke schon, dass das Aufwachsen mit verschiedenen Kulturen und Charakteren einen persönlich weiterbringt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, mein Vater ist Italiener, meine Mutter Holländerin. Und die Bedeutung sozialer Kompetenz im Trainerjob ist fast noch höher einzuschätzen als fußballtechnische und -taktische Dinge.

SPORT1: Zu Letzterem: Wie spielt Ihr perfektes Team?

Pezzaiuoli: Attraktiven Fußball und vor allem variabel. Sehr kompakt und stark gegen den Ball. Mit präzisem und schnellem Passspiel zum Torerfolg kommen.

SPORT1: Soviel zur Theorie. Und nun Hand aufs Herz: Wo landet 1899 am Saisonende?

Pezzaiuoli: Letztes Jahr waren wir Elfter. Unser Ziel muss trotz der Abgänge im Winter sein, eine bessere Platzierung als im Vorjahr zu erreichen.

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