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Jürgen Klopp wechselte im Jahr 2008 von Mainz 05 zu Borussia Dortmund © imago

Der Auftritt des BVB in München nötigt selbst dem Gegner Lob ab. Einfach, aber effektiv coachte Klopp sein Team zum Sieg.

Von Matthias Becker

München - Den Durchblick hatte Jürgen Klopp trotz seines Jubel-Unfalls nicht verloren.

"Ich bin Vollprofi und habe immer Ersatz dabei", kommentierte der Trainer von Borussia Dortmund jene Szene, als sein Kapitän Nuri Sahin ihm im Überschwang der Gefühle die Brille von der Nase geschlagen hatte.

Das Glas überstand Sahins Angriff auf Klopp nicht, den interessierte das aber nicht - obwohl er auf eine Historie als Brillenmann des Jahres zurückblicken kann.

Denn der 3:1-Erfolg des BVB im Spitzenspiel beim FC Bayern geht in die persönliche Bilanz des Trainers Klopp wahrscheinlich als größter Sieg ein.

Die von ihm abgerichteten Himmelsstürmer in Schwarz-Gelb setzten in der Allianz Arena einen Plan um, der auch dem Gegner höchstes Lob abnötigte.

"Dortmund hat ein super Pressing entwickelt. Wir konnten nicht rausspielen", bekannte Bayern Trainer Louis van Gaal. Der lässt normalerweise keine neben seiner eigenen Idee vom Spiel gelten.

Für Klopp gab es nach dem Spiel aber einen anerkennenden Schulterklopfer.

Ribery und Robben abgmeldet

Der BVB schaffte es, die beiden Hauptschlagadern des FC Bayern, Franck Ribery und Arjen Robben, abzuklemmen.

"Was willst du dich da aufbäumen?", fragte Thomas Müller nach der Lehrstunde resigniert, "die Dortmunder arbeiten so gut gegen den Ball, Arjen und Franck waren immer zugestellt."

Während Ribery auf links nur ein paar Mal bis zur Grundlinie durch kam, war Robben auf rechts komplett abgemeldet.

Schmelzer und Großkreutz bärenstark

Das lag am perfekten Zusammenwirken der Jungnationalspieler Kevin Großkreutz und Marcel Schmelzer. Offensivmann Großkreutz war sofort an Schmelzers Seite, wenn Robben den Ball bekam.

[kaltura id="0_ar1tg9za" class="full_size" title=" Habe keine Erfahrung im Meisterkampf "]

Zu zweit stellten sie den Niederländer kalt, auf der gegenüberliegenden Seite gelang Mario Götze und Lukasz Piszczek meist dasselbe mit Ribery.

Robben war dermaßen entnervt, dass er sich kurz vor Schluss aus lauter Verzweiflung zu einer Schwalbe hinreißen ließ.

70 Prozent Ballbesitz für Bayern

Einfach, aber effektiv, so hatte Klopp seine Truppe eingestellt. Er versuchte erst gar nicht, die hohen Ballbesitzwerte der Bayern zu verhindern, sondern ließ seine Elf erst kurz hinter der Mittellinie die Querpässe der Gastgeber erwarten.

70 Prozent Ballbesitz häuften die Münchner an, ein Muster ohne Wert, weil die gesamte Dortmunder Mannschaft auf entscheidende Ballverluste wie den Bastian Schweinsteigers vor dem 1:0 lauerte und dann überfallartige Angriffe startete.

"Wir waren nicht schlau genug und haben uns zu viele individuelle Fehler geleistet", analysierte van Gaal. Der eloquente Klopp brachte es auf eine einfache Formel:

"Wir waren konsequent, frech und im richtigen Moment mutig."

Erneute Umstellung in der Abwehr

Konsequent nutzten die Dortmunder vor allem die Schwächen in der Bayern-Abwehr aus.

Dieses die ganze Saison über fragile Gebilde wurde im Vergleich zum 1:0-Sieg bei Inter Mailand einmal mehr umgestellt. Luiz Gustavo mühte sich gegen den flinken Götze ab, während Pranjic im defensiven Mittelfeld weitgehend unterging.

In umgekehrter Konstellation hatten die Bayern wenige Tage zuvor Inter Mailand unter Kontrolle gehalten.

Der indisponierte Holger Badstuber sah bei den ersten beiden Gegentoren nicht gut aus und musste in der Kabine bleiben - was durch Brenos Hereinnahme eine weitere Umstellung zur Folge hatte.

Lattek kritisiert van Gaal

Beim 3:1 ging dann ausgerechnet Schweinsteiger ins Kopfballduell mit Mats Hummels.

"Schweinsteiger ist bekanntermaßen kein Kopfballspieler. Wenn man ihn gegen Hummels bei einer Ecke spielen lässt, ist das eine totale Fehlbesetzung", rügte Udo Lattek FCB-Coach van Gaal im SPORT1-Doppelpass.

"Das war teilweise eine Lehrstunde für den FC Bayern", sagte Ex-Kapitän Oliver Kahn im "ZDF". Die Abwehr habe "fast wie ein Hühnerhaufen agiert".

Fragen nach seinen taktischen Maßnahmen bügelte van Gaal am Samstagabend aber brüskiert ab.

Zwölf Punkte Vorsprung

Jürgen Klopp dürfte das herzlich egal sein. Er bleibt trotz bestandener Meisterprüfung bei der "Von-Spiel-zu-Spiel"-Diktion und will vom Titel trotz inzwischen zwölf Punkten Vorsprung auf Platz zwei nichts wissen.

"Es war ein ganz großartiger Tag für uns", sagte er einfach nur. Und den Verlust des Nasenfahrads hatte er auch schon verkraftet:

"Mit meiner Ersatzbrille sehe ich viel besser."

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