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Sven Ulreich spielte bisher 39 Mal für den VfB Stuttgart in der Bundesliga © getty

Erst degradiert, dann wieder zurückgeholt: Dass Sven Ulreich wieder im VfB-Tor steht, hat wenig mit Labbadias "Schachzug" zu tun.

Von Andreas Berten

München/Stuttgart - Geschichte wiederholt sich. Immer und immer wieder.

Folgendes Szenario: Ein junger Torwart bekommt die Chance, sich beim Bundesligisten zu profilieren. Er schafft's nicht ganz, wird ausgemustert, bekommt aber später eine zweite Chance. Und scheitert erneut.

Der Name Michael Rensing schießt einem da sofort durch den Kopf. Richtig, aber mit Sven Ulreich vom VfB Stuttgart hat nun ein zweiter hoffnungsvoller Schlussmann diese Tortur durchgemacht.

Vor dem Europapokal-Spiel gegen Benfica Lissabon von Bruno Labbadia degradiert, dann für den verletzten Nachfolger Marc Ziegler wieder eingesprungen und am Sonntag schon wieder gefeierter Held - für einen 22-Jährigen wie Ulreich eine nicht leicht zu verarbeitende emotionale Berg- und Talfahrt.

Labbadia und sein "genialer Schachzug"

Es ist einem jungen Mann daher auch nicht übel zu nehmen, wenn er sich nach diesen ereignisreichen Tagen, die mit etlichen Paraden beim 2:0-Sieg im Keller-Duell in Frankfurt ihren Höhepunkt finden, bei der Rückschau ein wenig verbal vergreift. 357096(DIASHOW: Der 24. Spieltag)

"Jung und erfahren gibt es im Fußball nicht", sagte Ulreich nach 30 entschärften Schüssen auf sein Tor, als er sein Comeback und die von vielen unerwartete Leistungssteigerung erklären sollte, "das gibt es nur auf dem Straßenstrich."

Glaubt man seinem Trainer, ist diese eher gewagte Einschätzung Teil eines Plans. Bruno Labbadia genierte sich jedenfalls nicht, als er den Torwarttausch als einen genialen Schachzug verkaufte.

Raus für Ziegler, rein für Ziegler

"So verrückt es klingt, aber die zwei Tage, in denen er draußen war, haben ihm sehr gut getan", erklärte Labbadia. Wenige Tage zuvor habe der Coach sogar jede Menge Erleichterung in den Augen Sven Ulreichs gesehen, als er diesem seine Degradierung mitgeteilt habe.

Nun nimmt Bruno Labbadia jedoch niemand ab, dass er die anschließende Gehirnerschütterung von Ulreich-Ersatz Marc Ziegler im Europa-League-Spiel gegen Benfica Lissabon vorab einkalkuliert hat.

Denn eigentlich sollte der routinierte Ziegler den VfB bis zum Saisonende zwischen den Pfosten durch den Abstiegskampf führen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Die personelle Not zwingt Labbadia nun dazu, seine Wieder-Nummer-Eins moralisch aufzubauen: "Die Wut und Aggressivität haben ihn stark gemacht, er hat den Rucksack abgelegt und gezeigt, welche Qualität er hat."

Träsch: "Ulle war Weltklasse"

Während Teamkollege Christian Träsch seinem Keeper zumindest an diesem Tag das Prädikat "Weltklasse" verlieh, äußerte sich auch Uli Stein lobend über Sven Ulreich.

"Er hat in beiden Spielen eine sehr gute körperliche Ausstrahlung gehabt", sprach der frühere Nationalkeeper den "Stuttgarter Nachrichten" von einem Schuss vor den Bug zur rechten Zeit, "aber wenn Sven so weitermacht, dann gibt es keine Torwartdiskussion mehr in Stuttgart."

Und auch VfB-Manager Fredi Bobic ließ gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" nicht unerwähnt, es gebe Spieler, "die sich in so einer Situation gehen lassen und im Tunnel vergraben". Ulreich habe "die Wut und Enttäuschung ins Positive" umgekehrt.

Die Angst vor dem Scheitern

Für so junge Spieler ist es oftmals nicht leicht, mit dem auf ihnen lastenden Druck umzugehen. Patzt ein Stürmer, leitet der Gegner schlimmstenfalls erstmal einen Gegenangriff ein. Greift der Torhüter daneben, fällt gleich ein Tor. Die Angst vor dem Scheitern ist groß.

Vielleicht war es auch an der Zeit, dass die junge Torhütergilde nach den nahtlos vollzogenen Generations-Wechseln in Schalke (Manuel Neuer) und Leverkusen (Rene Adler) auch mal vor Augen geführt bekommt, dass nicht alles von alleine funktioniert.

Michael Rensing hielt dem Druck in München nicht Stand, in Hannover hat Mirko Slomka seinen Keeper Florian Fromlowitz durch Ron-Robert Zieler ersetzt. Und Sven Ulreichs Glück war das Pech seines Konkurrenten.

"Wichtig für uns - und für mich"

Einen Seitenhieb in Richtung des Trainers konnte sich Ulreich, der vor drei Jahren erstmals seinen Stammplatz in Stuttgart verloren hatte, aber nicht verkneifen: "Ich wusste immer, dass ich es kann. Es war ein wichtiger Sieg für uns - und für mich."

Bruno Labbadia wird's gelassen sehen - war doch schließlich alles Teil seines Plans.

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