Die Entlassung des Bayern-Trainers ist wohl eine Frage der Zeit. Bei der Nachfolger-Suche stehen die Münchner vor einem großen Rätsel.

In zehn Tagen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Das ist selbst für den FC Bayern München und sein aufgeregtes Umfeld rekordverdächtig.

Vor gut eineinhalb Wochen wähnten sich die Münchner trotz Schwierigkeiten in der Liga nach dem 1:0 im Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Inter Mailand auf dem Weg zu neuen Wundertaten wie im rauschhaften Frühling 2010.

Drei Pflichtspielniederlagen in Folge später stürzt der Rekordmeister in eine fast existenziell wirkende Krise. Das 1:3 gegen Hannover 96 war ein Offenbarungseid.

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Beim 1:3 vor einer Woche gegen Borussia Dortmund spielten sich die Bayern wenigstens noch Torchancen heraus. Bei der 0:1-Niederlage im Pokal-Halbfinale gegen Schalke ließen sie hinten außer dem Gegentor immerhin wenig zu.

In Hannover war: gar nichts!

Der Ruf nach der Entlassung von Trainer Louis van Gaal ist da nur logisch ? und dürfte ziemlich schnell Gehör finden. Auf Treuebekenntnisse zum niederländischen Coach verzichtete Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge am Samstag.

Am Sonntag wolle man sich in aller Ruhe zusammensetzen und "rational entscheiden". Das hat für einen Trainer selten etwas Gutes zu bedeuten.

Und an der Krise der Bayern trägt van Gaal ja auch eine Mitschuld. Er setzt auf einen sehr kleinen Kreis etablierter Spieler. Einige, wie der völlig indisponierte Holger Badstuber oder der glücklose Thomas Müller, wirken dadurch überspielt.

Zudem verprellt van Gaal mit dieser Vorgehensweise verdiente Reservisten, die teils sogar Reißaus nehmen wie der damalige Kapitän Mark van Bommel.

Die Abstimmungsprobleme in der Defensive ziehen sich wie ein roter Faden durch die Saison, in Hannover lief die Viererkette der Münchner bereits zum 14. Mal in dieser Saison in unterschiedlicher Zusammensetzung auf.

Doch selbst wenn die Bayern-Bosse jetzt zum letzten Mittel greifen und den Niederländer vor die Tür setzen: was dann?

Bis zu einem gewissen Grad lässt sich durch eine neue Ansprache vielleicht etwas erreichen, der berühmte Effekt eines Trainer-Wechsels ausnutzen.

Doch die architektonischen Probleme im Bayern-Kader verschwinden dadurch nicht. Der Offensive wurde zu Lasten der defensiven Stabilität in der Kaderplanung zu viel Bedeutung beigemessen, zu groß war der Traum, dem Vorbild Barcelona nachzueifern. Dieses Problem wird auch unter einem neuen Trainer nicht verschwinden.

Und vor allem: Wer soll in den verbleibenden neun Spielen als Feuerwehrmann den Super-GAU, das Verpassen der Champions League, verhindern?

Ottmar Hitzfeld, der nach dem Magath-Rauswurf 2007 einstieg, steht als Schweizer Nationaltrainer kurz vor der Vertragsverlängerung und ist in der EM-Qualifikation gefordert. Jupp Heynckes, 2009 nach dem Klinsmann-Desaster der Retter, grüßt derzeit mit Bayer Leverkusen von Platz 2, dem bayerischen "Mindestziel".

Mögliche Kandidaten mit mittelfristiger Perspektive wie Ralf Rangnick oder Matthias Sammer sind schwer vermittelbar und gingen die Gefahr ein, beim Verpassen von Platz 3 ihre Reputation zu beschädigen, bevor es zu Beginn der kommenden Saison richtig los geht.

Bliebe Fan-Liebling und Co-Trainer Hermann Gerland. Der steht mit der Drittliga-Mannschaft der Bayern aber mitten im Abstiegskampf.

Um dieses Rätsel zu lösen, bräuchte die Vorstandsetage der Bayern sicher mehr als nur eine Nacht zum Nachdenken. Diese Zeit wird sie sich aber kaum nehmen.

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