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Michael Ballack wechselte vor der Saison vom FC Chelsea zu Bayer Leverkusen © getty

Sein freiwilliger Verzicht gegen Wolfsburg ruft erneut Fragen über die Rolle von Michael Ballack auf. Die Bosse wiegeln noch ab.

Leverkusen - Der Capitano steht im Abseits.

Die als großer Coup gefeierte Rückkehr von Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack zu Bundesligist Bayer Leverkusen entpuppt sich immer mehr als großes Missverständnis.

Vorläufiger Höhepunkt war die Entscheidung des 34-Jährigen, auf eine Berufung in den Kader für das Heimspiel am Samstagabend zu verzichten, dass Bayer mit 3:0 gegen den VfL Wolfsburg gewann. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Stattdessen absolvierte "Balle" ein 90-minütiges Einzeltraining, um "seine vorhandenen Defizite" abzustellen, wie es offiziell von Bayer-Seite hieß.

Bosse spielen Situation herunter

"Ich habe diese Woche zwei Gespräche mit Michael geführt. Wir sind übereingekommen, ihn draußen zu lassen. Er ist nicht so fit wie drei oder vier andere Spieler, die zur Verfügung stehen", sagte Trainer Jupp Heynckes.

Von einem offenen Konflikt wollte er nichts wissen. Wie überhaupt der Werksklub versuchte, die Entscheidung Ballacks, nicht als Einwechselspieler gegen die Wölfe zur Verfügung zu stehen, herunterzuspielen.

"Die Situation ist halb so dramatisch", äußerte Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser, "Jupp hat das nötige Fingerspitzengefühl. Es ist zwar nicht einfach für den Trainer, aber er wird das in den Griff bekommen."

Treffen wegen der Causa Ballack

An eine weitere Eskalation glaubt der Sprecher der Geschäftsführung nicht. Holzhäuser wollte am Sonntag bei einem Treffen mit Heynckes und Sportchef Rudi Völler die Causa Ballack nochmals thematisieren.

Allerdings war die Sonderschicht des 98-maligen Nationalspielers am Samstagvormittag angesichts der personellen Probleme im Wolfsburg-Match schon sonderbar. 360390(DIASHOW: Der 25. Spieltag)

Zumal Bundestrainer Joachim Löw ("Ich kenne nicht die genauen Hintergründe und kann das nicht kommentieren"), der ebenfalls sehr überrascht über das Fehlen des als Führungsspieler von Bayer geholten Mittelfeldstars war, Augenzeuge der Begegnung in der BayArena war.

Trotz Personalnot nicht im Kader

Außerdem hatte Heynckes angesichts von Erkrankungen, Verletzungen und Sperren arge Personalnot und musste gleich vier Spieler ersetzen.

Nicht einmal die Ersatzbank der Rheinländer war komplett bestückt. Nach dem Spiel klagten weitere Bayer-Asse über einen Magen-Darm-Virus.

"Michael konnte nicht wissen, dass Rolfes, Derdiyok, Renato Augusto auch noch gesundheitliche Probleme haben würden", verteidigte der Cheftrainer den abwesenden Ballack.

Heynckes hatte indes keine Kenntnis, ob der Vize-Weltmeister von 2002 und WM-Dritte von 2006 überhaupt im Stadion war: "Ich weiß es nicht. Vielleicht war er in einer Loge oder im Büro von Rudi Völler."

"Hat sich entschieden, Defizite aufzuarbeiten"

Der Sportchef hatte seinerseits eine mögliche Erklärung für Ballacks Fernbleiben geliefert: der Routinier sei es in seiner Karriere bei den europäischen Spitzenklubs wie Bayern München oder FC Chelsea immer gewohnt gewesen, von Beginn an zu spielen.

Als Joker könne er hingegen seine Qualitäten nicht entfalten. Dazu Heynckes: "Es ist aufgrund seines Fitnesszustands schwierig für ihn, ins Spiel zu kommen und das Spiel zu ordnen. Deshalb hat er sich entschieden, die vorhandenen Defizite unabhängig vom Spielkalender aufzuarbeiten."

Völler, der im Sommer 2010 maßgeblichen Anteil am Ballack-Transfer hatte, weiß, wie problematisch der Fall ist.

Völler: "Das ist ein Teufelskreis"

"Es kann ja keiner was dafür, dass er zwei schwere Verletzungen in kurzer Zeit hatte. Natürlich braucht er Spielpraxis, aber die kann ihm der Trainer nicht geben. Das ist ein Teufelskreis. Wir brauchen ja einen Ballack in Topform, um unsere Ziele zu erreichen", sagte Völler bei "Sky".

Eines dürfte aber klar sein: Heynckes und Ballack werden keine großen Freunde mehr. Vor drei Wochen meldete sich der Bayer-Star sonntags mit einer Knieverletzung ab, nachdem er am Vortag in Frankfurt nicht zum Einsatz gekommen war. Diese Aktion hatte schon Kopfschütteln hervorgerufen.

Mitspieler äußern sich ungern

Ballacks Mitspielern merkte man an, dass sie nach dem Wolfsburg-Spiel höchst ungern Fragen zu ihm beantworteten.

"Das müssen beide im Gespräch untereinander klären", sagte Stefan Kießling, "wir müssen Michael unterstützen, um ihn fit zu kriegen. Wir sind ein Team."

Bayer bewies auf jeden Fall gegen Wolfsburg Moral, behauptete Platz zwei und rangiert jetzt sieben Punkte vor Bayern München. Heynckes sprach von einer "großartigen Mannschaftsleistung".

Und diese kam ohne Ballack zustande.

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