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Louis van Gaal gewann 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League © imago

Das Kapitel van Gaal beim FC Bayern ist bald Geschichte. Ausgerechnet die Erfolgstaktik aus dem Vorjahr wurde ihm zum Verhängnis.

Von Andreas Kloo

München - Nach den Wünschen der Bayern-Bosse hätte Louis van Gaal beim FC Bayern München eine neue Ära begründen sollen.

Doch es bleibt bei einem zweijährigen Intermezzo.

"Unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Klubs", seien der Grund für die vorzeitige Auflösung des Vertrags im Sommer. So steht es in der offiziellen Pressemitteilung des Rekordmeisters.

Doch letztlich wurde dem Niederländer ganz einfach sportliche Erfolgslosigkeit zum Verhängnis. Die "Saisonmindestziele sind infrage gestellt", sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge auf einer Pressekonferenz.

Mehr als nur Verletzungspech

In der Tat rangiert der FC Bayern in der Bundesliga nur auf Rang fünf. Und dafür ist nicht allein Verletzungspech mit den längeren Ausfällen von Arjen Robben und Franck Ribery als Grund anzuführen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Der erfahrene Trainer van Gaal hat auch Fehler gemacht - beziehungsweise zu lange auf einer persönlichen Linie beharrt, die in dieser Saison keinen Erfolg mehr brachte.

SPORT1 zeigt die Fehler van Gaals auf:

Emotionsloser Breitwandfußball statt lauffreudige Kreativität:

Ballkontrolle ist eines der Lieblingswörter Van Gaals. Mit eingeübten Ballstaffetten soll der Gegner müde gespielt werden. In der Vorsaison klappte dies.

Doch mittlerweile haben sich die Bundesliga-Gegner auf diesen Breitwandfußball eingestellt und unterbinden die Bayern-Angriffe durch geschicktes Verschieben.

Der Fußball 2010/11 wird indes von Borussia Dortmund zelebriert. Laufintensiv in der Defensive, schnell und zielstrebig, garniert mit klugen Pässen in der Offensive.

Gegentore wie Bayerns 1:3 in Hannover, als Sergio Pinto 35 Meter ungestört mit dem Ball durch das Mittelfeld laufen und abziehen durfte, würde der BVB kaum kassieren. Ihn hätte längst mindestens ein Spieler attackiert.

Kein Augenmerk auf die Abwehr:

Louis van Gaal verzichtete nicht nur auf Neuzugänge für die Abwehr, er legte auch keinen Wert auf ein spezielles Defensiv-Konzept

Der 59-Jährige ist großer Verfechter des holländischen Offensivfußballs. In der Rückrunde 2010 funktionierte diese Philosophie dank eines Arjen Robben vorzüglich und der FC Bayern schoss vorne immer mindestens ein Tor mehr als er hinten kassierte.

Doch diese Rechnung ging in dieser Spielzeit zu selten auf.

[kaltura id="0_vmi900e3" class="full_size" title="Rummenigge erkl rt das Aus"]

Die richtigen Spieler auf den falschen Positionen:

Es gehört ebenso zur holländischen Schule, dass ein Spieler flexibel einsetzbar sein muss. Doch van Gaal übertrieb es zuletzt mit diesem Prinzip, in dem er zuletzt nur wenig Spieler auf ihren eigentlichen Stammpositionen einsetzte.

Ob Mittelfeldspieler Anatoliy Tymochchuk als Innenverteidiger, den starken Sechser Bastian Schweinsteiger auf der Zehn, oder Neuzugang Luiz Gustavo als Linksverteidiger. 361499(DIASHOW: Van Gaal in München)

Die volle Qualität konnte keiner der drei auf diesen Positionen entfalten.

Torwarttausch:

Der Wechsel von Jörg Butt zu Thomas Kraft in der Winterpause war genauso mutig wie unnötig. Butt hatte sich in der Vorrunde keine schlimmen Patzer zu Schulden kommen lassen.

Van Gaal wollte damit ein Signal für den Start der Aufholjagd setzen. Und es passte zu seiner Jugend-Philosophie.

Doch mit der einsamen Entscheidung stieß er selbst seinen bis dahin engen Vertrauten, Sportdirektor Christian Nerlinger, vor den Kopf.

Ausgerechnet beim Schicksalsspiel in Hannover patzte Thomas Kraft dann.

Van-Bommel-Abgang:

"So etwas gab es beim FC Bayern noch nie". Nicht nur Mehmet Scholl reagierte geschockt auf die Entscheidung, den Kapitän in der Winterpause ziehen zu lassen.

Gerade bei den letzten drei Spielen zeigte sich, dass den Münchnern nun ein Anführer fehlt, der auch mal die Ärmel hochkrempelt.

Neu-Kapitän Philipp Lahm und Stellvertreter Bastian Schweinsteiger tauchten in der Woche der Entscheidung unter.

Keine Rotation:

Demichelis, Alaba, Braafheid, Van Bommel - Van Gaal ließ zahlreiche Spieler bedenkenlos ziehen, so dass ihm irgendwann die Möglichkeiten zum Durchwechseln fehlten.

Zwar hält der Niederländer ohnehin nicht viel vom Hitzfeldschen Rotationsprinzip.

Doch einerseits fehlten so einigen Spielern die benötigten Pausen, und andererseits fehlte den Dauerreservisten die Spielpraxis, wenn sie doch einmal gebraucht wurden.

Führungsstreit:

Der Vorstand sowie Präsident Uli Hoeneß ("Fußball ist keine One-Man-Show") waren schon seit längerem innerlich von van Gaal abgerückt.

Zu oft hatte er sich als beratungsresistenter Sturkopf präsentiert.

Das belastete das Gesamtklima und ließ ? trotz aller gegenteiliger Beteurungen - den Respekt der Spieler gegenüber dem Trainer herabsinken.

Transfer-Politik:

Nach der erfolgreichen Saison 2009/10 mit dem Gewinn des Doubles und dem Einzug ins Champions-League-Finale befand van Gaal keine Neuverpflichtungen für notwendig.

Dabei wäre ein Spieler wie Sami Khedira für einen ähnlichen Betrag zu haben gewesen, der nun für Luiz Gustavo überwiesen wurde.

Und dass in der Abwehr Nachbesserungsbedarf besteht, wurde schon in der Vorsaison klar.

Darüber hinaus war abzusehen, dass die jungen Spieler Thomas Müller und Holger Badstuber nach ihrer ersten Profi-Saison inklusive WM in Südafrika auch mal in ein Loch fallen werden.

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